Die Frelsers-Kirche: Aussicht mit Herzklopfen

 Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Die Vor Frelsers-Kirche: Aussicht mit Herzklopfen

Kopenhagen besitzt keine Gebäude die es wert sind, besonders hervorgehoben zu werden. Jedoch ist die Börse, die durch Christian IV. gebaut wurde, ein sehr altertümlicher Ziegelbau mit eigenem Gepräge, der durch einen kleinen Glockenturm überragt wird, der aus den ineinander verflochtenen Schwänzen von vier bizarren Ungeheuern gebildet ist.

Man könnte auch das Schloss Christiansborg lobend erwähnen, das Sitz des Reichstages ist; den Amalienborg Palast im Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts, wo der König residiert; das Königliche Theater am Kongens-Nytorv, das eine prächtige Gestaltung hat und das Schloss Rosenborg, das 1607 im gleichnamigen Park errichtet wurde.

 

Nach der Kirche Unserer lieben Frau, deren Chor mit dreizehn Statuen von Thorwaldsen verziert ist, die Christus und die Apostel darstellen[57], muss ich ganz besonders die Frelsers-Kirche erwähnen, die auf der Insel Amager an der anderen Seite des Hafens gelegen ist. Das Bauwerk hat keinerlei architektonische Bedeutung; aber es wird von einem sehr hohen Kirchturm überragt, auf dessen höchsten Punkt man nur über eine Außentreppe gelangt, die sich wie ein Schneckengehäuse um die Turmspitze herum windet. Man muss einen festen Mut haben, um die Besteigung erfolgreich durchzuführen. In seiner Reise zum Mittelpunkt der Erde lässt uns mein Bruder einer "Lehrstunde am Abgrund" beiwohnen, die der Professor Lidenbrock seinem Neffen Axel auf dieser schwindelerregenden schiefen Ebene erteilt.

 

An dem Tag an dem wir dort hinaufgestiegen sind, mein Sohn und ich, war das Wetter sehr klar. Die Aussicht reichte sehr weit und umfasste von Norden bis zum Süden den Sund in seiner ganzen Länge; aber es wehte eine steife Brise von Osten her und machte jede Beobachtung schwierig. Wir hatten an unseren beiden Händen, die das Geländer umklammerten, nicht zu viel um uns festzuhalten und den heftigen Windstössen Widerstand zu leisten. Folglich war es auch unmöglich, unsere Fernrohre zu benutzen. Es war uns auch nicht möglich, die Flagge eines schnellen Seefahrzeugs mit zwei gelben Schornsteinen zu bestimmen, das auf der Reede von Kopenhagen eintraf und die dänische Flagge, die auf der Zitadelle[58] flatterte, mit einundzwanzig Kanonenschüssen grüsste.

 

Nach Norden gewandt nimmt man am äußersten Ende des Sundes die kleine Stadt Helsingör wahr. Zwischen Helsingör und Kopenhagen erstreckt sich ein grenzenloser Forst mit riesenhaften Bäumen, der von zahlreichen Landhäusern durchsät ist. In diesem Wald[59], in Wirklichkeit eine Vorstadt von Kopenhagen, zu dem die schöne Promenade Langelinie[60] führt, die auf dem Ufer des Meeres entlang verläuft, haben die reichen dänischen Familien ihre Sommersitze errichtet. Man begibt sich dorthin auf Dampfbooten, die alle Punkte der Küste verbinden und an langen "Piers" anlegen, eine Art Pfahlweg aus Holz oder Eisen, die sich malerisch bis hinaus auf die Reede erstrecken. Es ist ein bezaubernder Ausflug dahin, den wir für morgen vorhaben, wenn wir in Helsingör das Schloss Kronborg besichtigen werden. Das Schloss verteidigt die nördliche Einfahrt des Sundes, und in diese ehemalige Festung hat Shakespeare die großen Szenen seiner düsteren Tragödie Hamlet gelegt.

 

Aber trotz des Interesses, das wir an dem bemerkenswerten Rundblick nahmen, mussten wir an den Aufbruch denken; der Ort war nicht mehr auszuhalten: die Böen nahmen an Heftigkeit zu, und für Augenblicke schien der Kirchturm unter der mächtigen Belastung hin und her zu schwanken.

Mein Sohn, weniger abgehärtet als ich, begann unter der vibrierenden Bewegung zu leiden, die äußerst unerquicklich ist, wenn man sie hundert Meter hoch in der Luft ertragen muss; er färbte sich zusehends grün im Gesicht, so als sei er seekrank geworden, sein Blick wurde unsicher...es war an der Zeit, fort zu gehen (wenn ich einen Unfall vermeiden wollte, dessen erstes Opfer ich vielleicht sein würde).

Wir fingen also an hinabzusteigen. So gewöhnt ich auch an Touren im Gebirge bin[61], diese Treppe, die sich wie ein Korkenzieher in das Nichts bohrt, erzeugte auch in mir ein unangenehmes Gefühl. Ohne so grün im Gesicht zu sein wie mein Sohn, war ich doch bereits sehr bleich geworden und wenn die Lage auch nur ein wenig länger andauerte, so würde ich in den gleichen Zustand geraten wie er.

 

Wir waren schon ein Dutzend Meter hinabgestiegen, als plötzlich ein unerwartetes Hindernis auftauchte.

Eine (alte) Dame von fünfzig und etwas mehr Jahren, mit einem gewaltigen rosa Hut bedeckt und herausgeputzt durch ein apfelgrünes Kleid, das mit seinem zu knappen Schnitt an die anmutige Figur eines Regenschirmfutterals erinnerte, versperrte den Durchgang, der selbst für eine einzige Person schon eng genug war.

Dieser Dame, die eine Deutsche sein musste, folgten ihre elf Kinder! Ja, Sie haben richtig gelesen, ihre elf Kinder, und wer sagt uns denn, dass sie nicht noch mehr davon hätte. (Von jetzt an waren wir auf ihre Nationalität fixiert: es war eine Deutsche, aber eine unwahrscheinliche Deutsche, so dürr und so spitz, dass sie der Frelserskirche als Blitzableiter, welcher dieser fehlt, hätte dienen können.)

 

Die von ihr angeführte Karawane schloss fünf bis sechs Meter weiter unten ein sehr dicker Herr ab, ohne Zweifel der Gatte, (Preuße von Kopf bis Fuß), schwitzend, schnaufend, triefend für zwei.

Was tun? Die Lage war bedenklich. Wieder hinaufklimmen, das konnte ich kaum, ohne Gefahr zu laufen, den Sturm voll abzubekommen (von dem die Deutschen mit Sicherheit auch ihren guten Teil einstecken würden.) Das Klügste war es offensichtlich, weiter vorwärts zu gehen; aber man musste dann (die Preußin und) die ganze Sippe mit Kind und Kegel dazu bringen, zurückzuweichen, denn auf einer derartigen Stiege aneinander vorbeizukommen war unmöglich.

Es war sehr peinlich. Die (deutsche) Mutter warf mir wütende Blicke zu und schien sich schon auf einen Streit vorzubereiten. Ihr Mann, der sich aus der Nachhut heraus keinen Reim auf die Schwierigkeit machen konnte, stieß ein dumpfes Grollen aus und schien sehr übler Laune zu sein.

Das Beste war also, mit den Neuankömmlingen in Verhandlungen zu treten (und sich zu bemühen, einen Rückzug, der schmerzlich für die preußische Eigenliebe ist, zu erreichen. Ich rief meine alten Erinnerungen aus der höheren Schule auf und versuchte, mit Hilfe eines wohl fantasierten Deutsch den Gegner zum Zurückweichen zu veranlassen)[62] .

"Wir können nicht zurückgehen, Madame, wir können das nicht!" sagte ich mit entschlossener Stimme.

"Aber, Monsieur,"", antwortete sie in einem germanisierten Französisch, das zu verstehen mir aber gelang, "Wir haben das gute Recht..."

"Zweifellos..... Doch es gibt, wie Sie wissen, Umstände, unter denen Not vor Gebot geht, und wir sind "in Not", schnell hinunter zu kommen."

 

Und gleichzeitig wies ich sie auf das immer verzerrtere Gesicht meines Sohnes hin.

 

Das war dermaßen vielsagend, (selbst für eine Deutsche),dass die ganze Karawane ohne zu zögern den ungeordneten Rückzug antrat. Es galt ein allgemeines Rette-sich-wer-kann. Binnen zwanzig Sekunden war die Treppe frei, der Gegner war verschwunden(, wobei er auf einen ungleichen Kampf verzichtete) und wir schritten gelassen die zwanzig Meter hinab, die uns noch von der Innentreppe des Glockenturms der Frelser-Kirche trennten.

 


[57] und der Altarplatz mit dem berühmten "Engel der Taufe" geschmückt ist.

[58] Frederikshavn

[59] dessen vorderer Teil Tiergarten (Djursgarden) genannt wird

[60] und der große Strandweg

[61] Paul Verne war Bergsteiger und hat darüber auch geschrieben (s. Mont Blanc).

[62] Auch dieser Passus wurde in der Hetzel-Ausgabe weggelassen. Dort wird der hervorgehobene Absatz durch die Formulierung „und zu versuchen, sie zum Rückzug zu bewegen.“ ersetzt.