Flottenfieber

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 Flottenfieber

Wir waren also dabei fortzugehen, als am Horizont des Kattegats eine Masse Rauch auftauchte, unter der man große schwarze Punkte ausmachen konnte, die einen gleichmäßigen Abstand voneinander hatten. "Seht mal!" rief ich, "Man möchte sagen, das ist ein Geschwader, das unter vollem Dampf Kurs auf den Sund nimmt! "Das ist zweifellos das englische Geschwader", erwiderte Robert Godefroy: "Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass es unter dem Kommando des Herzogs von Edinburgh von Portsmouth nach Kopenhagen ausgelaufen ist." "Dann wird das schnelle Schiff", machte mich mein Bruder aufmerksam, " das gestern salutierte, während ihr auf der Turmspitze der Frelsers-Kirche wart, sehr wahrscheinlich der Meldedampfer des Geschwaders gewesen sein, der gekommen war, um dessen Ankunft in Kopenhagen anzukündigen." "Meiner Treu", sagte ich zu meinem Bruder, "so schlimm es sein mag, wenn wir das Boot verpassen, aber wir müssen zusehen, wie die englischen Kriegsschiffe in den Sund hinein dampfen." Ungefähr eine Stunde später defilierte das acht Panzerschiffe starke englische Geschwader vor Helsingör, jedes Schiff in seinem vorschriftsmäßigen Abstand, der Admiral an der Spitze. Dies Schauspiel war gut und gern eine Stunde Verspätung wert.

 

Um vier Uhr gingen wir wieder an Bord des Dampfbootes, das gegen sechs Uhr nach Kopenhagen zurückkam, wobei es in einigem Abstand die englischen Kriegsschiffe passierte, die wegen ihres großen Tiefgangs (in einer genügend großen Entfernung) draußen in der See gegenüber der Zitadelle vor Anker gegangen waren.

 

Als wir an Bord der Saint-Michel eintrafen, war der erste Mensch, der sich zeigte, der "gentleman". Er schien uns bereits mit äußerster Ungeduld zu erwarten.

Da es sehr warm war, lief Thomas Atkins in Hemdärmeln herum und bot so einen völlig ungewohnten Anblick. Seine weite Latzhose aus grobem blauem Tuch, die ihm bis unter die Achseln reichte, rief durch ihre Länge diejenigen Beinkleider in Erinnerung, die vorausschauende Eltern für ihre noch im Wachstum befindlichen Kinder anfertigen lassen. Rosagewirkte Hosenträger, die sehr kurz und mit blauen Blumen bestickt waren, (zweifellos ein Geschenk von Frau Atkins) hielten diese gewaltige Hose, in der der "gentleman" schon bei der geringsten Beanspruchung gänzlich verschwinden zu müssen schien. Unermessliche Taschen, wahre Schrunden, taten sich an den Seiten dieses riesenhaften Bauwerks auf, und ihre Ausbuchtung deutete auf die Unmenge von Gegenständen aller Art hin, die ihre Tiefe verbarg.

 

Thomas Atkins wusste nicht, dass wir von Helsingör zurückkamen. Sein breites, gutmütiges Gesicht war von einem lebhaften Gefühl des Stolzes durchdrungen. Daher sprach er uns auch mit einer gewissen Feierlichkeit an:

"Gentlemen, the british squadron! You did not see the british squadron?"

 

"Ja", antwortete ich ihm, "gewiss haben wir es gesehen, das englische Geschwader! Wie beim Kometen kommen Sie wieder zu spät, mein wack´rer Lotse! Aber trösten Sie sich, diesmal ist es nicht Ihre Schuld! Sie konnten das Geschwader ja gar nicht vor uns wahrnehmen, weil wir gerade in Helsingör waren, als es in den Sund einlief und...."

"Das muss herrlich gewesen sein!" rief Thomas Atkins aus, ohne mich zu Ende sprechen zu lassen, aber mit einem derartigen Gefühl von Neid und einem solch lebhaften Ausdruck des Bedauerns, dass er bei diesem Schauspiel nicht hatte dabei sein können, dass ich angesichts dieses Ausbruchs der Vaterlandsliebe meinen Spott sofort einstellte.

 

Sicherlich haben die Engländer einige Verschrobenheiten. Welches Volk hätte die jedoch nicht? Man muss ihnen daher Gerechtigkeit widerfahren lassen: wenn es um ihre Flotte, ihre Armee, ihre Freiwilligen, die Regierung (der Königin) ihres Landes geht, dann kann man sie auf keinen Fall lächerlich finden, selbst bei ihren Übertreibungen nicht. Wenn man sie auf solche Themen bringt, gerät die patriotische Ader in ihnen leicht, vielleicht allzu leicht, in Wallung. Aber wer könnte sie dafür tadeln?

 

Mögen ihre Minister sich täuschen, mögen sie einen Fehler nach dem anderen begehen, ein Engländer wird dies niemals gegenüber einem Ausländer zugeben. Prüfen Sie ihre Presse, lesen Sie ihre großen Zeitungen, selbst diejenigen, die gegenüber der Regierung sehr feindselig sind, Sie werden dort keine groben Artikel, keine ehrenrührigen Streitschriften, keine anstößigen und unanständigen Beiwörter finden. Der Ton bleibt immer höflich und falls das nicht mehr so wäre, würde die betreffende Zeitung umgehend ihre Abonnenten verlieren. Eine langandauernde, unbeeinträchtigte Ausübung der Pressefreiheit hat die Presse dazu veranlasst, diese niemals zu missbrauchen.

 

Bevor wir die englische Flotte verlassen, sei mir erlaubt, hier das Bedauern zu äußern, das viele Dänen, in Kopenhagen und in dem durch Preußen annektierten Teil, mehrfach über das fast vollständige Ausbleiben der französischen Flagge in diesen Meeresgebieten bekundet haben. England lässt nicht zu, dass man es vergisst. Über seine zahlreichen Handelsschiffe hinaus, die diese Seestriche des Baltischen Meeres und der Nordsee durchkreuzen, hat es dieses Jahr[67] ein Geschwader von Panzerschiffen nach Kopenhagen und Sankt-Petersburg[68] entsandt.

 

Es wäre ein Leichtes für Frankreich, dasselbe oder sogar besseres zu tun, und so einem warmherzigen Empfang, der ihm sicher vorbehalten wäre, entgegenzugehen.

In der Tat war die englische Flotte, die in den Gewässern von Kopenhagen erschienen war, fast ganz und gar aus alten Schiffen ohne bedeutenden Wert zusammengestellt. Man erblickte dort den Warrior, das erste Panzerschiff, das England fertigte, und dass aus dem gleichen Zeitabschnitt stammt, in dem wir die Gloire bauten. Das einzige ein wenig moderne Kriegsschiff war das Admiralsschiff Hercules, doch seine Geschütze sind weit davon entfernt, denen an Stärke gleichzukommen, mit denen zur Zeit unsere Panzerschiffe bewaffnet sind. Wenn wir England in den Schatten stellen wollten, dann würde es genügen, eine Flottenabteilung zu entsenden, in der die Dévastation mit ihren Fünfzig-Tonnengeschützen, die Admiral-Duperré, die Redoutable vertreten wären und als Kreuzer die Duquesne oder die Tourville, die eine Geschwindigkeit von achtzehn bis neunzehn Knoten erreichen.

Allerdings könnten uns die Engländer ihr Kriegsschiff Inflexible mit seinen Achtzig-Tonnenkanonen entgegensetzen. Aber dieses Fahrzeug ist nach der Kritik, die man daran öffentlich im Unterhaus geübt hat, weit davon entfernt, makellos zu sein. Es ist nur Mittschiffs gepanzert, und man fragt sich, was wohl passieren würde, wenn seine Enden von schweren Geschossen durchbohrt, anfingen voll zu laufen. (Böse Zungen behaupten, dass ihre Stabilität dermaßen kompromittiert sei, dass sie wohl damit enden könne, dass sie sich kieloben ihrem über diese neuartige Kampfesweise erstaunten Gegner präsentiere.

 

Ein weiterer Grund würde die Entsendung eines französischen Geschwaders in das baltische Meer rechtfertigen. Es wäre gut, wenn unsere Offiziere mit diesem engen und schwierigen Meer vertraut gemacht wären. Weiß man denn, was uns die Zukunft vorbehält?

Wenn, wie ich schon gesagt habe, Herr von Bismarck an seiner Formel: Beati possidentes! festhält, so sollte er diese Antwort einverleibter Völker nicht übersehen: Infelices domiti!)

 


[67] 1881

[68] Die Hartleben-Übersetzung nennt auch Kiel als einen der Zielhäfen. Kiel wurde Anfang Juli 1881 tatsächlich vom britischen Geschwader angelaufen.