Jules Verne Sommer 1861: Jules Verne in Kiel 1861

Jules Verne Sommer 1861

Vor 150 Jahren, am 7. August 1861, kam Jules Verne erstmals nach Kiel. Aus diesem Anlass soll hier der Ablauf dieser Reise für den Teil von Kopenhagen über Kiel nach Altona rekonstruiert werden. Zwanzig Jahre später, im Sommer 1881, passierte Jules Verne an Bord seiner Dampfyacht Saint Michel III zwei weitere Male die Stadt:  Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881, Vorwort

 

 

Vorbemerkung

 

Die Basis der hier vorgestellten Reisebeschreibung sind zwei Handschriften von Jules Verne in französischer Sprache. Beide, "Joyeuses misères" und "Carnet du voyage en Scandinavie". Sie sind im Original in der Bibliothèque d´Amiens Métropole, Collection Jules Verne, aufbewahrt. Von dort wurde uns freundlicherweise eine Kopie des Tagebuches überlassen. Dieser Kopie sind auch die in den Gesamttext eingebundenen Zeichnungen von Jules Verne entnommen. Wir danken der Bibliothek, insbesondere Monsieur Bernard Sinoquet und seinem Team, an dieser Stelle ausdrücklich für die gute und freundliche Zusammenarbeit. Uns verbindet die Hoffnung, dass die vorliegende Schrift sowohl dem Interesse der Leserschaft an Jules Verne als auch der Forschung zum Werk und Leben dieses großen französischen Autors einen weiteren kleinen Impuls geben kann.

Die Entzifferung und Übertragung der Tagebuchnotizen von Jules Verne wurde zusammen mit Adeline Defer (Lille, France) vorgenommen. Die Übersetzung der anderen Quellen sowie des Romanfragments erfolgte durch den Autor.

Kiel, im Juli 2011                                                                                      Friedemann Prose

 

 

Aus: Jules Verne´s Sommer 1861


Von Kopenhagen über Kiel nach Altona

von Friedemann Prose ( Juli 2011)

 

Vor 150 Jahren, am Mittwoch, den 7. August 1861, kam der damals noch unbekannte französische Autor Jules Verne erstmals nach Kiel. Es handelt sich NICHT um den Aufenthalt an Bord seines Schiffes Saint Michel III im Jahre 1881, also zwanzig Jahre später. Der Bericht darüber von Bruder Paul Verne dürfte zumindest in Kiel bereits weitgehend bekannt sein.

 

Jules Verne hat die Skandinavienreise 1861 zusammen mit zwei Freunden, Aristide Hignard und Emile Lorois unternommen. Der Schriftsteller und seine Begleitung reisten von Paris über Köln, Hannover und Harburg zunächst nach Hamburg. Von dort nach Lübeck und mit dem Dampfschiff Svea nach Stockholm. Die Freunde durchquerten Südschweden und Südnorwegen.

 

Die Rückreise erfolgte von Oslo über Kopenhagen und Korsör nach Kiel. Von dort ging es mit der Bahn nach Altona und Hamburg und schließlich nach Paris. Dort war inzwischen Jules Vernes erster und einziger Sohn Michel geboren worden. Teile der Reise wurden im Roman „Reise nach dem Mittelpunkt der Erde“ (1864) verarbeitet, ebenso im Norwegen-Roman „Das Lotterie-Los“, der erst 1886 erschien.

 

Das hier vorgestellte Kapitel ist ein Teil des Versuchs, die gesamte Skandinavienreise 1861 zu rekonstruieren. Die Ausformulierung der Tagebuchnotizen von Jules Verne ist blau markiert und mit der Angabe TB sowie der entsprechenden Seitenzahl des Tagebuches versehen. Die Zuordnung der ausgewählten Textstellen aus der französischen Ausgabe von „Die Reise nach dem Mittelpunkt der Erde“ ist mit MdE benannt. Das Handbook Denmark (1875) unter den damals gut bekannten Reiseführern von Murray´s soll mit dem Kürzel Mu bei der Veranschaulichung der Reiseroute helfen. Dieser Reiseführer wird von Jules Verne im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Skandinavienreise 1861 (Joyeuses misères...) ausdrücklich erwähnt.

 

Hotel Phoenix (Kopenhagen, Bredgade)

 Dienstag, 6. August 1861: ...Ein Wagen fährt vor , um uns zur Abfahrt der Bahn um sieben Uhr zu bringen. Das Gepäck wird aufgeladen. Die Fahrt vom Hotel Phönix in der Bredgade "dauerte eine halbe Stunde, denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt."(ME, S.67). Es geht am Tivoli vorbei. Der Bahnhof ist klein, aber belebt. Davor steht ein Obelisk aus verschiedenartigem Stein mit vier Standbildern. Eins davon entzückend aus Sandstein. (TB, S.78). Abb. TB S. 78

 

 Der erste Bahnhof von Kopenhagen (n. S. Christiansen, 1863)

Der Obelisk ist im Hintergrund des Bahnhofsgemäldes rechts zu sehen (Auskunft von Lejf Rasmussen, 2011).

Die Postkarte zeigt das Freiheitsmonument in Kopenhagen und veranschaulicht Jules Verne´s verbale Beschreibung.

Über den Obelisken, den Jules Verne so hervorgehoben hat, gibt uns Murray´s Reiseführer Dänemark auf Seite 47 nähere Auskunft. Dort heißt es: „ Der Weg (zum Bahnhof) führt an der Frihedsstötte vorbei, ein Obelisk mit den allegorischen Figuren Glaube, Mut, Vaterlandsliebe und Fleiß. (Der Obelisk ist ein Denkmal für die Bauernbefreiung unter Christian VII im Jahre 1788. Er steht seit 1797 in Vesterport außerhalb des Zentrums von Kopenhagen, am gleichen Ort, an dem später der Bahnhof erbaut wurde.).“ König Christian VII. von Dänemark ließ auch den Eider-Kanal von der Ostsee quer durch die Cimbrische Halbinsel bis zur Nordsee erbauen. Diesen Kanal wird Jules Verne zwanzig Jahre später, im Sommer 1881, auf seiner Dampfyacht Saint Michel III sowohl auf der Hinreise nach Kopenhagen als auch auf der Rückreise in die Bretagne durchfahren..

 

Wie wir sehen werden, geht die Fahrt mit der Eisenbahn zunächst von Kopenhagen nach Korsör. Jules Vernes Zeitangaben werden durch einen Fahrplan aus dem Jahre 1856 bestätigt (nachgedruckt in der Lokalzeitung "Korsoer-Posten" im April 2006). Danach fährt täglich um 7 Uhr abends ein Zug von Kopenhagen nach Korsör ab, wo er um 10 Uhr 30 ankommt. Es waren also "drei Reisestunden“, wie es auch im Roman „Die Reise an den Mittelpunkt der Erde“(ME, S.66) angegeben wird, mit der Eisenbahn von der Hauptstadt von Dänemark bis zum Hafen von Korsör.

 

Wir fahren ab. Es gibt Raucherwaggons. Ein flaches Land. Das Meer ist zu sehen, eine Bucht. Ein Gefängnisgebäude (TB, S.78), notiert Jules Verne. Murray´s Reiseführer beschreibt den ersten Abschnitt der Reise näher: Die Reise beginnt mit der "Überquerung des Seen-Gürtels, der den inneren Teil von Kopenhagen umschließt. Schloss und Park von Frederiksberg bleiben zurück...(S. 44).“ Diesem Teil der Eisenbahnstrecke lässt sich eine Textstelle aus dem der Reise zum Mittelpunkt der Erde zuordnen, in der die Fahrtrichtung jedoch umgekehrt, also von Korsör nach Kopenhagen, ist. Hier  heißt es über Professor Lidenbrock: "Endlich gewahrte er einen flüchtigen Ausblick auf das Meer. "Der Sund!" rief er aus. An dieser Stelle befand sich zu unserer Linken ein ausgedehnter Bau, der aussah wie ein Krankenhaus. "Das ist ein Irrenhaus", sagte einer unserer Reisegefährten. "Trifft sich gut", dachte ich, "da haben wir eine Einrichtung, in der wir unsere Tage beschließen sollten!". (MdE, S.66)

 

Murray´s Hand-Book Denmark beschreibt weiter: “Die ersten 18 Meilen der Bahnreise sind uninteressant. Die Landschaft, obwohl fruchtbar und im Ganzen gut landwirtschaftlich bebaut, ist sehr kahl (S. 44). Damit übereinstimmend heißt es in der Reise zum Mittelpunkt der Erde, Die Eisenbahn „beförderte uns durch eine Gegend, die nicht weniger flach war als die Landschaften von Holstein“ (MdE, S.66).

 

Dann notiert Jules Verne in seinem Tagebuch: Die Kirche (der Dom) von Roskilde (TB, S.78). In Murray´s Reiseführer finden wir bestätigt: „Von der Bahn aus erblickt man den Dom von Roskilde und kann auch die herrliche Lage am Ende des Fjords genießen, der weit bis zum Herzen von Seeland in das Land eindringt.“ (S.44).

 

In Jules Vernes Tagebuch finden sich keine weiteren Eintragungen zu diesem Abschnitt der Reise. Nach Murray wollen wir aber ergänzen, woran er an diesem Tag vorbei fährt: „Dann Ringsted. Rechts von der Bahnlinie taucht bald ein schöner See auf. Ein großes weißes Gebäude liegt auf dem gegenüberliegenden Ufer, die Sorö Akademie, die im letzten (18.) Jahrhundert von dem gefeierten dänischen Autor Ludvig Holberg gegründet wurde. Der Zug fährt durch eine der schönsten Gegenden von Seeland, reich an weiten Wäldern und Seen, in deren Mitte Sorö liegt. Die letzte Station vor Korsör ist Slagelse, ein Ort, der nichts besonders Interessantes bietet.“ (Mu, S.44).

 

Schließlich wird Korsör erreicht. Um zehn Uhr kommen wir in Korsör an (TB,S.78), "einer kleinen Stadt, die an der Westseite von Seeland gelegen ist"(ME, S.66). In Murray´s Reiseführer finden wir eine nähere Beschreibung. Murray, S.44: „Korsör ist der wichtigste Knotenpunkt des inneren Verkehrssystems von Dänemark, aber hat nichts, was die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich lenken könnte. Die kleine Bucht ist durch eine flache Halbinsel, auf der die Kleinstadt liegt, vom Meer getrennt und wirkt wegen seiner schmalen Einfahrt wie ein Binnensee." (Mu, S.44).

 

Ein Zwischenziel der Reise ist erreicht. Der Bahnhof. Ein Dampfboot mit hohem Schornstein.(TB, S.78). Jeden Abend fährt ein Dampfschiff nach Ankunft des letzten Bahnzuges von Kopenhagen von Korsör nach  Kiel. Die Reisenden steigen von der Bahn auf das Boot um. In der Reise zum Mittelpunkt der Erde wird geschildert, was jetzt geschieht: "Da unser Gepäck nach (Kiel) aufgegeben  war, brauchten wir uns nicht mehr darum zu kümmern. Doch der Professor verfolgte es mit unruhigem Blick, während es auf das Dampfboot befördert wurde. Dort verschwand es in den Tiefen des Frachtraums." (MdE S.64f.)

 

Der Raddampfer Hermod (Korsör-Kiel)

 

Eine vibrierende, gut belüftete Maschine. Wir haben eine Kabine mit der Nummer 11 bekommen.(TB, S.78). Jules Vernes Angaben werden durch eine Notiz in der Zeitung "Korsoer avis" von Montag, dem 5. August 1861 bestätigt. In ihr wird mitgeteilt, dass am Dienstag, dem 6. August, das Dampfschiff "Hermod" am Abend um zehn Uhr dreissig, nach der Ankunft des Abendzuges (von Kopenhagen) nach Kiel abreisen werde. Die Seeländische Eisenbahn von Kopenhagen nach Korsör war erst fünf Jahre vor Vernes Reise am 21. April 1856 eröffnet worden. Die Hermod war ein Raddampfer, der im Roman Die Reise an den Mittelpunkt der Erde in „Ellenora“ umbenannt ist.

 

Die Leinen werden gelöst. Um zehneinhalb Uhr fahren wir ab. Die Küste. (Die Insel) Langeland kommt in Sicht. Küstenfeuer. In der Ferne ein kreisender Leuchtturm.(TB, S. 78). In der "Reise zum Mittelpunkt der Erde heißt es an dieser geographischen Stelle: "Der Dampfer Ellenora lief nicht vor der Dunkelheit aus...Die Rauchwirbel der Ellenora breiteten sich am Himmel aus; das Deck erzitterte leise unter den Schwingungen der Dampfmaschine; wir befanden uns an Bord und waren Inhaber von zwei Etagenkojen in der einzigen Kabine des Bootes. Um zehn ein Viertel Uhr wurden die Leinen losgeworfen und der Dampfer lief rasch in  die dunklen Gewässer des Grossen Belt aus. Die Nacht war schwarz; es herrschte eine stattliche Brise und hoher Seegang. Aus der Finsternis tauchten einige Küstenfeuer auf; später, ich weiß nicht wo, blitzten die Scheinwerfer eines Leuchtturms über die Fluten. Das ist alles, was sich in meiner Erinnerung an diese erste  Überfahrt erhalten hat."(MdE, S. 66).

 

Um elf Uhr habe ich mich schlafen gelegt. Das Meer war stark bewegt. Das Schiff ist gut eingerichtet.(TB, S.78). In "Murray´s Hand-Book Denmark" (S.31) heißt es über die Dampfboote von Korsör nach Kiel: "sie sind sehr gut und komfortabel für ihre Größe und ein Abendessen (1 dänischer Taler) kann an Bord eingenommen werden. Die Schlafgelegenheiten sind meistens sehr gut."

 

Mittwoch, d. 7. August 1861: Um fünf Uhr bin ich aufgestanden. Wir laufen  in die Bucht (Förde)ein, an deren Ende die Stadt Kiel liegt. Ein schöner Anblick. Die Kirche (Nikolaikirche).Ein dicht belaubter Wald. Die Promenade. Landhäuser mit ihren Badehäusern am Meer. Das Städtchen. (TB,S. 78).

 

Wie sich die Stadt an der Förde zu damaliger Zeit den Reisenden darbietet, veranschaulicht uns wiederum der Reiseführer "Murray´s Hand-Book of Denmark" (S. 30), Danach dürfte  Jules Verne, als der Dampfer am frühen Morgen durch das stille Wasser der Kieler Förde glitt, den reichen Charakter des Landes hochgeschätzt haben. "Der Hafeneingang wird auf der Westseite durch die starke Festung Friedrichsort beherrscht...Kiel liegt am Ende der Kieler Bucht oder Förde und wird als der beste und sicherste Ankerplatz und Winterhafen an der gesamten südlichen Küste der Ostsee gelobt....Es ist eine alte Stadt, aber war nie reich oder im Besitz eines umfangreichen Handels. Die Stadt hat eine Universität, die aber nur von ungefähr 250 Studenten besucht wird. An ihrem nördlichen Ende steht das herzogliche Schloss (zeitweilig war es die Residenz des dänischen Königs). Die Situation ist außerordentlich hübsch. Eine Schiffstour auf der Bucht kann empfohlen werden und es gibt entzückende Straßen und Spazierwege, die in allen Richtungen eine Aussicht auf die herrliche Landschaft der Bucht bieten. Besonders hervorzuheben ist Düsternbrook mit dem Hotel und Restaurant Bellevue etc., das auf dem Westufer der Bucht, mit Blick über die See,  in einem schönen Buchenwald liegt. Ein wenig weiter nach Norden liegt Holtenau, wo der Eiderkanal, der hier die Grenze zwischen Holstein und Schleswig bildet, sich zur Bucht hin öffnet. Der Kanal verbindet den Fluß Eider, und damit die Nordsee, mit der Ostsee (dem baltischen Meer). Von Holtenau aus kann man einen herrlichen Spaziergang den Kanal entlang nach Knoop, einem Herrenhaus mit einem Park, machen."

 

Das Anlegemanöver ist schwierig. Der Bahnhof liegt dicht am Kai. Wir sind angekommen. Der Wartesaal. Wir haben eine Stunde Aufenthalt.(TB,S. 78).

Damaligen Fahrplänen ist zu entnehmen, dass die Eisenbahn von Kiel nach Altona täglich um 7 Uhr Morgens und um 4 Uhr 20 am Nachmittag fährt. Bei einer Stunde Aufenthaltszeit muss die Hermod um 6 Uhr in der Frühe in Kiel festgemacht haben. Die Passage von Korsör südwärts nach Kiel dauerte in der Regel sechs bis acht Stunden. Die Ankunftszeit der Hermod, wie Jules Verne sie angibt, liegt somit genau in diesem Zeitrahmen.

 

In der "Reise zum Mittelpunkt der Erde" ist angegeben, dass der Zug in Kiel "nur zwei Schritte von der See entfernt" (MdE, S.64) hält. Der Kieler Bahnhof (s. Abb.) liegt, wie Jules Verne es zutreffend beschreibt,

Der erste Kieler Bahnhof

direkt an der Förde und der Dampfer-Anlegestelle. Die Abbildung zeigt den Bahnhof um 1850. Links ist die Förde mit einem Segelboot zu sehen, rechts die Lokomotive und die Waggons der Eisenbahn von Kiel nach Altona.

In einer zeitgenössischen Beschreibung heisst es: Wer mit der Eisenbahn weiterreisen will, geht von der Hauptstrasse hinein in den ersten Eingang (des Bahnhofsgebäudes). Man findet da gleich links den Schalter für die  Billetausgabe und auf derselben Seite die Wartezimmer, rechts führt ein Corridor in das Bahnhofs-Hotel...Dem Wartezimmer gegenüber ist die Gepäckexpedition.

 

Während die Reisenden warten wird inzwischen, so dürfen wir annehmen, das Gepäck vom Boot in die Bahn umgeladen: Das wird in der Reise zum Mittelpunkt der Erde so beschrieben: "die zahlreichen Gepäckstücke meines Onkels, seine umfänglichen Reiseartikel wurden abgeladen, fortgeschafft, gewogen, mit Zetteln versehen, in den Gepäckwagen umgeladen, und um sieben Uhr saßen wir, der eine dem andern direkt gegenüber, im gleichen Abteil. Der Dampf zischte, die Lokomotive setzte sich in Bewegung. Wir waren abgereist."(MdE, S.63). Um sieben Uhr (!), schreibt Jules Verne, erfolgt bereits die Abreise (.(TB, S.79).

 TB Seite 79

Der Besuch Jules Vernes in Kiel ist also nur kurz und es wird keine Gelegenheit zu größeren Spaziergängen entlang der Förde gegeben haben.  Professor Lidenbrock und Axel haben einen längeren Aufenthalt in dieser Stadt:. Sie reisen von Altona nach Kiel, also in umgekehrter Richtung. Im Roman Die Reise nach dem Mittelpunkt der Erde hält ihr Wagen bereits um sechs Uhr dreissig in der Frühe vor dem Bahnhof von Altona. Gegen sieben Uhr reisen sie nach Kiel ab (MdE, S. 63). Drei Stunden nach der Abfahrt, also um !0 Uhr, hält der Zug in Kiel. (S. 64). Jetzt ist viel Zeit, denn „die königlichen Postdampfschiffe Hermod, Freya und Eideren fahren allabendlich, wenn der letzte Zug aus Altona eingetroffen ist, von hier nach Korsör.“. Dies stimmt überein mit der Angabe im Roman „um zehn Uhr ein viertel Uhr werden die Leinen gelöst“ (MdE, S. 65). Bei dieser Zeitspanne ist es nachvollziehbar, wenn es in der Reise nach dem Mittelpunkt der Erde heisst:  "In Kiel, wie sonstwo, muß man wohl einen Tag herumbringen können.  Wir gingen auf den grünen Ufern der Bucht, an deren Ende sich die kleine Stadt erhebt, spazieren, durchstreiften die dicht belaubten Waldungen, die ihr das Aussehen eines Nestes in einem Büschel Zweige verleihen,  bewunderten die Landhäuser, von denen ein jedes mit seinem  Badehäuschen am kühlen Wasser ausgestattet ist, und unter Herumlaufen und Schimpfen hatten wir es schließlich bis zehn Uhr abends geschafft." (MdE, S.65). Für diese Schilderung hatte Jules Verne durch seine immerhin einstündige Fahrt an den Ufern der Förde entlang von der Ostsee bis zur Stadt am äußersten Ende der Bucht genügend Bilder festgehalten. Es liegt nahe, dass er die Seereise der Anfahrt in einen Spaziergang an Land umgewandelt hat.

 

In Kiel kann Jules Verne auch auf den Schiffsnamen Viken gestoßen sein. Ein Schiff mit diesem Namen spielt im Norwegen-Roman Das Lotterielos eine Rolle. Er kann am Bahnhof den Hinweis gesehen haben, dass jeden Sonnabend um 11 Uhr mittags die Viken vom Bahnhofskai nach Christiania (Oslo). abfährt.

 

Die Ostseebahn des dänischen Königs Christian VIII., mit der die Reisenden von Kiel nach Altona fahren, war 1844 am Geburtstag des Königs in Betrieb genommen worden.

Medaille zur Ostseebahn Christian VIII

Die Abbildung zeigt eine Medaille, die aus Anlass der Einweihung geprägt wurde. Sie zeigt auf der Vorderseite König Christian VIII. von Dänemark und auf der Rückseite die Lokomotive "Holstein" der Ostseebahn.

Kieler Ansicht mit Ostseeeisenbahn

Die nächste Abbildung zeigt die Ostseebahn 1850 mit der Stadt Kiel im Hintergrund. Dieses in Kiel bekannte Motiv wurde später vom Jules Verne Zeichner Riou aufgegriffen und taucht als Illustration zu Paul Vernes Reisebericht über die 1881er Fahrt durch den Eiderkanal auf. Paul und Jules Verne reisten damals über Kiel nach Kopenhagen und zurück.

Kieler Ansicht mit Ostseeeisenbahn von Jules Verne´s Zeichner Riou

Jules Verne kommentiert in seinem Tagebuch die Weiterreise: Der Zug durchquert ein flaches Land, nicht weniger flach als die Ebenen von Seeland zwischen Kopenhagen und Korsör (s.o.), mit unbesetzten Bahnhöfen, auf denen Fisch und Früchte verkauft werden.(TB, S.79). Auch Axel beschreibt in der Reise zum Mittelpunkt der Erde die Fahrtstrecke zwischen Altona und Kiel wie folgt. "...Die frische Luft und die Einzelheiten der Fahrtstrecke, die durch die Geschwindigkeit des Zuges in rascher Folge neu auftauchten, lenkten mich...ab“. - Monotonie. „(Ich) machte mich...daran, die Landschaft aufmerksam zu betrachten. Sie bestand aus  einer schier endlosen Folge von kaum sehenswertem Flachland, eintönig, schlickig und ziemlich fruchtbar: ein Gelände, das sehr günstig für die Anlage eines Schienenweges ist und jene schnurgeraden Linien bevorteilt, die von den Eisenbahngesellschaften so geschätzt werden. Aber diese Monotonie hätte gar keine Zeit gehabt, mich zu ermüden, denn drei Stunden nach unserer Abreise hielt der Zug..." (MdE, S. 64).

 

Folgen wir der Schilderung der gleichen Reisestrecke in Murray´s "Hand-Book Denmark" S.29f.), so gewinnen wir einen strukturierteren und abwechslungsreicheren Eindruck: „In der Umgebung von Kiel bietet nach Süden das Tal der Eider hübsche Seen und bewaldete Hügel. Der Fluss Eider folgt der Richtung der Eisenbahn und bleibt bis mehrere Meilen von der Ostsee entfernt in ihrer Nähe. Dann wendet er sich plötzlich nach Westen, um schließlich, nachdem er die ganze Halbinsel durchquert hat, in die Nordsee zu fließen. Danach verläuft die Linie von Kiel nach Altona durch die ärmsten Gegenden des Herzogtums (Holstein), die noch vor kurzem aus Mooren und Sümpfen bestanden, deren umfangreichere Kultivierung aber beginnt.

Neumünsterhat bedeutende Bekleidungsfabriken. Nach Neumünster kommt an der Bahnlinie von Kiel nach Altona Elmshorn. Die letzte Station vor Altona ist Pinneberg, ein hübsches Dorf mit Wäldern und Wasser, eine bevorzugte Sommerfrische der Altonaer Bürger. Altona war ursprünglich das Fischerdorf Altenau, benannt nach einem kleinen Fluß, einer Au, die hier ihren Weg in die Elbe fand und es von dem (Hamburger) Vorort St. Pauli trennte. Im 17. Jahrhundert erhielt es von den dänischen Königen, die hofften, einen Teil des reichen Handels von Hamburg auf ihr Territorium zu ziehen, Vorrechte als Marktort und andere Vorteile. Offensichtlich dachten die Hamburger, daß der Plan Erfolg haben werde, da sie dem Ort den Spitznamen "All-zu-nah" gaben, und dieser Spitzname ist heute der richtige Name der Stadt, die 74 131 Einwohner hat und ein Freihafen ist, für den Reisenden allerdings wenig bietet.“

 

Der erste Bahnhof von Altona

 

Tatsächlich gelangten die Reisenden aus Kiel nach drei Stunden nach Altona: Ankunft in Altona, dieser langen Vorstadt, um 10 Uhr (TB, S.79) Das Holsteiner Territorium liegt gzurück..Die Vorstadt von Hamburg war damals noch die Hauptstadt der zur dänischen Krone gehörenden Provinzen Schleswig und Holstein. Professor Lidenbrock und Axel fahren ja in umgekehrter Richtung, aber die Schilderung Altonas im Roman Reise nach dem Mittelpunkt der Erde passt entsprechend: "Altona, tatsächlich jenseits der Stadtgrenze von Hamburg gelegen, ist der Kopfbahnhof der Eisenbahnlinie von Kiel, die uns an das Ufer des Belt bringen sollte. In weniger als zwanzig Minuten würden wir in das Gebiet von Holstein einfahren." (MdE, S.63).

 

Die Ankunft der Reisenden in Altona wird so verlaufen sein, wie es im Roman beschrieben ist. Die Kutsche hält vor dem Bahnhof; sie wird mit dem Reisegepäck beladen. "Darauf rannten die Pferde, durch das Pfeifen ihres Kutschers angeregt, im Galopp über die Altonaer Strasse." (MdE, S.63). Es ist die Straße, die die "schöne Vierländerin" Gräuben von Hamburg zu ihren Verwandten in Altona geht und auf die Axel bei seinem Spaziergang "längs dem Ufer der Elbe um die Stadt herum" (MdE, S.54) gelangt. Und in Bezug auf Professor Lidenbrock heißt es: "Ich sah ihn in Gedanken die schöne Allee der Altonaer Strasse entlang laufend, gestikulierend, mit kräftigem Arm die Kräuter zerschlagen, Disteln köpfen und die Schwäne in ihrem Frieden stören."(MdE, S.28). Wahrscheinlich ist mit der Altonaer Straße die Palmaille gemeint. Sie ist eine breite, dem hohen Elbufer parallel laufende Straße mit Lindenanpflanzung.

 

Anklänge an die beschriebene Rückreise finden wir in Jules Vernes "Meister Antifers wundersame Wagnisse, Glücks- und Unglücksfahrten": „Diese Rückreise vollzog sich unter den schnellsten Bedingungen, die Meer und Wasser boten....Da die Bahn von Drontheim nach Christiania noch nicht ging, mussten sie sich zu Wagen nach der norwegischen Hauptstadt  bringen lassen. Von dort führte ein Dampfer sie nach Kopenhagen, und endlich die Bahn durch Dänemark, Deutschland, (Holland), Belgien nach Frankreich zunächst nach Paris...“(Teil 2, S. 148).

 

Von Hamburg zurück nach Paris

 

Jules Verne und sein Freund Hignard kommen zum zweitenmal in die Freie und Hansestadt Hamburg. Wie zu Beginn ihrer Skandinavienreise steigen sie wieder im Hotel "Zum Kronprinzen" am Jungfernstieg ab. Spaziergang zum Hafen. Viele Schiffe liegen an den Hafenkais. Es wimmelt von Booten. Hin und wieder stehen Bäume an den Straßen. An der Straße aus der Stadt heraus die Zollstation. Die Brücke. Die Garde vollzieht einen Wachwechsel. Am Kai in der Nähe der Schiffe wird alles Mögliche verkauft. Wir spazieren zurück und speisen an der Tafel des Hotels.

In ihrer Ausgabe vom 10. August 1861 melden die Hamburger Nachrichten in ihrer Rubrik "Angekommene Fremde":

Als Reisende Advokaten aus Paris sind Jules Verne und Aristide Hignard genannt. Wie schon in Kopenhagen fehlt auch hier der Name E. Lorois.

 

Das Hotel zum Kronprinzen (Hamburg, Jungfernstieg)

 

Um viereinhalb Uhr reisen wir mit einem überfüllten Omnibus ab. Innen wird geraucht. Wir fahren unten am Wasser entlang. Um sechs Uhr kommen wir bei der Harburger Eisenbahn an. Die Abfahrt ist um sieben Uhr (TB, S.79,80)

 

Donnerstag, 8. August 1861. Ich habe geschlafen. Um neun Uhr Ankunft in Köln. Wir müssen in die Bahn nach Paris wechseln. Frühstück. Das Tal der Maas und der Sambre. Ein Rhein für Arme. Schließlich gelangt der Zug nach Liège und Namur. Ankunft in Jeumont (Frankreich). Passkontrolle. Um acht Uhr Ankunft in Paris. (TB, S.80).

 TB Seite 80

 

Der letzte Eintrag in Jules Vernes Tagebuch ( S.80) lautet:

Ende der Reise nach Skandinavien

 

Benutzte Literatur

Murray,J. (1875). Murrays Handbook for Travellers. Denmark, with Sleswig and Holstein. Fourth Edition. London : John Murray

Verne, J. (1861), Carnet du voyage en Scandinavie. Original : Bibliothèque d´Ámiens Métroplole, Collection Jules Verne

Verne, J. (1862 ?), Joyeuses Misères  de trois voyageurs en Scandinavie. Original : Bibliothèque d´Ámiens Métroplole, Collection Jules Verne

Verne, Jules (o.J.), Voyage au centre de la terre, Bibliothèque d´ éducation et de récreation, Paris : Hetzel

Verne, J. (o.J.), Reise nach dem Mittelpunkt der Erde. Collection Verne. Band 4, 25.Auflage. Wien und Leipzig: Hartleben

Verne, Jules (2005), Reise zum Mittelpunkt der Erde (Übers. Volker Dehs), Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler

Verne, J.  (o.J.). Meister Antifers wundersame Wagnisse, Glücks- und Unglücksfahrten. Jules Verne´s Werke, Band 52, Zweiter Band. Berlin: Weichert.

 

Abbildungen:

 

Dampfschiff Hermod, Handels- og Soefartsmuseet Kronborg, Helsingoer (Dänemark)

Hauptbahnhof Kopenhagen. Nach einem Gemälde von S. Christiansen (1863). Koebenhavns bymuseum.

Der Bahnhof. Lithographie und Zeichnung von Friedrich Wilhelm Saxesen. Um 1850.

Erinnerungsmedaille zur Eröffnung der Christian VIII. Ostseebahn.. Altona-Kiel 1844, Altonaer Museum

Kiel. Christian VIII. Ostseebahn. Stahlstich. Um 1850.

Ansicht von Kiel. Zeichnung von Riou. In: Van Rotterdam naar Kopenhagen met het stoomjacht Sint-Michel. Door Paul Verne. Amsterdam: Elsevier.o.J., S. 221

 

 

Dank an Lejf Rasmussen (Kopenhagen) für seine Auskünfte zur dänischen Eisenbahn und zum Raddampfer Hermod. Det danske Verne-selskab.

 

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