Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881, Vorwort

 

 

Jules Verne´s Reise

 

zum Mittelpunkt der Nordens 1881

 

 

 

 

 

 

von Friedemann Prose

(Editor, Kiel 2012)

 

mit Unterstützung und Bearbeitung der e-Version durch Reimer Tonder (Husum)

Stand: 01. Oktober 2012

 

Vorwort

Der Titel dieses Beitrags stellt unverkennbar den Bezug zu einem Romantitel des französischen Schriftstellers Jules Verne (1828-1905) her. Viele Millionen Menschen in aller Welt kennen auch heute noch dessen außerordentliche Reisen mit Romanen wie z.B. Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864) oder 20.000 Meilen unter den Meeren(1869) und deren spannende Verfilmungen. Wohl informiert über den aktuellen Stand der Wissenschaften seiner Zeit entwickelt Jules Verne auf ihrer Basis phantastische Welten. Wir bezeichnen dies heute oft als Science Fiction.

 

Weniger bekannt sind die Schriften des Autors, die anderen Genres zugehören. Darunter Liebesromane wie Der grüne Strahl(1882)  oder Ein Lotterielos (1886). Jules Verne reiste selbst sehr gern, oft zusammen mit seinem Bruder Paul. Er hat diese touristischen Unternehmungen  z.T. auch literarisch verarbeitet. Aus der Reise nach England und Schottland entstand das Buch Reise mit Hindernissen (1859/60).

 

Mit diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, die Reise vollständiger als bisher zu rekonstruieren, die Jules Verne zusammen mit seinem Bruder Paul im Jahre 1881 unternahm. Diese Reise ist durch einen im gleichen Jahre veröffentlichten Text von Paul Verne mit dem Titel Von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht Saint Michel III bekannt geworden. Der Text war dem Amazonas-Roman Die Jangada (1881) von Jules Verne angehängt.

 

Jules Verne um 1880Über den Text dieses Buches hinaus werden für die Rekonstruktion bisher unveröffentlichte handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Verne im Bordbuch der Saint Michel III, sowie u.a. Briefe von Jules und zeitgenössische Zeitungsberichte über den Autor und die Reise herangezogen.

Die zwölf handschriftlichen Seiten des Bordbuches sind mit einer Vergrößerungsmöglichkeit in die farbig unterlegten Felder mit dem in die deutsche Sprache übertragenen Text eingebaut. Falls die Leserinnen und Leser Fehler bei der Übertragung entdecken, bitten wir um Mitteilung.

Der Beitrag ist etwas für alle, die Sehnsucht nach dem Norden haben, besonders für Segler und Wassertouristen. Er fügt sich ein in eine Reihe von cruising Beschreibungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Die Dampfyacht Saint Michel III des Eigners Jules Verne, ihre Ausstattung, die Häfen, die Reiseroute über Seen, Flüsse, Kanäle und Meere werden anschaulich beschrieben. Ein Stück Segelromantik auf einer grossen Yacht. Das gehört in das Bücherbord eines jeden Skippers, wie z.B. auch The „Falcon“ on the Baltic von E.F. Knight (1889) oder An Inland Voyage von Robert Louis Stevenson (1908).

 

Die hier beschriebene wahrhaft nordeuropäische Reise ist aber auch eine Reise von französischen Bildungsbürgern von einer Kulturmetropole zur anderen. Die Gemäldesammlungen von Rotterdam, Haag und Amsterdam tauchen vor unserem Auge auf, als habe Murray´s Handbook for Travellers in Holland and Belgium, twentieth Edition aus dem Jahre 1881, die Reisenden geleitet. Auch die Beschreibung und Wanderung zu den Kunstschätzen Kopenhagens könnte Murray´s und jeden anderen zeitgenössischen Reiseführer ersetzen.

 

1881 befindet sich Europa in einer Zeit des politischen Umbruchs. Als Jules Verne zusammen mit zwei Freunden zwanzig Jahre zuvor seine erste Skandinavienreise (Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861) unternahm, fuhr er durch das Herzogtum Lauenburg und dann über Schweden, Norwegen und Kopenhagen kommend auch über Kiel nach Altona. Er bewegte sich dabei auf dem Gebiet des dänischen Gesamtstaates. Inzwischen hatte Preußen als Ergebnis der Auseinandersetzungen mit Dänemark um Schleswig und Holstein die Gebiete annektiert.

 

Der mit Erbitterung geführte deutsch-französische Krieg hatte erst vor zehn Jahren sein Ende gefunden. Der Besuch der französischen Gruppe erregt entlang der Wasserwege Aufmerksamkeit. Jules Verne und sein Bruder registrieren mit Interesse und Argwohn das Erscheinungsbild der Preußen, die sie als unrechtmäßige Besatzer betrachten und sich in dieser Einschätzung mit der einheimischen Bevölkerung einig glauben. Die Preußen insgesamt und besonders der militärische Drill und Gehorsam ist für sie exotisch-befremdlich. In Wilhelmshaven und Kiel gewinnen sie Einblick in den erstarkenden und bereits beeindruckenden militärischen Komplex insbesondere der Marine mit ihrer Flotte, den Häfen und Werften. In Kopenhagen können sie beim Besuch der englischen Flotte Vergleiche ziehen und Gedanken über die militärische Konkurrenzfähigkeit der anderen europäischen Seemacht anstellen. Bei der Lektüre über die Beobachtungen der militärischen Einrichtungen, besonders auch in Kiel, kann man fast den Eindruck gewinnen, hier werde Material für einen Spionageroman wie The Riddle of the Sands (1903) von Erskine Childers gesammelt. Den Reisenden aus Frankreich sind die Pläne der preußischen Regierung bekannt, den idyllischen merkantilen Eiderkanal durch einen neuen Kanal zu ersetzen, dessen Abmessungen auf die Abmessungen der moderneren Kriegsschiffe der damaligen Zeit zugeschnitten ist. Der mögliche Verlauf dieses Kanals wurde diskutiert. Auch eine Trasse, die dem Verlauf der Eider folgte und  bei Tönning ihre Verbindung mit der Nordsee hatte, wurde in Erwägung gezogen. Wir können sicher sein, dass an den Kanalplänen und -vorarbeiten auch die französische Regierung sehr interessiert gewesen sein dürfte. Aber die Verne-Brüder als Spione? Jamais! Eine pure Fiktion.

 

Die Segelreise der Saint Michel III, die am 04. Juni 1881 begonnen hatte, führte bis Kopenhagen. Von dort ging es über Kiel und den Eiderkanal zurück nach Frankreich. Am Sonntag, den 03. Juli 1881 machte die Yacht im Hafen von Saint Malo in der Bretagne fest.

 

Sehr schnell nach Beendigung der Reise erschien in Folgen vom 05. bis zum 14. August 1881  im Feuilleton der Zeitung L´Union bretonne ein Reisebericht mit dem Titel „De Rotterdam à Copenhague á bord du yacht Saint Michel“. Nicht Jules, sondern Paul Verne war der Autor. Auf Drängen von Pierre-Jules Hetzel, des Verlegers von Jules Verne, wurde der Artikel ausgewählt, um einen Buchband mit der Veröffentlichung des Romans Die Jangada von Jules Verne zu ergänzen. Wie Volker Dehs (2000) beschreibt, übernimmt Jules die gewünschte Überarbeitung. Er nimmt stilistische Veränderungen vor, schreibt das Schlusskapitel neu, ergänzt und streicht. Hier wird deutlich, dass die Streichungen auch politisch, d.h. aus Rücksicht auf Bismarck und die Preußen, und somit den damaligen deutschen Markt, motiviert waren. Wie aus der Analyse von V. Dehs (a.a.O.) ersichtlich ist, schrieb Jules Verne ungefähr 30 Prozent des Reiseberichtes seines Bruders  neu, d.h. verbesserte ihn literarisch gegenüber der Vorlage von Paul. Es ist eine offene Frage, in welchem Ausmaß die beiden Brüder bereits bei der Erarbeitung dieser Vorlage zusammen gewirkt haben.

 

So erschien noch im Reisejahr unter dem Titel "Von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht Saint-Michel III" der überarbeitete Bericht als Anhang zu dem Roman von J. Verne Die Jangada, als dessen Verfasser Paul Verne, der Bruder und Begleiter von Jules, genannt wurde. Deutschsprachig ist der vollständige Reisebericht seitdem ausschließlich in der ersten Übersetzung des Hartleben- Verlags (Wien, 1881) publiziert worden.

 

Das Büchlein hob Paul Verne nicht in den Rang eines angesehenen Schriftstellers. Es überlebte durch die Verbindung mit dem berühmten Bruder und wurde als ein Buch über Jules Vernes baltische Reise oder mit lokalem Bezug über Jules Verne in Schleswig-Holstein gelesen.

 

Bei Arno Schmidt, dem experimentellen Schriftsteller, entschwindet Paul Verne völlig aus dem Blickfeld. In Dichter & ihre Gesellen (1966)  ist seine Ebene literarisch und er behandelt Von Rotterdam nach Kopenhagen so, als sei Paul Verne überhaupt nicht daran beteiligt gewesen. Die von ihm ausgewählten Zitate klingen sehr poetisch. Er fühlt sich als Geselle des Dichters und macht deutlich, dass er sich bei aller kritischen Distanz mit ihm identifiziert. Diese Identifikation ist ein aktiver Prozess, in dem er versucht, sehr konkret die Perspektive Jules Vernes einzunehmen.  Wohl 1964, am 15. Juni abends, dem Zeitpunkt, an dem Jules Verne die Fahrt durch Eider und Eiderkanal antrat, begibt sich Arno Schmidt nach Tönning am  Estuar des Flusses. Er geht die folgenden Tage den Treidelpfad entlang, stellt sich vor, die Reiseroute von einem Boot aus zu erkunden, mit anderen Worten, er stellt sich in die Schuhe des Schriftstellerkollegen und bemüht sich, einen Ausschnitt der Welt so zu sehen, wie er sich Jules Verne dargeboten haben muss:

 

Und mag man es für noch so pueril halten, dies „errötend seinen Spuren folgen“- (es ist selbstverständlich mehr, ist ein Sich-Identifizieren, ein „Sich-Durchlässig-Machen“ für die Mentalität eines Anderen: (dass Jahreszeit, also Temperatur, Sonnenlauf, Stand der Herrn & Frauen Sternbilder, ebenfalls möglichst gleich sein sollten, mag immerhin Pedanterie heißen)) – ich habe jedenfalls mehrfach-ungescheut das betreffende Kleinoktavbändchen aus der Tasche gezogen, und´s, im Stehen, nachgelesen:...“ (Arno Schmidt 1990, S. 573, s.a. 1966).

Das Kleinoktavbändchen enthält die Hartleben-Übersetzung der Reise von Rotterdam nach Kopenhagen an Bord der Dampfyacht Saint Michel.

 

Mit den hier vorgenommenen Veränderungen und Ergänzungen entwickelt sich der ursprüngliche Reisebericht entscheidend weiter in einen Bericht von und über Jules Verne. Er zeigt, dass es noch interessante Einzelheiten im Leben des „... unbekannteste(n) aller Menschen“ (Jules Verne über sich selbst, n. V.Dehs, 2005, S. 7) zu entdecken gibt. Der Beitrag integriert einige neu erschlossene Dokumente mit Pauls Bericht (in der Überarbeitung von Jules) zu einer Re-Konstruktion der Reise. Den Vorrang hat dabei die möglichst konkrete Perspektive von Jules Verne, dem Meister der Genauigkeiten, wie Arno Schmidt sein Vorbild nennt (a.a.O., S. 571).

 

Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die persönlichen Notizen, die Jules Verne in seinem erst jetzt öffentlich zugänglich gemachten Bordtagebuch (carnet de bord) über die Segeltour macht. Die Übertragung dieser in Form eines Tagebuches geordneten Notizen in die deutsche Sprache (F.P.) findet sich im fortlaufenden Text in farbig unterlegten Feldern. Das Tagebuch wird an dieser Stelle erstmals veröffentlicht.

 

Der Inhalt einiger Briefe, die Jules während der Reise an seine Frau Honorine, seinen Sohn Michel sowie den Verleger Hetzel schrieb, trägt darüber hinaus zu einem menschlich sehr nahen Bild des Erfolgsautors bei.

 

Jules Verne war zum Zeitpunkt der Reise schon weltberühmt. Obwohl er inkognito bleiben wollte, nahm die Presse seine Anwesenheit in den Häfen zum Anlass für Interviews und Berichte. Der Autor dieses Beitrages hat eine Anzahl der zeitgenössischen Presseberichte in den Zeitungsarchiven von Frankreich, Holland, Deutschland und Dänemark ausfindig gemacht. Sie liefern neben den Perspektiven des Bruders Paul und der von Jules Verne selbst eine dritte, die "öffentliche", Sicht auf den französischen Schriftsteller und dessen Kreuzfahrt durch einen Teil Nordeuropas.

 

Der Hauptanteil des Textes wird weiterhin durch den ursprüngliche Bericht von Paul Verne dominiert. Hier sind in Klammern und kursiv allerdings die Veränderungen eingebaut, die Jules gegenüber der allerersten Version in L´union bretonne vorgenommen hat. Der deutschsprachige Text ist eine Neubearbeitung. Weil die Hartleben-Übersetzung an mehreren Punkten von dem französischen Original abweicht, wurde zur Korrektur erneut auf den Text in der Ursprungssprache zurückgegriffen. Um die geeignete deutsche Übersetzung zu finden,  ist in Ermangelung einer englischen Version auch die Übersetzung in das niederländische Van Rotterdam naar Kopenhagen, die im Elsevier-Verlag erschienen ist, vergleichend herangezogen worden.

Sechzehn Graphiken von Orten der Reise illustrieren den Text. Sie wurden von dem berühmten Verne-Zeichner Riou z.T. nach lokalen Vorlagen angefertigt und sind hier aus frühen Ausgaben des Reiseberichtes reproduziert.

 

Eine kleine Anmerkung noch. Der Name Thomas Pearkop, Pilot of the Channell and the North Sea, aus Deal, frei übersetzt etwa Birne, wurde durch den Namen ausgetauscht, der in Jules Verne´s Tagebuch gebraucht wird, nämlich Harry Thomas Atkins.

 

Es ist Ihnen, den geneigten Leserinnen und Lesern des vorliegenden Beitrages, sicher nicht abzuverlangen, sich so intensiv wie Arno Schmidt in Jules Verne und seine Situation im Sommer 1881 hineinzuversetzen. Der aktive Vergleich zwischen den persönlichen Aufzeichnungen von Jules Verne und denen seines Bruders, des Marineoffiziers Paul, lohnt sich jedoch. Jules und Paul geben unterschiedliche Zeitpunkte für Ereignisse und Wege an und haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bei aller Gemeinsamkeit unter den Brüdern wird die Individualität von Jules Verne deutlich erkennbar. Aber das sollten die Leserinnen und Leser für sich selbst genauer herausfinden.

 

Friedemann Prose

Kiel, d. 01. Oktober 2012

  

 Dankadresse

Eine wichtige Basis der hier vorgestellten Reisebeschreibung ist eine Handschrift von Jules Verne in französischer Sprache, das Bordbuch der Saint Michel III. Im Jahre 1881 wird hier eine Reise dargestellt, die der Bruder Paul Verne als - Reise von Rotterdam nach Kopenhagen- beschrieben hat.  Die Handschrift von Jules Verne ist im Original in der Bibliothèques d´Amiens Métropole, Collection Jules Verne, aufbewahrt. Das gleiche gilt für einige Briefe, die von JV auf der Reise geschrieben wurden. Genauere Angaben sind unter dem Gliederungspunkt „Literaturquellen“ zu finden.

Wir danken der Bibliothek, insbesondere Monsieur Bernard Sinoquet und seinem Team, an dieser Stelle ausdrücklich für die Überlassung von Kopien dieser Dokumente und die für gute und freundliche Zusammenarbeit. Uns verbindet die Hoffnung, dass die vorliegende Schrift sowohl dem Interesse der Leserschaft an Jules Verne als auch der Forschung zum Werk und Leben dieses großen französischen Autors einen weiteren kleinen Impuls geben kann.

Mein herzlicher Dank geht ebenfalls an Volker Dehs, Hans Glüsing, Manfred Jessen-Klingenberg, Antje Prose, Lejf Rasmussen und Detlef Schäfer.

Zahlreiche Personen und Institutionen entlang der Reiseroute der Brüder Verne haben mir mit Informationen und Hinweisen geholfen. Stellvertretend danke ich

Andres Akesson, Mette Bruun Beyer, Peter Delsman, Salima Desayoye-Aubry, Jette Eriksen, Manonmani Filliozat, Mark Frost, Alan King, Frank de Klerk, Joe Molloy, Frans Oehlen, Hanne Poulsen,Ingrid Rijnveld, H.L. Stasse, Frank Trende, Kees Waij

 

Friedemann Prose

Kiel, Anfang Oktober 2012

Nachtrag: es gibt auch eine Druckversion dieser Reise-Rekonstruktion.

Prose, Friedemann (Hrsg.,2012). Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens. In: Mitteilungen des Canal-Vereins Nr. 29/30. Rendsburg 2013, S.9-114.

ISSN 0176-7542

 

Von Boulogne über Deal zur Maas

 

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Von Boulogne über Deal zur Maas

 

Die "Saint Michel III"

 

Mittwoch, 1. Juni 1881

Wir sind nach Boulogne abgereist. Godefroy und ich.

 

Donnerstag, 2. Juni

Das Aviso-Schiff Elan liegt hier. Paul und Gaston werden mit der St. Michel erwartet.

 

Freitag, 3. Juni

Es herrscht Nebel. Die St. Michel kommt um 3 Uhr an. Sie hatte sich mit Paul und Gaston in Höhe der Seine-Mündung auf Felsen gesetzt.

 

 

 

 

Sonnabend, 4. Juni

Um 4 Uhr ausgelaufen. Ruhige See. Wir haben die Tour nach Dover gemacht. Die Fähre Calais und Dover mit den 4 Schornsteinen kam in Sicht. Wir lagen vor Deal und haben dort einen Lotsen nach Rotterdam genommen. Er kostet 200 Franc.


Mister Harry Thomas Atkins, Pilot for the Channel and the North sea, wie seine Karte besagte, befand sich - ein wenig gegen unseren Willen - mit an Bord. Wir hatten ihn in Deal angeheuert, um die Saint-Michel zu lotsen, aber nur durch die engen Durchfahrten der Reede von Dunes[1] hinaus, wegen des dichten Nebels, der am Nachmittag des 4. Juni heraufzuziehen drohte; aber er, immer nach dem Pfund Sterling auf der Lauer, hatte es am Ende mit der Hartnäckigkeit, die dem englischen Volk zu eigen ist, geschafft, uns von seiner "Unentbehrlichkeit" für die Kreuzfahrt zu überzeugen, die unsere Yacht sich anschickte zu unternehmen.

Es ist schon eine eigenartige Geschichte, die von diesem "gentleman“, der ungeachtet unserer wiederholten Abweisungen an Bord der Saint-Michel steigt und es fertigbringt, sich dort trotz unseres Widerstandes einzupflanzen.

Thomas Atkins ist ein Mann von mittlerer Größe, mit breitem Gesicht, breitschultrig, mit umfänglichem Bauch, mit einem Wort: ganz die Breite, fest hingestellt auf seinen großen Füssen, die in weiten Schuhen ohne Absätze vergraben sind. Sein Gesichtsausdruck war einnehmend, die Augen blau, die Nase geradlinig,- eine dieser Nasen, die mit optischen Eigenschaften ausgestattet zu sein scheinen,- die Gesichtsfarbe war gebräunt und spielte ins Ziegelrot, ein Bärtchen um das Kinn, ohne Backen- und Schnurrbart, kurz, eine richtige Seemannsgestalt.

Thomas Atkins sprach mit einer klaren Stimme, die in der Lage ist, das Getöse des Windes zu übertönen, aber er kannte nicht einmal zwei französische Wörter. Glücklicherweise konnte ich genug Englisch, um ihn zu verstehen. .

"Aber wir benötigen Ihre Dienste nicht, Thomas Atkins!“ teilte ich ihm mit. "Unser Kapitän ist vollkommen imstande uns zu führen! Er kennt die Nordsee, weil er mehr als zwanzigmal während seiner dreissig Schiffahrtsjahre dorthin gekommen ist, und er wird ganz genauso gut von Leuchtfeuer zu Leuchtfeuer fahren wie der beste Lotse von der Reede Dunes[2]!

"Aoh, yes", erwiderte der "gentleman". "Aber die Strömungen, die Sandbänke, die Nebel, vor allem die dichten Nebel, die in dieser Sommerzeit so häufig sind, und die es weder zulassen die Leuchtfeuer noch die Küste zu finden. Was machen Sie dann? Ah!“ fügte er mit Schwermut hinzu und hob seine großen hellen Augen gen Himmel, "wie viele Kapitäne, und die Besten, haben sich verfahren, weil sie meine Dienste nicht annehmen wollten!“

Nun kam ein Namensregister der Seeschiffe aller Nationen, die gestrandet oder sogar mit Mann und Maus verloren gegangen sind, weil sie Hinweise des Mannes missachteten, der in allen Küstenstrichen der Nordsee unentbehrlich ist. Dann erfolgte die Vorlage unzähliger Zeugnisse auf dänisch, auf russisch, auf italienisch, auf deutsch, von denen wir kein einziges Wort verstanden, mit Ausnahme einer Bescheinigung auf französisch, unterzeichnet von M. E. Pérignon, Eigner der Dampf-Yacht Fauvette und Vizepräsident des Yacht-Clubs von Frankreich. Unter dieser Lawine von guten und schlechten Gründen ermattete unser Widerstand sichtlich und wurde der Angreifer immer kühner. Schließlich blieb uns, nach einer sehr ehrenwerten Abwehr, nichts anderes übrig als zu kapitulieren.

 

 

Aber was für ein Sack, großer Gott! Wir nahmen also das Angebot von Thomas Atkins an, die Saint-Michel von Deal nach Rotterdam zu führen. Freilich musste sich das Lotsenhonorar eine hinsichtlich des Gewinns für den "gentleman" recht schmerzhafte Beschneidung gefallen lassen: es wurde von fünfzehn Pfund, die er zunächst forderte, auf acht Pfund verringert, das entspricht einer Preisminderung um fast   fünfzig Prozent!

 

In diesem Moment sahen wir auf einen Wink von Thomas Atkins hin am Boden des Kahns, der ihn herangebracht hatte, geschmückt mit seinen eigenen drei Initialen, den Sack aus grobem gewachsten Leinen zum Vorschein kommen, den jeder Lotse, der etwas auf sich hält, beständig mit sich führt. Aber was für ein Sack war das, großer Gott! ein Meter fünfzig hoch und fünfzig Zentimeter dick, vollgestopft bis zum Rand, verschnürt wie eine Wurst und dermaßen schwer, dass man zwei Mann brauchte, um ihn an Bord zu hieven. Ich glaubte, dass sich die unter dieser außergewöhnlichen Last gedemütigte Saint-Michel schief legen werde wie ein einfaches Walfangboot.

 

 

 

Sonnabend, 4. Juni ( Fortsetzung):

Die Überfahrt war großartig. Alle Segel oben. Schlaffer Wind.

Der Wind frischte auf. Wir hatten den Lotsen um 7 Uhr abends übernommen. In der Nacht liefen wir in die Maas ein. Es gab Schwierigkeiten. Das Schiff lief volle Kraft. Um 10 Uhr gingen wir vor Anker.

 

Sonntag, 5. Juni

Um 4 Uhr morgens fuhren wir wieder los. Es ging die Maas hinauf. Auf dem Fluß war großer Schiffsverkehr. Vor Rotterdam wurde der Anker geworfen...

 

 

 

Der Nieuwe Rotterdamse Courant N.R.C. notiert am 7. Juni 1881 in seiner Rubrik „Scheepvaart. Zeeberichten“ als in Maassluis am 5. Juni angekommen die Saint Michel, Colhy, Deal.

Auch das Rotterdamsch Nieuwsblad Nr. 979 vom Mittwoch, d. 8. Juni 1881, bringt unter "Zeetijdingen" (Schifffahrtsnachrichten)

 

für den 5. Juni (Pfingstsonntag) eine gleichlautende Meldung. Da die „Zeetijdingen“ bzw. „Zeeberichten“ üblicherweise den Namen des Schiffes, den Namen des Kaptitäns sowie den Abfahrtshafen nennen, dürfte es sich bei Colhy um ein Mißverstehen des Namens von Kapitän Ollive handeln.

 

 

Nach einer raschen Überfahrt von der englischen Küste nach der Maas waren wir am 5. Juni von Deal[3] in Rotterdam angekommen. Am 10. Juni lagen wir dort, durch das stürmische Wetter aufgehalten, immer noch. Der Nordwestwind, der mit Macht blies, rannte gegen die holländische Küste und die See war absolut unbefahrbar für uns. Trotz ihrer hervorragenden nautischen Eigenschaften und der Perfektion ihrer Maschine wäre es in der Tat äußerst unbesonnen gewesen, mit unserer Dampf-Yacht Saint-Michel dem Wüten der Nordsee in diesen furchterregenden Gewässern[4] die Stirn zu bieten zu wollen. Das war auch die Meinung von Mister Harry Thomas Atkins, (unseres Lotsen aus Deal).

 


[1] [2] gemeint ist die Reede The Downs vor Deal

[3] In der südostenglischen Grafschaft Kent

[4] in der niederländischen Übersetzung (Elsevier) wird darauf hingewiesen, dass die "gefürchtete Gegend übersät mit Sandbänken und Untiefen" sei.

 

 

Reisende und Reiseziele

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

Reisende und Reiseziele

So ist die Saint-Michel beschaffen. Was ihren Eigner, Jules Verne anbetrifft, so kennt ihn ein jeder. Es schickt sich nicht für seinen Bruder, eine Lobrede auf ihn zu halten. Ich will nur gesagt haben, dass sich dieser unermüdliche Arbeiter schließlich doch manchmal überanstrengt. Dann braucht er unbedingt Ruhe, und die findet er nirgendwo so vollkommen, wie auf seiner Yacht inmitten des Wogens der See.

Man glaubt im Allgemeinen, dass er an Bord arbeitet. Irrtum; er ruht sich hier während einiger Monate aus und erholt sich wieder. Übrigens ist er ein kräftig zulangender Tischgenosse, dem die Seekrankheit unbekannt ist, ein unerschütterlicher Langschläfer, welches Wetter auch immer sei, und vor allen Dingen ein sehr fröhlicher und äußerst zuvorkommender Gefährte.

Doch ich will innehalten, denn ein wenig weiter dringe ich auf ein Gebiet vor, das mir untersagt ist. Man könnte mich sonst vielleicht der Parteilichkeit bezichtigen.

Abgesehen von zahlreichen Ausflügen im Ärmelkanal und längs der Küsten der Bretagne, hat die Saint-Michel schon zweibedeutende Reisen gemacht. Im Jahre 1878 lief sie von Nantes aus und brachte Raoul Duval, Jules Hetzel jun., meinen Bruder und mich bis in die Gewässer des westlichen Mittelmeeres. Sie lief Vigo, Lissabon, Cadiz, Tanger, Gibraltar, Malaga, Tetuan, Oran, Algier an und stand die wenigen Tage stürmischen Wetters tapfer durch, von denen auch diese Seereise keine Ausnahme machte. Es ist sehr schwierig, den Zauber in Worte zu fassen, den man verspürt, wenn man unter diesen Umständen die wunderbaren Strände von Spanien, Marokko und von Algerien besucht. Das gilt nicht minder, wollte man von den Eindrücken der zweiten Reise erzählen, die Edinburgh und die Ostküste von England und Schottland zum Ziel hatte. Vielleicht veröffentlicht mein Bruder eines Tages die Memoiren der Saint-Michel, und das, so hoffe ich, könnte nur zum Aufschwung des Gefallens am Yachtsport in Frankreich beitragen.

 

Dieses Jahr ging es ursprünglich darum, auf dem Wege über Christiania[7], Kopenhagen und Stockholm nach Sankt-Petersburg zu segeln. Aber Beweggründe verschiedener Art veranlassten uns, diesen Reiseweg abzuändern. Wir hatten es sogar schon aufgegeben, die Gewässer der Ostsee zu besuchen, und wenn wir doch dahin gefahren sind, so hängt das mit völlig unvorhergesehenen Umständen zusammen, wie man ja im Verlaufe dieser Erzählung sehen wird.

 

Die Saint-Michel wird von Kapitän Ollive befehligt, der von der kleinen Insel Trentemoult stammt, einem entzückenden Erdenwinkel, der ganz und gar für sich mitten in der Loire auf den Strand gesetzt, stromabwärts von Nantes liegt und der, genauso wie der Marktflecken Batz, seine besonderen Sitten und Gebräuche bewahrt hat. Mit einem Küstenschifffahrtspatent und fünfundzwanzig Jahren Erfahrung in der Schiffsführung versehen, ist unser Kapitän ein lebenskluger Mann, ein gestandener Seemann, dem man ganzes Vertrauen schenken kann.

 

Wenn ich nun noch berichte, dass die gänzlich bretonische Besatzung aus einem Maschinisten, zwei Heizern, einem Obersteuermann, bei dem es sich um den Sohn des Kapitäns handelt, drei Matrosen, einem Schiffsjungen und einem Koch besteht; wenn ich hinzugefügt habe, dass wir zusammen vier Passagiere an Bord sind: Jules Verne, Robert Godefroy, Advokat aus Amiens, mein ältester Sohn[8] und ich, dann kennt der Leser die Yacht Saint-Michel und ihr Personal jetzt vollständig.


[7] das heutige Oslo

[8] Gaston Verne, geboren 1860, der 1886 ein Attentat gegen seinen Onkel Jules Verne verübte, dessen Umstände nicht ausreichend geklärt sind. Er soll während des ersten Weltkrieges in einer psychiatrischen Klinik in Luxemburg gestorben sein. Nach Volker Dehs ist Gaston Verne 1938 verstorben.

Die Saint Michel III

 

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Die Saint-Michel

Bevor wir den Reisebericht fortsetzen, dürfte es, wenn unsere Leser uns auf unseren Wanderfahrten durch die Nordsee und das baltische Meer folgen wollen, wenn sie auf die Beobachtungen, die wir auf unserer Kreuzfahrt gesammelt haben, neugierig sein sollten, nicht unnütz sein, ihnen in wenigen Worten das Schiff vorzustellen, an dessen Bord wir gegangen sind.

 

Die Saint Michel, - deren geringe Abmessungen auf den ersten Blick allzu weite Seereisen zu verbieten scheinen,- ist eine bezaubernde Dampfyacht von dreiunddreißig Metern Länge, hat achtunddreißig Registertonnen für den Grenzzoll gleich siebenundsechzig Schiffstonnen entsprechend den Massen des Yacht-Clubs von Frankreich, dessen dreifarbigen Wimpel mit dem weißen Stern sie an der Mastspitze trägt.

Durch die Firma Jollet und Babin 1876 in Nantes gebaut, verbindet sie eine solide Verarbeitung, die über jeden Zweifel erhaben ist, mit sehr bemerkenswerten nautischen Vorzügen, die es ihr erlauben im Notfall schlimmem Wetter zu trotzen und sich aus der Affäre zu ziehen, wenn etwas schief gegangen sein sollte. Nach Aussage von Thomas Atkins würde sie bei einem Sturm, den sie durchzustehen hätte, sogar mehr Sicherheit bieten als ein Schiff mit einer beträchtlich größeren Tonnage. Aber die Meinung des "gentleman" sollte mit Vorbehalt aufgenommen werden; denn für ihn musste sich eine "so kleine" Yacht, die ihm "so dick" in "so kurzer" Zeit etwas einbrachte, selbstverständlich der Vollkommenheit annähern. Beschränken wir uns also darauf, seine hohe Meinung zur Kenntnis zu nehmen; aber der Himmel gebe, dass wir niemals gezwungen sind, ihren Wahrheitsgehalt durch Erfahrung beweisen zu müssen.

 

 

Die Saint-Michel ist ein Schiff aus Eisen, als Goélette[5] getakelt, mit fünf wasserdichten Schotten, vom Halbzweck-Typ[6]. Ihre Maschine von fünfundzwanzig Pferdekräften zu dreihundert Meterkilogramm - gleich mehr als hundert effektive Pferdekräfte - kann eine Geschwindigkeit von neun bis neuneinhalb Knoten in der Stunde machen. Diese Geschwindigkeit kann auf zehneinhalb Knoten gebracht werden, wenn das Segelwerk hinzugefügt wird. Das ist sehr wichtig und erlaubt bei Bedarf, die Yacht in ein Segelschiff umzuwandeln, wobei man die Schiffsschraube entkuppelt. Unter diesen Bedingungen erreichte die Saint-Michel immer noch bei einer guten Brise eine Geschwindigkeit von sieben bis acht Knoten und würde, falls es zu Havarien an ihrer Maschine kommt, noch eine sehr gute Figur als Segler machen.

 

Angaben zur Besegelung der Saint Michel III:
 
- Großsegel
89,25
 Quadratmeter
     
- Misaine
64,30
         "
     
- Trinquette
36,40
         "
     
- Fock
34, 65
         "
 
______________
____________
 
224,90
         "
     
- Flieger
25,00
         "
     
- Flieger
25,00
         "
 
______________
______________
     
 
274,90
 Quadratmeter
     

 

 

Aber die Maschine ist absolut perfekt. Sie ist nach dem "compound" System gebaut, mit zwei ungleichen Zylindern und einem Oberflächenkondensator, und wurde von M. Normand aus Le Havre entworfen. Aus den Werkstätten der Herren Jollet und Babin stammend, macht sie ihnen die allergrösste Ehre.

Was die Aufteilung der Yacht unter Deck betrifft, hier ist sie: im Achterschiff befindet sich ein Salon, in den man über eine gerade Treppe gelangt, die den Raum geschickt nutzend zwischen einer Stewardkabine und einem anderen unentbehrlichen Kabinett hinabführt; durch diesen in Mahagoni gehaltenen Salon hindurch, dessen niedrige Sofas man in Liegen umwandeln kann, gelangt man in die Schlafkabine, die mit zwei Betten, Waschtischen, Schrank und Schreibtisch in heller Eiche möbliert ist. Dann kommen die Maschine und der Feuerungsraum, die den grössten Teil des Raumes mittschiffs einnehmen. Der Essraum im Vorschiff wird über eine Treppe mit viertel Drehung versorgt, die zwischen der Kaptitänskajüte und dem Office hinuntergeht, und steht mit der Kombüse in bequemer Verbindung. Jenseits der Kombüse ist das Mannschaftslogis, zu dem sechs Hängematten für Matrosen zählen. Alles in allem gibt es nichts anmutigeres als diese Dampf-Yacht mit ihrem hohen nach hinten geneigten Mastwerk, ihrem schwarzen Rumpf, der durch einen weissen Streifen an der Wasserlinie und an der Bordkante hervorgehoben wird, ihre Oberlichter mit den Gittern aus Kupfer, ihren Luken aus Teakholz, und der Eleganz der Linien, die sie vom Heck bis zum Vordersteven umzeichnen.


[5] Gaffel-Schoner

[6] ein Motorsegler

 

Kulturtouristen in Rotterdam, Den Haag und Amsterdam

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Kulturtouristen in Rotterdam, Den Haag und Amsterdam

Sonntag, 5. Juni (Fortsetzung):

Wir ließen uns an Land setzen. Kanäle, Seeschiffe, Galioten, verfallende Mühlen.

Das Museum. Zwei großartige Hobbemas, zwei Ary Scheffer ("Der Weinende" und "Der Tuchschneider"), zwei Julins[1],? Orley, ein Rubens.

Anschließend habe ich einen Spaziergang gemacht. Schöne Stadtteile. Viele Kinder. Die Flußhäfen. Die zwei Brücken. Der prächtige zoologische Garten. Zum Diner bin ich an Bord zurückgekehrt. Es gibt im Hafen viele Schiffsbewegungen. Jede Minute fahren Boote vorbei.

 

Wir lagen also in Rotterdam fest und warteten auf einen Wetterumschwung, um uns auf den direkten Kurs nach Hamburg zu begeben. Preis: elf Pfund anstatt der siebzehn, die Thomas Atkins verlangt hatte, um uns bis zur Elbeinfahrt zu lotsen. Die Saint-Michel war in der Maas vor Anker gegangen, vor dem schönen Park, der auf jener Seite den grünen Gürtel abschließt, von dem diese hübsche Stadt eingefasst ist.

 

Erst am Montag, d. 13. Juni 1881 erschien das Rotterdamsch Nieuwsblad Nr. 983 mit einem, zu diesem Zeitpunkt allerdings schon überholten, Bericht über die Anwesenheit von Jules Verne in Rotterdam:
Ein schnittiges Dampfboot, das auf der Maas in Höhe von het Park hiesigenorts Anker geworfen hat, beherbergt- ohne dass jemand davon eine Vermutung hat- den hochgefeierten französischen Literaten Jules Verne, der unser Land und anschließend Dänemark, Schweden und   Norwegen besuchen wird. Den Haag und Amsterdam werden ebenfalls die Ehre des Besuchs des berühmten Schriftstellers und Physikers genießen. Jules Verne reist freilich inkognito und wünscht keinen offiziellen Empfang.

 

 

Montag, 6. Juni

Bin etwas kränklich. Die Freunde sind nach Den Haag gefahren. Ich bin an Bord geblieben. Ihre Rückkehr erfolgte um 5 Uhr am Abend.


 

Wir machten uns die Muße zunutze, die uns der Nordwest-Wind auferlegte, um Den Haag und Amsterdam mit ihren wunderbaren Museen zu besuchen, und wir sind noch von ihrer Pracht geblendet.

Man muss in der Tat nach Holland reisen, um Rembrandt kennenzulernen. Wer die Nachtwache und die Anatomische Vorlesung nicht gesehen hat, kann das Genie dieses grossen Malers nicht vollständig zu würdigen wissen. Dasselbe gilt für das berühmte Bild von Paulus Potter, das einen aufrechtstehenden Stier vor einer liegenden Kuh darstellt. (Man kann sich vor diesem unschätzbaren Gemälde nur verneigen. Welch Können hat es dem Künstler abverlangt, ein Werk zu schaffen, das so wahrhaftig und überdies ergreifend ist! Welche Kühnheit in der Verkürzung, welche Tiefe der Landschaft!)[9]

 

Der Eindruck, den man angesichts dieser meisterlichen Kunstwerke empfindet, ist um so erstaunlicher, als er sich in einem Umfeld bildet, zu dem eine bedeutende Anzahl von Rubens´, Van der-Helsts´, Van Dycks´, Murillos´, Hobbemas´, Ruysdaels´, Teniers´, Breughel de Velours´, etc. rechnen, deren Zusammenführung aus diesen Museen ein unvergleichliches Ensemble von Meisterwerken macht. Unglücklicherweise lassen die Räumlichkeiten viel zu wünschen übrig und sind der Gäste, die sie beherbergen, wenig würdig. Wieso errichten Städte, die so reich und so künstlerisch sind wie Amsterdam und Den Haag, nicht Museen, die in größerem Einklang mit ihrem Sinn für Kunst stehen?

 

Was wir durch die Fensterscheiben eines Eisenbahnwaggons von Holland gesehen haben, war nur ein schlichter Ausblick auf seine so grünen Weiden, auf seine wie mit der Reissfeder gezogenen Kanäle, auf seine Hintergründe mit Windmühlen, die den Horizont beleben; aber das reichte aus, um das launige Wort des Dichters Cavalier Butler zu bestätigen:

"Holland hat einen Tiefgang von fünfzig Fuß Wasser, das Land, aus dem es besteht, liegt vor Anker, man ist dort an Bord." [10]

 

 

Dienstag, 7. Juni

Widrige Winde, noch immer N.O. Habe um 9 Uhr gefrühstückt. Um 10 Uhr 20 bin ich nach Amsterdam abgefahren. Grünes Land. Wiesen und Bäume. Kanäle und Mühlen. Gabaren[1] steuern querfeldein. Der Zug fährt durch Den Haag, Leiden, Haarlem und kommt um 12 Uhr 5 in Amsterdam an. Ich besichtige das erste Museum und schaue mir "Die Nachtwache" von Rembrandt an. Das Portrait der alten Frau. Ein Bild, genannt unleserlich "Die Bürgerwehren", von Van der Helst. Außerdem Gemälde von van Ruysdael, Hobbema, Potter, Wouverman, etc.

Dann habe ich noch ein zweites Museum besucht. "Die Mühle" von van Ruysdael, die Porträts von Rubens, die Abbildung "Der gekreuzigte Christus" von Van Dyck.

Danach habe ich eine Spazierfahrt mit einem Wagen gemacht. Der zoologische Garten und seine prächtigen Tiere. Die Musik. Ich habe ein Zimmer im Hotel Rondeel genommen. Dort Diner an der Tafel im Speiseraum. Danach ein Spaziergang und im Hotel die Nacht verbracht.

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 8. Juni

Ich habe einen Morgenspaziergang gemacht und bin bis an das Ende der Amstel marschiert. Das Frühstück habe ich um 10 Uhr im Café Des Mille Colonnes eingenommen. Um 11 Uhr 50 reiste ich ab. Ankunft in Den Haag.

Ein weiterer Museumsbesuch dort. Ich habe "Die Anatomiestunde" von Rembrandt gesehen, "Der Stier" von Paul Potter, Hobbema, Ruysdael, "Das irdische Paradies" von Breughel und Rubens, einen herrlichen Nicolas Berghem, etc., von Murillo "Die Jungfrau mit Jesus".

Danach wurde Den Haag besichtigt. Der königliche Palast. Ein herrliches Stadtviertel. Die Straßenbahnen. Die Parks, die Plätze, die Bäume. Die Stadtteile sind zwischen die Bäume gebaut.

 

 

Um 4 Uhr bin ich zurückgefahren. Eine flache Landschaft, nicht einmal Hügel, außer den Dünen bei Haarlem. Um 5 Uhr bin ich angekommen und habe mich im Hafen an Bord begeben. Diner. Am Abend habe ich im Park an einer Musikveranstaltung teilgenommen. Ich habe den "Obéron" gehört und auch den "Danse macabre" von Saint Saens. Es waren kleine Mädchen dort, die maßvoll gespeist haben. Um 10 Uhr war ich an Bord zurück.

Das Wetter ist immer noch schlecht. Schauer aus N.O.

 

 

 

 Donnerstag, 9. (Juni)

Das Wetter ist das gleiche. Ich mache eine Visite beim Konsul und einen Spaziergang in den Stadtvierteln. Im Grand Café habe ich Zeitungen gelesen. Dann bin ich auf den großen Turm gestiegen, 120 Stufen. Besuch von Monsieur E. Hosemann, dem Kanzler, an Bord. Anschließend ein Abendspaziergang.

 

 

 

 1. Brief:

Von der Maasstadt Rotterdam aus schickt Jules Verne einen Brief an Louis-Jules Hetzel, den Sohn seines Verlegers. Der Brief wurde am Donnerstag, den 9. Juni 1881 geschrieben:

Mon cher Jules,

...Es sind jetzt vier Tage, die wir in Rotterdam durch das schlechte Wetter aufgehalten werden.- Das hat uns erlaubt, Amsterdam und Den Haag zu besuchen, was der schönste Teil unserer Reise sein wird. Ich mußte von Boulogne bis nach Rotterdam einen Lotsen nehmen[11]. Und der selbe soll uns nach Frederickshafen[12], danach nach Hamburg, da es die Zeit erlauben wird, leiten. Aber ich fürchte sehr, dass Hamburg der Endpunkt unserer Schiffahrt sein wird. Von Hamburg nach Kopenhagen sind es 400 Meilen, ohne einen Zufluchthafen. Aber dass die Saint Micheldem Meer gegen eine der Windböen, die in diesen Küstenstrichen so häufig sind, standhalten könnte, glaubt der Lotse kaum. Es ist daher wahrscheinlich, dass, sollten wir nach Kopenhagen fahren, dies mit der railway geschehen wird und ich bezweifle, dass wir es bis Stockholm schaffen können. Sicherlich würde eine solche Kreuzfahrt die Kräfte der St. Michel übersteigen. Übrigens, wollen Sie sich uns nicht in Hamburg anschließen? Wir hätten diesen Morgen abreisen sollen, aber das Wetter stand dem entgegen. Also, schreiben Sie mir weiterhin postlagernd nach Hamburg, obwohl ich nicht weiß, wann wir dort ankommen werden, und teilen Sie mir Ihre Pläne mit. Die unsrigen sind zum Teil durchkreuzt...

 

 

 

 

 Freitag, 10. (Juni)

Das schlechte Wetter hält an, sagt der Lotse Atkins[1] (Nelson). Frühstück an Bord. Danach habe ich im Café Zeitungen gelesen. Spaziergang über die Maas hinüber und Besichtigung des anderen Ufers. Rückkehr und Diner an Bord. Besuch von Monsieur X., dem Leiter der wichtigsten Zeitung Hollands.

Den Abend habe ich beim französischen Konsul verbracht. Seine Frau und seine Töchter waren anwesend. Es gab Musik durch den Violonisten Buziam. Um 11 Uhr kam ich zurück.

 

 

Ein Journalist vom Nieuwe Rotterdamse Courant N.R.C. hatte sich auf die in der Maas vor Anker liegende Yacht bringen lassen. Sein Artikel erschien am Sonnabend, d. 11. Juni 1881 sowohl im N.R.C. als auch im Handelsblad:
Einer der berühmtesten französischen Schrift-steller der letzten Zeit befindet sich in unserer Mitte. Vor ein paar Tagen ist, ohne dass jemand davon etwas ahnen konnte, Jules Verne aus Nantes mit einer Dampfyacht in Rotterdam aufgekommen, die auf dem Fluß in der Höhe von Het Park die Anker geworfen hat. Es war uns vergönnt, geraume Zeit mit dem auch hierzulande von Jung und Alt gefeierten Schriftsteller an Bord seines Schiffes zu verbringen, und wir glauben, all den Freunden von Verne einen Dienst zu erweisen, wenn wir über diese Zusammenkunft einen kleinen Bericht erstatten.
Die "St.-Michel" ist eine Dampfyacht von 38 Tonnen, die das Eigentum von Verne ist und mit der er schon früher verschiedene
 

Reisen, z.B. nach Marokko, unternommen hat.

Die Absicht ist diesmal, sich in Holland mit einem Besuch von Rotterdam, Den Haag und Amsterdam umzusehen und danach eine Tour nach Norden zu machen, nach Hamburg, Stockholm, Kopenhagen, Christiania. Aber das Wetter ist rauh geworden und man will mit dem zwar völlig seetüchtigen aber schlanken Schiff keinem Sturm trotzen, ohne einen Schutzhafen in der Nähe zu haben. Daher befindet sich die Yacht noch immer hier, aber bei besserem Wetter soll sie unverzüglich nach Norden auslaufen. Bleibt das Wetter ungünstig, dann können sich die Antwerpener auf einen Besuch von Verne vorbereiten, und danach kommt London an die Reihe.

Herr Paul Verne (der Bruder von Jules), dessen ältester Sohn sowie ein Freund, Rechtsanwalt in Amiens, leisten dem

 


berühmten Schriftsteller Gesellschaft. Die Besatzung ist zehnköpfig.

Jules Verne ist jetzt 53 Jahre alt und von mittlerem Wuchs, aber kräftigem Körperbau. Jugendliche Lebhaftigkeit, Güte und Heiterkeit sprechen aus dem vollen, durch einen ergrauten Bart umrahmten Gesicht. Weder Anschein noch Schimmer einer Eingenommenheit von sich selbst. Schlicht in allem seinen Tun und Lassen weist er mit einem gutmütigen Lächeln jedes Wort über seine Popularität von sich. Ebensowenig scheint er großen Wert darauf zu legen, über seine zahlreichen Werke zu sprechen. Er gestattete uns, seine Yacht neugierig zu besichtigen, auch um uns die Gewißheit zu geben, dass sich auf ihr nichts Außergewöhnliches befindet es spricht, und es zeigt sich auch nichts was den Schiffen gleicht, die seine Phantasie einst schuf. Alles ist äußerst gepflegt und zweckmäßig eingerichtet, aber keine Spur von zusammengepresster Luft, Elektrizität und dergleichen. Jules Verne erklärte uns, dass er allerdings glaube, dass die Elektrizität bestimmt sei, den Dampf als Antriebskraft abzulösen und dass vieles von dem, was seine Phantasie in seinen Werken hervorbrachte, in nicht

 

allzu langer Zeit tatsächlich umgesetzt werde. Der Zweck dieser neuen Reise ist es, neue Eindrücke zu suchen. Herr Verne versicherte uns, dass er im Augenblick an keinem neuen Werk schreibe, aber falls ihm diese Vergnügungsreise Material verschaffe, werde er sich sofort an den Webstuhl setzen.

Auf die Frage, ob die Niederlande einen Platz in seinem neuen Werk einnehmen würden, gab Verne zu erkennen, dass sicher mehr als eines der Kapitel der neuen Arbeit den Leser nach Holland versetzen werde, denn er und seine Reisegesellschaft erklärten, äußerst eingenommen zu sein von allem, was sie während der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes gesehen und aufgenommen hätten. Das war keine gekünstelte Höflichkeit, sondern ein aufrichtig abgelegtes Bekenntnis.

Jules Verne fing jedesmal Feuer, wenn er über die Museen in Den Haag und Amsterdam sprach. Rotterdam und Amsterdam gefielen ihm besser als Den Haag weil die Residenz das große geschäftige Treiben der Handelsbewegungen vermissen läßt, das ihn in den beiden Kaufmannsstädten in Verzückung versetzte. Amsterdam gefiel ihm im Übrigen noch besser als Rotterdam, weil Amsterdam mit

 


seinen zahlreichen Kanälen eine eigenartige Wirkung habe und auch mehr das Aussehen einer Weltstadt annehme. Was ihm an Rotterdam besonders erschien, waren die Maas mit ihren imposanten Schiffsbewegungen, die Kanäle und die Seeschiffe, das Panorama, das man vom großen Turm aus zu sehen bekomme - er ist auf dem großen Turm gewesen! - und nicht zuletzt Het Park. Er ist hier stundenlang gewesen und kann schier keine Worte finden, um den anmutigen Eindruck zu beschreiben, den dieser Spazierort mit seinen Wasserpartien, dem frischen Grün und den schönen Bäumen auf ihn gemacht hat.

Dass wir weniger begeistert waren, schrieb er mit einiger Bitterkeit der Gewohnheit zu. Zwei Dinge haben ihn angesprochen und wohlwollend gestimmt: die Freiheit

 

und die Reinlichkeit, die in Holland herrschen. Er bedauerte es, dass die anderswo vorhandene große Werft fehle. Er gab nicht vor, in der Kürze der Zeit einen tiefen und wohltuenden Eindruck empfangen zu haben, und man mag daraus schließen, dass wir ihn später wohl noch einmal wiedersehen werden, um mehr aus der Nähe zu betrachten, was nach seiner eigenen Überzeugung diesmal nur oberflächlich wahrgenom- men werden konnte.

Wenn Holland zum zweiten Mal durch einen Besuch von Verne beehrt werden sollte, dann möge dies weniger inkognito geschehen, damit er dann mit der Auszeichnung empfangen werden kann, die man ihm so gerne erweisen wird.

Die Reisegesellschaft verbrachte den gestrigen Abend im Hause des hiesigen Konsuls von Frankreich.

 

 

Der Artikel wurde mit Ausnahme des letzten Satzes auch im Zierikzeesche Courant von Mittwoch, d. 15. Juni 1881 nachgedruckt (s.u.).
     
 

 


[9] Das Bild  „Der junge Stier“ von Paulus Potter (1625-1654) aus dem Jahre 1647 ist im Mauritshuis in Den Haag ausgestellt.

[10]  Es dürfte Samuel Butler (1613-1680) gemeint sein, ein satirischer englischer Dichter, der Frankreich und Holland bereist hat. Das Zitat lehnt sich an dessen "Description of Holland" an.

[11] Hier liegt ein Widerspruch zu den Tagebuchnotizen vor, nach denen erst in Deal ein Lotse angeheuert wurde.

[12] Es muß wohl Wilhelmshaven heißen und könnte eine Verwechslung mit Frederikshavn im Norden Jütlands sein.