Jules Verne Sommer 1861: Von Paris nach Hamburg

Von Paris nach Hamburg

über Köln, Hannover und Harburg

von Friedemann Prose (2011)

zu den Quellen und der Inhaltsübersicht: Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861

 

Dienstag, 2. Juli: Endlich müssen wir abreisen. Dienstagabend, der 2. Juli. Abreise um 5 Uhr 10 vom Gare du Nord. Bei Jeumont und Erquelinnes wird die Grenze nach Belgien überschritten. Ankunft in Charleroi (TB S.2). Bei Jeumont handelt es sich um die Grenzstadt Frankreichs. Erquelinnes liegt auf belgischer Seite und ist Zollstation. Die Stadt Charleroi an der Sambre ist Mittelpunkt eines großen Steinkohlenbeckens und hat eine bedeutende Maschinen-, Eisen- und Glasindustrie. Der Eindruck der Fabrik in der Nacht. Die vier Kirchen sind zu sehen. Die eine davon gehört zum Abt. (TB S.2).

 

Mittwoch, 3. Juli: Am Mittwochmorgen um vier Uhr kommen wir in Köln an.  Ein schöner Anblick. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt und begeben uns zum Dom. Er ist großartig, aber noch unfertig (der Dombau wurde erst 1880 vollendet, Verf.). Ein sehr weites Kirchenschiff. Das Gewölbe und die Fassade sind noch nicht abgeschlossen. Es gibt nur einen Turm, der sich bis zur Empore erhebt. Bis heute sind die Portale der beiden Türme fertig. Auch die beiden Fassaden der Seitenschiffe sind da. Die Stützmauern sind aus schönem bearbeiteten Stein. Es gibt keine Rosetten. Herrliche Fenster, die fast an gothique flamboyant grenzen. Das Innere der fünf Kirchenschiffe ist wunderschön und völlig abgeschlossen. (TB S.2).

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Murray informiert uns " Köln ist die größte und reichste Stadt am Rhein. Sie ist ein Freihafen und Festung erster Ordnung am linken Ufer des Rheins. Unter Einschluss von Deutz, dem Vorort und Brückenkopf am rechten Ufer, hat die Stadt 150, 000 Einwohner (14,000 Protestanten, 7500 Soldaten) (Mu, S. 34). Der Reiseführer geht ausführlich auf den von Jules Verne besichtigten Kölner Dom ein.

Zum St. Peters Dom heißt es im Murray´s, daß sein Bau bereits 1248 begonnen wurde. Nach einem Brand wurde schließlich 1322 der Chor geweiht. "Aber 1509 wurde der weitere Aufbau der Kirche gestoppt. Nur das Nord- und das Südseitenschiff des Hauptschiffs waren zu dem Zeitpunkt bis zu den Kapitälen der Säulen hochgebaut und wurden mit einem hölzernen Dach bedeckt. In diesem Zustand verblieb der Dom mehr als 300 Jahre.. 1830 wurde der ursprüngliche Bauplan wieder aufgenommen und 1842 begann das gute Werk mit der sorgfältigen Restauration der Teile des Doms, die bereits existierten...Die zwei Haupttürme mussten nach dem Originalplan auf die Höhe von 500 Fuß hochgebaut werden. Der Kran, der dazu benutzt wurde, die Steine auf die Turmspitze zu heben, stand 1861 noch, denn die Türme waren noch unvollendet....Im September 1848 wurden das Hauptschiff, die Seitenschiffe und das Querschiff geweiht. Das herrliche Südportal war 1859 fertig und das im Detail schlichtere Nordportal folgte wenig später. " Der Chor besteht aus fünf Schiffen, ist 161 Fuß hoch und bietet mit der Größe, Höhe und Anlage seiner Pfeiler, Bögen, Kapellen und wunderschön farbigen Fenster eine vollkommene Vision."  Das gotische Monument ruft innen und außen Ehrfurcht und Erstaunen hervor...Der Stein wurde aus Andernach und Mayen in der Eifel herangebracht und ist vulkanischen Ursprungs. Das handwerkliche Können beim Mauerwerk und den neuen Skulpturen ist hervorragend.

Um den Chor herum stehen gegenüber den Säulen vierzehn mächtige Standbilder der 12 Apostel, der Jungfrau und des Heilands, die aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts stammen. Der Murray weist darauf hin, dass das Hauptschiff und die farbigen Glasfenster öffentlich besichtigt werden können. Mit einer besonderen Eintrittskarte hat man Zugang zu den äußeren und inneren Emporen um den Chor herum, die wirkliche sehenswert sind. Die Karten sind beim Schweizer oder Küster zu bekommen, den man im Querschiff findet (Mu, S.36 f.).

 

Die Ansicht der Stadt bei der Abfahrt, der Rhein, die röhrenartige Eisenbahnbrücke und der Schiffsanleger. Die Verteidigungsmauer (TB S.2). Murray beschreibt näher, was Jules Verne bei seiner Abfahrt aus Köln aus der Eisenbahn heraus sieht: „Köln ist mit Deutz durch eine 1400 Fuß lange Pontonbrücke verbunden, die im Winter abgebaut wird, sowie durch eine schöne festgebaute Hängebrücke  mit doppelten Eisenrohren, 1352 Fuß lang, für den Eisenbahn-, Wagen- und Fußverkehr, die 1859 fertiggestellt wurde. Sie ruht auf drei Pfeilern mit einem Abstand von 313 Fuß, die so berechnet sind, dass sie dem Treibeis im Winter standhalten. Die Pfeiler tragen 4 Spannteile aus Eisengittern, von denen jedes 344 Fuß 6 inches misst....An den Kais am Rhein legen die Dampfschiffe nach Mülheim und Düsseldorf an...Die noch existierende äußere Stadtmauer ist ein fast vollständiges Beispiel für die Befestigungen des Mittelalters, mit malerischen Seitentürmen und Torhäusern (Mu , S.34).

 

 

Der Express-Zug fährt vom Hauptbahnhof ganz in der Nähe des Doms ab und überquert den Rhein auf der festen Eisenbrücke. Die Strecke führt zunächst über Düsseldorf und Duisburg nach Oberhausen. Von dort geht es weiter über Essen, Dortmund, Hamm, Bielefeld, Herford und Bad Oeynhausen über die Weser durch die Porta Westfalica nach Minden. Auf der Weiterfahrt wird  Bückeburg passiert. Ein rotes, hübsches Dorf (TB S.2).

 

Der Fluss Leine wird überquert. Plaudernd erreichen die Reisenden um zwei Uhr Hannover. Es regnet. Ein Blick auf die Stadt, das Theater. Der Eindruck ist angelsächsisch. Die  Häuser aus Backstein fallen auf "die man in ganz Deutschland wiederfinden kann". Alte Kirchen prägen das Stadtbild. Gotik. Die Abfahrt kommt. Zurück zum Bahnhof, von dem aus Strohdachkaten zu sehen sind. Um vier Uhr erfolgt die Abfahrt aus Hannover. (TB S.3).

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Zwei Stunden Aufenthalt in der Stadt an Leine und Ihme, 1861 noch die ansehnliche Hauptstadt des Königreichs Hannover. Vor dem Bahnhof wurde später, aber im gleichen Jahr 1861 das Denkmal für den Welfenkönig Ernst August, in Husarenuniform, errichtet. Wir folgen Murray auf einem Rundgang in Bahnhofsnähe: Vom Bahnhofsvorplatz führt die Louisenstrasse zum dreieckigen Theaterplatz, in dessen Mitte das Königliche Schauspielhaus steht. Der gut gestaltete Bau wurde zwischen 1845 und 52 errichtet, hat eine griechische Fassade und ein Portico, das mit zwölf Statuen von Komponisten und Dichtern geschmückt ist. Über den Aegidienplatz kommt man zur Marienstrasse mit der Gartenkirche, auf deren Friedhof Charlotte Kestner liegt, das Vorbild der Lotte in Goethes "Leiden des jungen Werther". Die Breite-Strasse bringt uns zur gotischen Aegidienkirche aus dem Jahre 1347 und 1825 restauriert. Die Marktstraße führt zum Marktplatz, dem Zentrum der verwinkelten Altstadt, die reich an stolzen, idyllischen und malerischen Häusern mit Treppengiebeln ist. Das Rathaus ist ein gotischer Ziegelbau und auch die Marktkirche wurde 1349 aus roten Ziegeln errichtet. Ihr Turm mit dem Treppengiebel ragt 290 Fuß auf. Vielleicht reichte der Stadtbummel auch bis zum Schloss und dem alten Palast, der Residenz von Ernst August. (Mu, S.174 f.).

 

Die Weiterreise geht durch ein flaches, gleichförmiges Land (TB S.3): Celle, inmitten einer sandigen Ebene, Uelzen, Lüneburg in Moor und Heide und Bardowiek sind die  Eisenbahn-Stationen bis Harburg. Im Celler Schloss beendete 1775 die unglückliche Caroline Mathilde, geschiedene Gemahlin des dänischen Königs Christian VII und ehemalige Geliebte Struensees, ihr kurzes Leben, nachdem sie 1772 von Schloss Kronborg (Helsingör) in das Königreich Hannover verbannt worden war. Sie war die Schwester des englischen Königs George III. Murray erwähnt zu Lüneburg, es sei eine interessante alte Stadt an der schiffbaren Ilmenau. Umrundet von einer Stadtmauer hat die Stadt ihren altertümlichen Eindruck bewahrt. Auch die Salzquellen und der Salzabbau werden erwähnt.(Mu, S. 129f.). Bardowiek, berichtet Murray, war einst die wichtigste und reichste Handelsstadt in Norddeutschland, bis sie Heinrich der Löwe im Jahre 1189 zerstörte. Hamburgs Aufstieg und Reichtum sei auch dem Niedergang von Bardowiek zu verdanken. Zur Zeit der Durchreise von Jules Verne 1861 war nur noch ein Fragment des alten gotischen Domes erhalten (Mu, S. 129).

 

Im Murray´s wird bemerkt, dass der Blick ins Land vom Schwarzen Berg vor Harburg schön sei. (Mu S. 129) Um acht Uhr am Abend des dritten Juli kommen Jules Verne und seine Freunde in Harburg an, das damals noch zum Königreich Hannover gehörte und erst später (1866) zu Preußen kam, und steigen in den Omnibus um. Der Omnibus war zu damaliger  Zeit ein Pferdefuhrwerk, wie auf dem Bild vom Gare du Nord zu erkennen (so).  Harburg hatte 1861 zwei Bahnhöfe. Den Unterelbe-Bahnhof für die Züge nach Buxtehude, Stade und Cuxhaven, sowie den Hannoverschen Bahnhof. Hier kamen die Züge der Route Hannover-Celle-Lüneburg-Harburg an. Harburg liegt auf dem ersten Ufer der Elbe. Der Hannoversche Bahnhof, auf dem die Reisenden aus Paris ausstiegen, befand sich direkt am Harburger Hafen gegenüber der Schlossinsel. Mit einem Dampfer wird die Elbe in einer ersten und einer zweiten Überfahrt überquert (TB S.3). Die Elbbrücken von Harburg nach Hamburg gab es 1861 noch nicht. Sie wurden erst 1872 fertig. Verne geht später in seinem Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde"(1864) auf diese besondere Verkehrssituation ein, indem er Axel, den jungen Neffen von Professor Lidenbrock, sagen läßt:  "ich erreichte... das Elbufer bei der Dampffähre, die die Stadt mit der Harburger Eisenbahn verbindet"(ME S. 53).

 

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Jules Verne Hamburg in vierundzwanzig Stunden 

Literatur

zum Tagebuch Jules Verne Skandinavienreise 1861 s.vorherige Kapitel.

Murray, John (1877). Murrays Hand-Book Rhine & North Germany, Nineteenth Edition, corrected . London: John Murray (im Text abgekürzt als Mu)

Verne, Jules (1864). Voyage au centre de la terre.Paris: Hetzel 

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