Der Besuch des englischen Geschwaders

 Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 Der Besuch des englischen Geschwaders

 

Am 22. Juni 1881 bringt die Kieler Zeitung eine Nachricht über die Ankunft Jules Vernes in Kopenhagen:

Der berühmte französische Schriftsteller und Physiker Jules Verne ist auf seiner Lustyacht "St. Michel", die bekanntlich noch vor einigen Tagen in dem

 

Kieler Hafen lag, in Kopenhagen angelangt. Herr Jules Verne beabsichtigt mehrere Städte und schöne Punkte des skandinavischen Nordens zu besuchen.

 

 

Mittwoch, 22. Juni

Der Morgen. Während der Nacht gab es Gewitter. Weder Paul noch ich sind von Bord gegangen. Es sind die Kanonenschüsse des Geschwaders zu hören.Der Lotse kam um 1 Uhr 1/2. Um 3 Uhr Ankunft der Herren de Croix, Botschafter, Baron Gros, Unterdirektor, Herr Auraer, zweiter Sekretär, Herr de Serre, Kanzler und Herr Tronin, offizieller Dolmetscher.

Die Maschine steht unter Dampf. Wir machen eine Spazierfahrt auf die Reede und besichtigen die englische Flotte. Die Warrior, Hercules, die Lord Warden und 8 weitere Schiffe unter dem Kommando des Herzogs von Edinburgh. Der dänische König Christian IX ist an Bord. Er fährt wieder ab und begibt sich auf seine Yacht. Kanonenschüsse. Sie grüßen die königliche Yacht. Rückkehr in den Hafen. Wir grüßen den König, der unseren Gruß erwidert.

Der Botschafter lädt uns für Sonnabend 6 Uhr 1/2 zum Diner ein.

 

 

Schon am Tage nach unserer Ankunft in Kopenhagen hatten wir dem französischen Gesandten und dem Kanzler der Gesandtschaft einen Besuch abgestattet. Sie hatten uns auf eine sehr liebenswürdige Weise empfangen und auf unsere Einladung hin versprochen, an Bord der Saint-Michel zukommen.

Da wir meinten, unseren Gästen wäre es angenehm, eine Spazierfahrt auf die Reede zu machen, waren am verabredeten Tag die Feuer unter den Kesseln angezündet und die Saint-Michel hatte den erforderlichen Dampfdruck, wenn sie an Bord einträfen. Nach einer flüchtigen Besichtigung der Yacht, bei der sie deren Gepflegtheit und die ausgezeichnete Verfassung feststellten, schlug mein Bruder ihnen vor, hinaus zu dampfen,- ein Vorschlag, der mit Vergnügen angenommen wurde.

Unsere Leinen wurden unverzüglich losgemacht und eine Viertelstunde später traf die Saint-Michel einige Kabellängen vom englischen Admiralsschiff Hercules entfernt ein. Alle Schiffe des Geschwaders, mit Ausnahme eines einzigen - ich weiß nicht aus welchem Grund -, hatten über alle Toppen geflaggt. Die Hercules führte am Großmasttop den königlichen Stander von England, den man nur zu feierlichen Anlässen hisst. Wie um die Familienbeziehung hervorzuheben, die Dänemark und Groß-Britannien verbindet, flatterte daneben die dänische Flagge[41].

Der König von Dänemark war zu diesem Augenblick beim Herzog von Edinburgh zu Gast. Christian IX.[42] erwiderte dem Sohn der Königin von England damit den Besuch, den dieser ihm am Vorabend im Schloss Amalienborg abgestattet hatte.

 (Welch Glücksfall für uns!) Wenn diese Visite nur nicht zu lange ausgedehnt würde, so wollten wir dem Aufbruch des Königs, dessen Yacht einige Kabellängen von der Hercules entfernt vor Anker lag, und dem königlichen Salut, den das englische Geschwader bei dieser Gelegenheit ausbringen musste, beiwohnen. Ein solcher Salut ist sehr eindrucksvoll, besonders wenn die Schiffe zahlreich und mit schweren Geschützen bestückt sind. Jedes Kriegsschiff feuert, gleichzeitig mit dem Admiralsschiff, eine Salve von einundzwanzig Schuss ab, während die Matrosen, in den Mastkörben und auf den Rahen stehend, gemeinsam und kräftig[43] : hip! hip! hip! hurra! erschallen lassen.

 Dieses sehr interessante Schauspiel ist äußerst selten. Es war wirklich besonderes Glück, dass wir dabei sein konnten.

Bald setzt sich die Yacht des Königs in Bewegung und geht eine halbe Kabellänge von der Hercules auf Position, der sich auch die Saint-Michel, die sich ein wenig dahinter hielt[44], genähert hatte. Sie lag jetzt sehr dicht beim Panzerschiff Warrior.

Einige Minuten verstrichen. Dann erscheint Christian IX., begleitet von dem Kronprinzen und mehreren Mitgliedern der königlichen Familie an der zur Treppe geöffneten Schanzkleidung der Hercules.

Der König steigt, nachdem er dem Herzog von Edinburgh die Hand gedrückt hat, in seine Schaluppe hinab und nimmt Kurs auf seine Yacht, gefolgt von zahlreichen kleinen Fahrzeugen, die die Personen seines Gefolges befördern.

(Ein feierlicher Augenblick.) In diesem Moment klarte sich der Himmel, der bis dahin bedeckt war, auf. Ein Sonnenstrahl durchdringt die Wolken und trifft gerade auf die glitzernden Uniformen der dänischen Offiziere in der Eskorte.

Das purpurne Zelt, das das Achterschiff der königlichen Schaluppe überdeckt, erscheint von den goldenen Reflexen ganz erleuchtet, und die Persönlichkeiten, denen es einen Unterstand gibt, scheinen von einer strahlenden Aura umgeben zu sein.

 

In einem erstaunlich krassen Gegensatz stellen die Rümpfe der massiven und düsteren englischen Kriegsschiffe in jeder Stückpforte ihre mächtigen Artilleriegeschütze aus, furchtbare Werkzeuge der Zerstörung; wie um dieses unheilverkündende Zeichen vergessen zu machen, flattern die Wimpel und Flaggen in allen Farben in einem schillernd bunten Durcheinander bis zu den Mastköpfen hinauf, entfalten sich in der sanften Brise und verleihen dem überwältigenden Bild die heitere Note von Festtagen.

Doch Achtung! Auf einen Pfiff hin hatten sich die englischen Matrosen geschwind auf den Rahen verteilt. Ein Hornsignal ertönte. Das hip! hip! hip! hurrah! barst schallend aus den kräftigen Brustkörben von John Bull hervor. Ein zweites Hornsignal...und das Salutschiessen beginnt.

Im Nu war die Saint-Michel von Rauschschwaden umhüllt. Auf die vorherrschende Stille folgte der fürchterlichste Heidenlärm. Trotz des Krachens der Artilleriegeschütze setzte sich das durchdringende hip! hip! hip! der Matrosen wie ein heller Sopran[45] über einem tiefen Bass durch. Unsere Yacht lag so dicht an der Warrior, dass sie bei jedem ihrer Kanonenschläge bis zum Kiel erzitterte, während die plötzlich verdrängte Luft uns wie eine Orkanbö in´s Gesicht schlug.

 

Diese Wirkung ist nicht ohne Reiz. Anfangs ist man durch die heftigen Detonationen etwas aufgeregt; aber man gewöhnt sich rasch daran, wird davon benebelt und endet schließlich damit, dass man sie noch viel zu schwach findet. Es ist unmöglich, in diesem Monster-Konzert auch nur den geringsten musikalischen Entwurf zu entdecken. Man hört höchstens eine Tonleiter von geringem Umfang heraus, die durch die unterschiedlichen Rohrweiten der Geschütze entsteht. Wenn Richard Wagner einmal alle gegenwärtig verfügbaren Mittel der Orchestrierung erschöpft hat, wenn er kupferne Instrumente hat herstellen lassen, die so umfangreich sind, dass man ein ganzes Dutzend zum Hineinblasen bringen muss, um einen Ton herauszuholen, dann wird er vielleicht in den Kanonen von dreissig, von fünfzig und sogar hundert Tonnen kostbare Bundesgenossen entdecken. Diese neuartigen Musikinstrumente würden ihm insofern sehr nützlich sein, als seine vollkommen taub gewordenen Zuhörer im

Vertrauen auf harmonische, wenn auch manchmal gewagte, Kombinationen des deutschen Meisters sowieso Beifall spenden würden.

 

Aber man hätte Thomas Atkins während dieser Zeremonie sehen müssen: Er strahlte; die Augen traten ihm aus dem Kopf und unartikulierte Laute dringen aus seiner breiten Brust; indes fehlte nicht viel, so hätte er das Hip! Hip! Hip! ebenso aus Leibeskräften herausgeschleudert wie seine Landsmänner..

Der ehrenwerte Mann war so glücklich, dass wir ihn vielleicht- beachten Sie meine Einschränkung gut- vielleicht vor Auslaufen aus dem Hafens so hätten ansprechen sollen: "Atkins! Das englische Geschwader, Euer Geschwader auf das Sie so stolz sind, wird auf Seine Majestät den König von Dänemark den königlichen Salut ausbringen. Wir wollen bei dieser großartigen Feierlichkeit dabeisein; aber da wir Ihre Lotsenrechnung - dreissig Pfund! - ein wenig gesalzen finden, werden wir Sie nicht auf die Reede mitnehmen. Es sei denn, Sie willigen auf der Stelle ein, die besagte Rechnung auf zwanzig Pfund herunterzusetzen, und das ist immer noch gut bezahlt. Wenn Sie das ablehnen, dann müssen Sie für die Dauer unseres Ausfluges an Land gehen und werden nichts von der Feier mitbekommen! ... Entscheiden Sie sich!"

Nun gut, bei seinem Patriotismus, bei dem gerechtfertigten Stolz, den der Anblick seines Geschwaders bei ihm hervorrief, bei der Bewunderung, die er für seine Panzerschiffe empfand, würde er sicherlich ins Schwanken geraten, feilschen und schließlich imstande sein ... Nein, entscheiden nein, zehn Pfund opfern: niemals! ... Dann doch lieber an Land bleiben!

 

 

Mittwoch, 22. Juni (Fortsetzung):

Am Abend Besuch von zwei Journalisten und Verschickung von Büchern in dänischer Sprache.Dann wieder ins Tivoli. Ich habe den Abend mit dem ersten Sekretär der Gesandtschaft verbracht. Rückkehr um 10 Uhr 1/2.

 

 


[41] der Danebrog

[42] Jules Verne korrigierte zu Unrecht im ursprünglichen Text die beiden Male, in denen der König genannt wird, in Christian XII. Gemeint ist Christian IX (1818-1906), der von 1863 bis zu seinem Tod 1906 König von Dänemark war.

[43] ein neunfaches

[44] immer dicht hinter der Geschwaderlinie

[45] Durchdringender Diskant