Durch die Kanäle von Zeeland

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Durch die Kanäle von Zeeland

Mittlerweile drängte die Zeit. Wir hatten schon den 11. Juni. Es war unmöglich, die Abreise aufzuschieben ohne unsere gesamte Kreuzfahrt zu gefährden. Wir mussten uns entscheiden, obgleich der Wind noch immer heftig war und die malerischen Mühlen von Rotterdam so rotierten, als sollten ihre ungeheuren Flügel, hundert Fuß in die Lüfte ausgestreckt, gleich zerbrechen.

Wir haben also dies beschlossen: nach Antwerpen zu reisen.

 

Sonnabend, 11. Juni

Die Saint Michel verläßt um 9 Uhr morgens Rotterdam. Es geht zunächst die Maas entlang. Dann der erste Kanal (Hellevoetsluis)[1]. Die Schleusen. Die Boote, Gribanen, Gabaren. Das Leben an Bord. Kinder und Frauen sind mit auf den Schiffen.

Wir fahren durch einen zweiten Kanal. Unsere Yacht soll in Antwerpen ankommen. Treffen mit dem Hafenkapitän, der durch die Zeitung von unserer Ankunft benachrichtigt war. Wir haben die Nacht am Ufer des Kanals angelegt verbracht.

 

 

 

Es ist, ohne den Weg übers Meer zu nehmen, möglich, sich auf den Kanälen, die die Maas mit der Schelde verbinden, nach Antwerpen zu begeben. Man folgt bald dem Fluss, bald einem Kanal, der die weiten Wiesen um etwa zwei Meter überragt, und in den man durch hervorragend gewartete Schleusen hineingelangt. Eine solche Schiffahrt, die uns völlig neu war, versprach ein wahres Vergnügen, und eine solche Gelegenheit verlockt einen zum Verweilen.

 

Nachdem wir dem Barometer einen letzten Blick geschenkt hatten, das noch immer unverändert bei 750 Millimeter stand, und ungeachtet der Verheißungen von schönem Wetter, die Thomas Atkins verschwendete - für den ja der Verzicht auf die Reise nach Hamburg den Verlust von einigen Pfund bedeuten konnte,- lief die Saint-Michel um neun Uhr morgens nach Antwerpen aus, obwohl wir entschlossen waren, falls das Wetter sich besserte, unser ursprüngliches Vorhaben wieder aufzunehmen.

Es braucht zwölf Stunden, um dieses sehenswerte Land zu durchkreuzen und am rechten Ufer der Schelde anzukommen. Es ist eine Schiffsreise, die zwischen den großen Inseln Zeelands, Voorne, Goeree, Schouven und Walcheren hindurchgeht, hier in einem engen Fahrwasser, dort auf wahren Binnenseen, die keinen Auslasspunkt zu bieten scheinen, und das alles inmitten von Lastkähnen, Schuten, Schaluppen, Schonern und Dampfern, von denen diese Gewässer, die genauso ruhig[13] daliegen wie die ausgedehnten Weiden, die ihre Ufer säumen, unablässig durchzogen werden.

 

 

Sonntag, 12. Juni

... Während unserer gestrigen Durchfahrt durch die Kanäle hatten wir den Anblick der sehr gepflegten Landschaft. Schöne Drehbrücken. Die großen Gabaren mit einer Tonnage von 200. Im Verlaufe des Tages knallt es. Die Marktflecken an der Schelde sind ruhig. Wir sehen in Hellevoetsluis eine holländische Schulfregatte. Wir überholen einen englischen Dampfer, die Minerva. Eine Depesche wegen der Bunkerung von Kohle wird nach Vlissingen geschickt. Wir fahren erneut durch die Kanäle. Unterwegs eine Gabare mit dem Namen Burgemeester Olliva. (Am Ende des zweiten Kanals angekommen haben wir etwas mit dem Hafenmeister geplaudert. Wir haben dort nahe dem Pfahlwerk der Fahrrinnenmarkierung geschlafen und eine gute Nacht verbracht.)

 

 

In seiner Ausgabe von Mittwoch, d. 15. Juni 1881, druckt der Zierikzeesche Courant den Bericht des Nieuwe Rotterdamse Courant (N.R.C.) über den Besuch Jules Vernes (s.o.) fast in voller Länge nach. Weggelassen ist die Mitteilung über den Besuch beim Konsul Frankreichs. Von einem Aufenthalt in Zierikzee, wie ihn Paul Verne angibt (s.u.), ist jedoch keine Rede. Die Erklärung dafür ist in zwei weiteren zeeländischen Zeitungsnotizen zu finden.

Der Goesche Courant bringt am Dienstag, d. 14. Juni auf seiner Titelseite einen kleinen Artikel:

Hansweert. Dieser Ort wird durch den Besuch von einem der besten gegenwärtigen Schriftsteller beehrt, eines Mannes, der nicht nur in seinem Vaterland geachtet und berühmt ist, sondern der auch in allen erschlossenen Erdteilen gekannt und geschätzt wird. Es handelt sich um den talentierten französischen Schriftsteller Jules Verne, der auch in den Niederlanden von Tausenden geistreich genannt wird und dessen spannende und nicht minder lehrreiche Erzählungen wahrhaft verschlungen werden. Am Sonnabend kam er mit seiner schönen Dampfyacht Sankt Michel von Rotterdam hier an. Der Kanal durch Zuid-Beveland mit

  seinen starken Brücken und großzügigen Schleusen wurde durch den stattlichen und Achtung einflößenden Besucher sehr gerühmt, wobei das lebendige Bild der im Kanal liegenden oder hinauf- und hinunterfahrenden Segelschiffe und Dampfboote offensichtlich einen angenehmen Eindruck auf ihn machte. Er unterhielt sich auch längere Zeit freundlich mit einigen Personen. Am Sonntagmorgen um 8 Uhr ist die St. Michel hier wieder abgereist, um über Vlissingen nach Norwegen zu dampfen.

Herr Verne wird von seinem Bruder begleitet.

 

Die Zeitung erschien in der Stadt Goes und brachte Nachrichten von den Inseln Nord- und Süd-Beveland.

Auch der Middelburgsche Courant schreibt am Mittwoch, d. 15. Juni 1881, auf seiner Seite 2:

Die französische Dampfyacht St. Michel, an deren Bord sich der berühmte Schriftsteller Jules Verne befindet, ist am Sonnabend, von Rotterdam kommend, in Hansweert eingetroffen, wo die Ausländer einige Stunden verweilten und mit diesem und jenem ein wenig plauderten.   Am Sonntagmorgen um 8 Uhr fuhr die Yacht nach Vlissingen weiter, lud dort an den Schleusen Steinkohle und stach danach in See, unterwegs nach Norwegen.
Die Saint Michel lag also in der Nacht von Sonnabend, d. 11. Juni auf Sonntag, d. 12. Juni 1881, in Hansweert und nicht in Zierikzee. Hansweert liegt am südlichen Ausgang des Kanals durch Süd-Beveland. Die Yacht muß also südwärts über die Osterschelde zu den Schleusen von Wemeldinge am Nordende des Kanals gelaufen sein. Sie hat den Kanal darauf bis Hansweert passiert.
     

 

Die Nacht ging ungestört in Zierikzee (falsch: in Hansweert)[14], am äußersten Ende des zweiten Kanals, vorüber und am folgenden Tage, den 12. Juni, kam Thomas Atkins uns wecken, wobei er einen Wetterumschwung verkündete. Da der brave Lotse diese gute Nachricht schon fünf oder sechs Mal hatte hören lassen, waren wir einigermaßen ungläubig hinsichtlich seiner Vorhersagen geworden. Aber erst einmal an Deck mussten wir uns davon überzeugen lassen: das Barometer war wieder angestiegen und der Wind war während der Nacht abgeflaut. Wir verzichteten daher auf die Fahrt nach Antwerpen und nahmen eine summarische Ansicht der Schelde, die mir in diesem Teil ihres Laufs der unteren Loire zu ähneln schien; dann, nachdem wir an dem Ort nach rechts abgedreht waren, wo es eigentlich nach links gehen sollte, machten wir uns auf die Tour nach Vlissingen.

 

Sonntag, 12. Juni (Fortsetzung)

Unser Vorhaben wurde verändert. Das Wetter wird wieder gut. Wir haben den Plan aufgegeben, nach Antwerpen zu fahren. Um 8 Uhr am Morgen passiert die St. Michel die Schleuse und läuft mit einem zweiten Lotsen nach Vlissingen aus. Das Wetter ist ruhig. Wir fahren auf die Schelde hinaus. Wir schauen uns die Schelde an und fahren mit voller Geschwindigkeit.

Atkins, der Lotse, sagt gutes Wetter vorher und wird uns nach Hamburg führen. Der Nebel geht in gutes Wetter über.

 

 
 

 

Sonntag, 12. Juni (Fortsetzung)

Am nächsten Tag (d.h. Sonntag) um 7 Uhr fuhr unsere Yacht durch die Schleuse hinaus. Die Schelde. Sie bietet einen ähnlichen Anblick wie die Loire. Wir zählen 99 Dampfboote. Um 11 Uhr kommen wir in Vlissingen an und bunkern Kohle. 45 Francs kostet es, wir wurden ausgenommen, weil es Sonntag ist.

Stadtbesichtigung. Die Kanäle, das Festungswerk. Bei unserer Abfahrt um 3 Uhr herrschte weniger gutes Wetter als wir geglaubt hatten. Westwind zuerst, der dann auf Nordost und darauf im Verlaufe der Nacht auf Nord sprang. Atkins hatte schon den Gedanken, auf Texel einen Zwischenhafen anzulaufen.

 

 

Im Rotterdamsch Nieuwsblad stand am Samstag, d. 18. Juni 1881 zu lesen:

Jules Verne hat auch Vlissingen angelaufen und hat den Hafen sowie die Stadt mit Interesse besichtigt.

 

Das Wochenblatt Brielsche Courant schreibt am 21. Juni 1881 (1. Blatt, Spalte 3) über eine Begegnung mit Jules Verne:

 

Ein Haager Ingenieur ist in Vlissingen zufällig mit Jules Verne in Berührung gekommen, dessen Dampfyacht Saint Michel dort Kohlen für die Reise nach Hamburg einnahm. Einer Beschreibung seiner bedeutsamen Begegnung entnehmen wir den folgenden Abschnitt, der sich auf einem für Verne eigentümlichen Terrain bewegt.

Nach der Besichtigung der Maschine kam das Gespräch wie von selbst auf die Elektrizität als Antriebskraft. Und diesbezüglich erzählte mir Herr Verne etwas, das mich so sehr erstaunte, dass ich keine Ruhe gefunden hätte, wenn ich nicht diese Zeilen zu Papier gebracht hätte. Während er Freitag noch dem Redakteur des N.R.Ct. (Nieuwe Rotterdamsche Courant) gegenüber versichern konnte, fest zu glauben, dass der Elektrizität als Antriebskraft die Zukunft vorhergesagt werden könne, musste er gleichzeitig dazu mitteilen, nicht zu wissen, wie das geschehen solle. In `20,000 lieus sous le mer´ hält Kapitän Nemo, der die Elektrizität nutzt, seine Methode denn auch vor Professor Aronnax geheim. Und heute - ist das Rätsel vom "l´emmagasinement de l´élec-tricité" aufgelöst!
Leser, denkt doch einmal darüber nach. Binnen zehn Jahren wird es Fabriken in der Sahara geben, die dort die Sonnenwärme auffangen werden, sie in Elektrizität verwandeln, in einem Kästchen aufheben, welch Kästchen nach den Haag geschickt wird,
 

hier während einiger Monateeine Nähmaschine antreibt und dann, wenn alle Elektrizität verbraucht ist, einfach zurückgesandt wird! Eine totale Wende ist in allen Branchen der Industrie zu erwarten! Flugmaschinen, ja was sonst nicht alles noch, gehören nicht mehr zu den Unmöglichkeiten. Ihr könnt verstehen, welch eine Begeisterung dies bei Herrn Verne hervorrief, der darin eine seiner herrlichsten Phantasien verwirklicht sieht.

In der Times vom 16. Mai d.J. befindet sich ein Artikel, unterzeichnet T.J.R.S., in dem berichtet wird, dass Herr Camille Faure aus Paris eine abgeänderte Planté-Batterie erfunden habe die, als Sekundärbatterie mit einer Groré-schen Batterie verbunden, Elektrizität aufsammeln kann, und das diese mehr als eine Million Voetponden oder ungefähr 140.000 Kilogrammmeter in einem Raum von 10 zu 5 Fuß oder 3 zu 1 ½ Meter untergebracht habe. Und jetzt stand in der Times vom 9. Juni d. J. ( und dies hatte Herr Verne im Blick als er bemerkte, dass es merkwürdig sei, dass just zum 100sten Jahrestag von George Stephenson´s Geburt die

 



Erfindung publiziert wurde, die dazu bestimmt sei, die Erfindung von Stephenson zu verdrängen) ein von Sir William Thomson, Hochschullehrer zu Glasgow, eingesandter Artikel, in dem mitgeteilt wird, dass sich erwiesen habe, das die Erfindung von Herrn Faure, obwohl sie geheim gewesen sei, völlig mit der Beschreibung von T.J.R.S. übereinstimme.

Ich kann es nicht unterlassen, hier sogleich eine kleine Huldigung für den prophetischen Blick unseres Niederländers Harting anzubringen, desselben edlen Mannes, der den Anstoß für die Transvaalbewegung gab, der in seiner Beschreibung des 20ten Jahrhunderts diese „Dynamomoden“ phantasiert hat, von denen sich jetzt herausstellt, dass sie bereits im vierten Quartal des 19. Jahrhunderts Wirklichkeit werden sollen.

 

Welch eine Entwicklung, welch einen Umschwung wird diese Erfindung, in großem Stil angewandt, verursachen! Und die Tatsache, dass ein Gelehrter wie W. Thomson nach einer dreiwöchigen gewissenhaften Prüfung zu einem äußerst günstigen Urteil kommt, weist mit Sicherheit nach, dass man mit Recht über diese Erfindung sagen kann „Das Unbegreifliche, hier ist es getan".

Herr Verne versprach, dass er die Einnahmen aus seinen beiden nächsten Werken (falls er je dazu kommt, noch eines zu schreiben, denn er sagte „Ich bin zur Zeit ausgelaugt“) für den Bau eines Unterwasserschiffes verwenden werde. Ob er sein Versprechen halten wird, weiß ich nicht.“

 

 

 

Dieses Vlissingen ist ein Loch. Die Stadt von dürftigem Reiz liegt ziemlich weit vom Hafen entfernt, der, so sagt man, sich noch beachtlich entwickeln wird. Wir wünschen das, und wir hoffen, dass sich dann die Kaufleute entgegenkommender zeigen werden, als sie es gegenüber unserem Maschinisten waren.

 

 

 

 

Nachdem wir zu einem "furchtbaren"- es gibt kein anderes Wort dafür - Preis Kohle gebunkert hatten, legte unsere Yacht in Vlissingen wieder ab. Ihre Abreise wurde gegen fünf Uhr abends vorgenommen; das Mündungsdelta der Schelde ist bald hinter uns gelassen und nun sind wir unterwegs nach Hamburg, unter der stolzen Leitung von Thomas Atkins. Wir waren übereingekommen, dass die Saint-Michel unterwegs Wilhelmshaven, den grossen deutschen Militärhafen, anlaufen sollte, der sich im Jadebusen, nahe der Einfahrt in die Weser, befindet und den wir sehr gern besichtigen wollten.


[13] Der niederländische Übersetzer merkt an, dies unterstelle, "dass der Nordwestwind unsere seeländischen Ströme damals nicht aufwühlte."

[14] Eine offensichtliche Fehlangabe. Die Nacht wurde in Hansweert verbracht.