Jules Verne Sommer 1861: von Lübeck nach Schweden

Jules Verne´s Sommer 1861

Von Lübeck nach Schweden

von Friedemann Prose (2011)

„...Danach sollte die Reise in Schweden beginnen. „Dazu mußten wir uns nach Lübeck über Köln-Hannover-Hamburg begeben und uns dort nach Stockholm einschiffen; das schien mir eine sehr angenehme Schiffsreise zu versprechen; wir nahmen uns vor, bei der Durchquerung Norddeutschlands so viel wie möglich zu besichtigen.“(JM)

 

zu Vorwort und Inhaltsübersicht Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861

Jules Verne´s Sommer 1861:

Von Lübeck nach Schweden

von Friedemann Prose (2011)

Das hier vorgestellte Kapitel ist ein Teil des Versuchs, die gesamte Skandinavienreise 1861 von Jules Verne und seinen Freunden zu rekonstruieren. Die Ausformulierung der Tagebuchnotizen von Jules Verne ist blau markiert und mit der Angabe TB sowie den entsprechenden Seitenzahl des Tagebuches versehen. Das Handbook Denmark (1875) aus der Reihe der damals gut bekannten Reiseführer von Murray soll mit dem Kürzel MU bei der Veranschaulichung der Reiseroute helfen. Dieser Reiseführer wird von Jules Verne im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Skandinavienreise 1861 (Joyeuses misères...,JM) ausdrücklich erwähnt.

Jules Verne beschreibt die Vorbereitungen zu dieser Reise in dem ersten und einzigen bisher aufgefundenen Kapitel eines Romans, dem er den Titel "Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie" (JM) gab.

„...Danach sollte die Reise in Schweden beginnen. „Dazu mußten wir uns nach Lübeck über Köln-Hannover-Hamburg begeben und uns dort nach Stockholm einschiffen; das schien mir eine sehr angenehme Schiffsreise zu versprechen; wir nahmen uns vor, bei der Durchquerung Norddeutschlands so viel wie möglich zu besichtigen.“(JM)

Die Freunde kauften„Billets für die direkte Fahrt von Paris nach Stockholm über Lübeck; man musste die letztgenannte Stadt so erreichen, dass man am Freitagabend, den 5.Juli , sich dort einschiffen konnte; wir durften also keine Zeit verlieren, wenn wir einen Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden in Hamburg einlegen wollten.“(JM)

Die Angaben im Romanfragment stimmen sämtlich mit dem in Jules Verne´s Tagebuch festgehaltenen Ablauf der Reise überein. Dort ist die Fahrt mit der Eisenbahn von Paris über Hannover nach Harburg bzw. Hamburg beschrieben. Der Aufenthalt in Hamburg dauerte auch nach dem Tagebuch vierundzwanzig Stunden. Von dort geht es nach Lübeck, das trotz der kurzen Aufenthaltsdauer intensiv besichtigt wurde.

 

 

Das Holstentor in Lübeck. Zeichnung von Jules Verne (1861)

Die Zeichnung des Holstentor von Lübeck befindet sich auf S.10 des Tagebuch von Jules Verne und gibt einen Eindruck von der Neugier und dem Interesse der Reisenden. Jetzt stehen die drei Touristen auf dem Kai, bereit für die Schiffsreise nach Stockholm.

 

Freitag, 5. Juli 1861...Wir haben uns an der Svea eingefunden. Die Abfahrt ist um vier Uhr (TB S.13).

In der schwedischen Zeitung Ystads Tidning von Freitag, dem 14. Juni 1861 findet sich eine Anzeige der Firma E. Wedberg & Co.. Danach fahren die Dampf-Schoner Svea, mit dem Kapitän P.G. Nylén, und Bore regelmäßig die Strecke zwischen Lübeck und Stockholm mit Zwischenstopps in Ystad und Kalmar. Am 5., 10., 15., 20., 25. und 30. jeden Monats fährt je eines dieser Schiffe von Lübeck bzw. ab. Von Ystad geht es am nächstfolgenden Tag weiter: nach Kalmar und Stockholm früh am Morgen, wie auf der Reise von Jules Verne, und nach Lübeck am Nachmittag.

Recherchen im schwedichen Schiffsarchiv ergeben: Der Name Svea steht für die Mutter Svea, das Symbol für Schweden. Der Raddampfer hat die Abmessungen 70,31m zu 8,30 m mit 260 Pferdestärken. Die Svea wurde 1858 als Raddampfer von der Motala Werft in Norrköping für Schön & Co. in Stockholm gebaut und fuhr die Strecke Stockholm-Kalmar-Lübeck. 1871 wurde sie nach Großbritannien verkauft und hieß Ixion, später fuhr sie unter den Namen Helgoland, Cattaro und Napoli, bis sie 1913 verschrottet wurde.

Die Schiffsreise von Lübeck nach Travemünde wird von Jules Verne in seinem Tagebuch ansschaulich dargestellt:

Der Anblick von Lübeck. Ohne seine Türme könnte man es für ein Dorf auf dem flachen Lande halten. Die Svea wird bis nach Travemünde durch die Windungen der Trave geschleppt. Bei ihrer Länge könnte man sie sonst nicht steuern. Die Trave rollt ihr schwarzes und tiefes Wasser mitten durch eine entzückende Ebene. Ein wahrer Strom, der Dreimaster und gewaltige Steamer trägt. Das Land ist fast bis in den Fluss hinein durch Ackerbau genutzt und hat ein herrliches Grün. Einige Landhäuser von Lübecker Senatoren sind zu sehen. Es wirkt genauso wie in der Normandie (TB S.13f)

Die Beschreibung der Route ist Murray´s Hand-Book Denmark nüchterner zu lesen : "Die Dampfer...legen am Nachmittag ab, früh genug um die offene See vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Der Flusslauf ist sehr kurvig und obwohl er tief genug für große Schiffe ist, ist er sehr eng. Der Dampfer kann daher nicht mit großer Geschwindigkeit laufen. Die Ufer bieten nichts von Interesse, aber die Kirchtürme von Lübeck zeigen sich ständig über die Bäume und die Dächer der Häuser hinweg, jetzt in der einen, dann in der anderen Richtung, je nach dem gewundenen Verlauf des Flusses."(Mu,S.26).

Die Kabinen sind entzückend und komfortabel. Wir belegen die Nummern 34 und 35. An den Ufern rufen einige Menschen Adieu und werfen Blumensträuße. Die Maschine ist besonders schön. Das Schiff misst 140 Fuß und hat 160 (!) Pferdestärken. Nach vier Stunden Fahrt verbreitert sich die Trave, man kann Travemünde sehen. Es werden zwei Flaggen gehisst; die von Lübeck ist weiss und rot und die schwedische Flagge hat ein gelbes Kreuz auf einem blauen Hintergrund (TB, S.14f).

In Murray´s Hand-Book Denmark steht über Travemünde: "An der Mündung der Trave, wo sie eine Art Brackwassersee durchquert, der Pöllnitzer Wyck genannt wird, liegt Travemünde. Der Ort ist ein Seebad, das von Lübeck aus viel besucht wird und vorher deswegen von Bedeutung war, weil größere Schiffe dort zumindest teilweise entladen werden mussten - eine Unbequemlichkeit die durch die Vertiefung des Flusses beseitigt wurde...Mehrmals am Tag verkehrt ein Dampfer von Lübeck nach Travemünde und zurück."(Mu,S.26)

Zwei Leuchttürme sind am Horizont zu sehen. Das Meer scheint durch eine Sandbank versperrt zu sein. Die Svea folgt dem Fahrwasser. Das Wasser wird von grünen Pflanzen bedeckt, die niemals durch die Strömung von Ebbe und Flut gestört werden. Der Leuchtturm von Travemünde, das Seebad liegt in Fahrtrichtung links. Wir fahren auf die Ostsee hinaus- das Wasser ist grün (TB S.15).

Der Leuchtturm von Travemünde

" Kurz nachdem die kleine Stadt (Travemünde) passiert wurde, kann man auf der linken Seite den Leuchtturm sehen, und nun fährt der Dampfer auf die Ostsee hinaus, in einer geraden Linie nach Nordosten in Richtung Sund. Die Küsten von Holstein und Mecklenburg zur Linken und zur Rechten, die den Anblick von bewaldeten Hügeln mit großen Landhäusern bieten, werden niedriger und verschwinden allmählich, während die Nacht hereinbricht. Nur die Leuchttürme von Burg, auf der Insel Fehmarn auf der linken Seite und Darsserort in Mecklenburg auf der rechten, weisen noch für einige Zeit auf die Anwesenheit von Land hin." (Mu,S.26)

 

Die Deutschen, Dänen und Schweden sind stolz auf die Ostsee, das baltische Meer. Es scheint, als ob sie ihnen gehöre. An Bord gibt es ein vorzügliches Abendessen. Es ist Nacht. Von Osten kommt Sturm auf. Ein Leuchtturm an der dänischen Küste. Das Meer ist sehr aufgewühlt. Wir haben ein Gespräch mit einigen Schweden. Es geht um Paris, Schauspielerinnen. Diese Leute sind verrückt nach dem Königspalast und den Buffos. Offenbach ist äußerst populär. Man nimmt ihn ernst. Ich gehe schlafen. Wenn ich aufwache, werden wir vor Ystad angelangt sein (TB S.15)

 

Benutzte Literatur

Murray,J. (1875). Murrays Handbook for Travellers. Denmark, with Sleswig and Holstein. Fourth Edition. London : John Murray

Verne, J. (1861), Carnet du voyage en Scandinavie. Original : Bibliothèque d´Ámiens Métroplole, Collection Jules Verne

Verne, J. (1862 ?), Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie. Original : Bibliothèque d´Ámiens Métroplole, Collection Jules Verne