Jules Verne: Romanfragment Skandinavienreise 1861

Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861

Drei Freunde bereiten eine Reise vor (Romanfragment)

 

Friedemann Prose, 2011

 

Anfang der 1860er fasste Jules Verne den Plan, eine Skandinavienreise zu machen. Er fand zwei Freunde, die bereit waren, ihn zu begleiten. Sie werden in einem Romanfragment als Aristide H.... und Emile L.... bezeichnet. Jules Verne beschreibt die Vorbereitungen zu dieser Reise in dem ersten und einzigen bisher aufgefundenen Kapitel eines Romans, dem er den Titel "Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie" gab und aus dem hier zitiert werden soll (Übersetzung d. Autor).

Das Originaldokument befindet sich in der Bibliothèque Municipla dÁmiens unter der Signatur JV MS 11.

Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861 (Quellen und Inhalt)

 

Das Dokument wird in der Collection Jules Verne aufbewahrt und trägt dort die Bezeichnung V7 Jules Verne. Joyeuses misères de trois voyageurs en Scandinavie, premier chapitre (manuscrit inédit) 1861. Im Jahre 2000 veröffentlichte Piero Gondolo della Riba 17 Zeilen aus dem Romanfragment zusammen mit einem Kurzkommentar in Katalog zur Ausstellung „Jules Verne à Dinard (S.25). Der Text war der Öffentlichkeit zunächst nicht zugäglich, bis es die französische Ausgabe der Zeitschrift GEO im Jahre 2003 sowohl als Faksimile als auch in der Übertragung veröffentlichte. Bald darauf war der Text auch online auf der israelischen Jules Verne Seite zugänglich. Die hier deutsche Teil-Übersetzung soll das Verständnis der Leser/innen erleichtern.

 

Jules Verne: Joyeuses Misères de trois voyageurs en Scandinavie

 

"Unsere Dreieinigkeit setzte sich während der zwei Monate, die der Abreise vorangingen, oft zusammen: die Stunden vergingen damit, die Landkarten zu verschlingen, über den Reiseweg zu entscheiden! Emile konnte ganz gut Englisch; da das Haus Hachette noch keinen Joanne über das Land publiziert hatte, stürzte er sich zu meiner Verzweiflung, denn mit diesen verwünschten Büchern (Reiseführern) gibt es nichts Unvorhergesehenes mehr, auf den Murray.

Ich kaufte die besten Karten von Schweden; mit dem Kompass in der Hand nahmen wir unsere Entfernungen, wir überquerten die Wildbäche, und mit einem Anflug von Behendigkeit sprangen wir die Berge hinauf.

Schließlich, nach zahlreichen Diskussionen, wurde, weil es uns auf die Nerven ging, entschieden, daß die Reise in Schweden beginnen sollte. Dazu mußten wir uns nach Lübeck über Köln-Hannover-Hamburg begeben und uns dort nach Stockholm einschiffen; das schien mir eine sehr angenehme Schiffsreise zu versprechen; wir nahmen uns vor, bei der Durchquerung Norddeutschlands so viel wie möglich zu besichtigen.

Da M.G. Belèze ein Wörterbuch des praktischen Lebens publiziert hat, war ich entschlossen, dort die Auskünfte abzuschöpfen, die für Reisende notwendig sind. Er empfahl an erster Stelle, sich mit einem Pass zu versehen. Zu diesem Betreff wurden wir bei allen ausländischen Botschaften vorstellig; er empfahl, bevorzugt vor den Segelschiffen die Dampfschiffe zu nehmen. Das war genau unsere Absicht; er fügte hinzu, daß man nicht eine gewisse Verproviantierung mit Rum und Tabak vergessen solle, "zwei Artikel, sagte er, die, passend verteilt, das Wohlwollen und die Wertschätzung von Matrosen gewinnen, mit denen es wichtig ist, immer auf ausgezeichnetem Fuße zu stehen ." Ich notierte diese bemerkenswerte Beobachtung sorgfältig. Er bestand auf einer guten Qualität des Schuhwerks und dem Gebrauch eines Mantels aus Kautschoux (sic); Schließlich endete er mit der Bitte, sich mit einer Feuerwaffe zu versehen, wenn nicht um sich zu verteidigen, so wenigstens um Hilfe herbeizurufen; "denn, sagte er, es gibt unglücklicherweise genug Beispiele von Touristen, die mit einem Knochenbruch gestürzt sind und elendiglich in einer schwachen Entfernung zu einem Ort gestorben sind, von dem Hilfe für sie hätte kommen können, wenn sie in der Lage gewesen wären, sie durch den Knall einer Feuerwaffe herbeizurufen.

Der Satz von M. G. Belèze war ein wenig lang, aber schließlich ging er zu Herzen; er ließ mich vor Vergnügen erschauern und ich notierte dies hier: trage immer dafür Sorge, daß du nur dort stürzt, wo man dir zu Hilfe kommen kann !

Mit diesen wertvollen Ratschlägen versorgt machten meine beiden Freunde und ich unsere Einkäufe; jeder von uns fand in der Fabrik von Deel und Mayor einen hervorragenden Kautschoux (sic) (Gummimantel) zum Preis von 25 Franc; ein Reisekoffer aus Wildschwein ausgefüttert mit Leinwand, ein solider Spazierstock, ein Reisetornister der an einem Gurt aus poliertem Leder hing, ein Revolver dessen stolzer Besitzer ich war, vervollständigten unsere Reiseausrüstung. Jeder hatte außerdem seine umflochtene Flasche voll mit Branntwein, Kirsch oder Rum. Der Advokat hatte ein Eselsknie erworben, um damit Wasser aus den Wildbächen zu schöpfen und das auch den Vorteil hatte, verseuchte Wellen in ganz klare zu verwandeln. Ich besaß ein Notizbuch englischer Herkunft "Henry Penny´s patent", Aristide ein Album, das dazu bestimmt war, die naiven Melodien jener ursprünglichen Völker zu sammeln, und Emile ein Kontobuch. Er führte die Kasse.

Wir drei, dabei haben wir uns ein wenig ausgepresst, wir hatten 3500 Francs zusammengelegt: damit konnte man bis ans Ende der Welt reisen.

Zweitausend Francs wurden in ausländische Währungen umgetauscht; der Rest wurde dazu verwendet, uns einen Wechsel auf einen Bankier in Stockholm zu besorgen.

Einer meiner Freunde, dem zwanzig Jahre geschäftliche Tätigkeit prächtige Beziehungen verschafft haben, geleitete mich zum Baron von Rotschild.

Ich kannte diesen reichen Finanzier nicht; ich trat mit kühnem Schwung in seine Büroräume; schließlich war ich ein Kunde; es stimmt, er gab mir einen Wechsel; aber ich zahlte ihm Zinsen und Provision; er wurde daher zu meinem Schuldner. Ich trug den Kopf hoch erhoben; ein Mann, der eine Summe von fünfzehnhundert Franc einzahlt, hat das Recht auf Achtung.

Heinrich Heine hat erzählt, daß der Nachttopf des Herrn Baron eines Tages über seinen Korridor getragen und die Menge der Bittsteller bei seinem Vorbeikommen den Hut abnahm.“

(Anmerkung F.P.: Heinrich Heine beschreibt einen Besuch bei James Rothschild in Paris. "Vor mehreren Jahren, als ich mich einmal zu Herrn von Rothschild begeben wollte, trug eben ein galonierter Bedienter das Nachtgeschirr desselben über den Korridor, und ein Börsenspekulant, der in demselben Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hut ab vor dem mächtigen Topfe. So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute. Ich merkte mir den Namen jenes devoten Mannes, und ich bin überzeugt, dass er mit der Zeit ein Millionär sein wird." Heinrich Heine, Lutetia, XXXII, Paris, 31. März 1841).)

„Ich habe mir selbst geschworen den Hut vor ihm aufzubehalten, falls das fragliche Gerät sich zeigen sollte, nicht aus Hochmut, sondern wegen der Würde. Glücklicherweise wurde ich nicht auf die Probe gestellt.

Kurz gesagt, händigte man mir einen Wechsel auf eine Bank in Stockholm aus, aber schenkte mir überhaupt keine Aufmerksamkeit. Ich schmollte deswegen nicht, und beim Hinausgehen schaute ich von oben auf den Baron herab, der vor seinen viel farbenen Klingelschnüren in seinem Arbeitsbüro saß.

Meine beiden Freunde hatten sich ihrerseits zahlreiche Empfehlungsschreiben für die französischen Konsule in Schweden und einen Mediziner in Christiania verschafft. Das schien mir sehr unnütz zu sein.

Schließlich war der Monat Juni verstrichen; aber die Abreise war auf den 2. Juli verschoben worden! Noch ein weiterer Tag Verspätung. Seit geraumer Zeit schon hatten wir von unseren in Tränen aufgelösten Vertrauten ergreifenden Abschied genommen. Nach einer mündlichen Übereinkunft war, für den Fall dass einer von uns auf der Reise stürbe, abgemacht, dass sein Leichnam nicht rückgeführt werden sollte.

Es gab in Paris eine zentrale Reiseagentur für den Norden; dort entdeckten wir Billets für die direkte Fahrt von Paris nach Stockholm über Lübeck; man musste die letztgenannte Stadt so erreichen, dass man am Freitagabend, den 5.Juli , sich dort einschiffen konnte; wir durften also keine Zeit verlieren, wenn wir einen Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden in Hamburg (Jules Verne - Hamburg in vierundzwanzig Stunden) einlegen wollten.

Der Preis der Plätze war 210 Francs von Paris nach Stockholm im Abteil erster Klasse und in einem gemischten Zug; wir begaben uns alle drei zur Agentur; dort konnten sich meine Augen nicht von einem Gemälde lösen, das die Svéa darstellte, welche die Überfahrt über die Ostsee machte. Als der Preis bezahlt war, händigte man uns ein kleines rotes Heft aus, dessen Blätter nach und nach auf dem Reiseweg fällig werden sollten, sowie eine Karte die unseren Zugang an Bord der Svéa regelte.

Endlich kam der Dienstag heran. Seit acht Uhr trat ich nicht mehr ohne meinen Gummimantel und meine Umhängetasche vor die Tür. Um viereinhalb Uhr waren wir auf dem Gare du chemin de fer du Nord (Gare du Nord); mein Puls machte neunzig Schläge die Sekunde! Habe ich auch nichts vergessen? Ständig betastete ich meine prallgefüllten Taschen; ich prüfte meinen Tornister, dessen Verschluss unter dem Druck meiner Finger knackte. Endlich war das Reisegepäck gewogen, nummeriert, verladen; ich betrat als erster wie ein Eroberer den Wartesaal; die Glocke läutete, die Türen öffneten sich und im Nu befanden wir uns in einem Wagenabteil, Emile und Aristide saßen hinten, ich vorne.

Um fünf Uhr zehn Minuten ertönte kräftig die Dampfpfeife, die Lokomotive wieherte, der Zug setzte sich in Bewegung und zum großen Erstaunen der Weggefährten, die alle drei aus den Fenstern der rechten Seite lehnten, stießen wir im gemeinsamen Einklang den scheußlichen Ruf aus:

 

Adieu ! France! Adieu!

 

 

Soweit die Übersetzung der gegenüber dem Original etwas gekürzten Fassung des Romanfragments von Jules Verne.

Nach der Lektüre bleiben einige Fragen offen. Aus welchem Jahr stammt das Romanfragment ? Ist die Reise, deren Vorbereitung und Fahrtantritt so eingehend beschrieben wird, tatsächlich stattgefunden, oder ist sie eine Fiktion ?

Vieles spricht dafür, eine tatsächliche Reise anzunehmen. Dann könnte das Romankapitel zu einem Reisebericht gehören, den Jules Verne nach der Heimkehr zu schreiben angefangen hatte. Jules Verne hatte bereits zuvor 1859 bis 1860 einen solchen Bericht über eine real stattgefundene Reise mit dem Titel Reise mit Hindernissen nach England und Schottland geschrieben. Ist Joyeuses misères de trois voyageurs en Scandinavie das erste Kapitel eines weiteren Berichts über eine gemeinsame Reise, die tatsächlich stattgefunden hat ? Wenn ja, wann war das und wer verbirgt sich hinter den Namen der Begleiter Èmile... und Aristide...?

Der Text gibt eine Reihe von konkreten Anhaltspunkten, die die Suche nach Bestätigung für eine tatsächlich stattgefundenen Reise leiten können. Zunächst können wir annehmen, das die Fahrt nach Skandinavien ging, also durch Norddeutschland nach Schweden, Norwegen und Dänemark.

Die Zielgebiete in diesen Ländern werden angedeutet. Jules Verne ist angezogen von bestimmten Landschaften in Norwegen und Dänemark, dargestellt in Le Tour du monde. Er ist fasziniert von den Abbildungen dort. Es wäre hilfreich für weitere Recherchen, dieses Magazin zu berücksichtigen.. Norwegen mit seinen Wasserfällen ist der Fokus seines Interesses. Vielleicht können die Abbildungen des Magazins Hinweise geben.

Konkrete Anhaltspunkte für mögliche Zielorte in Skandinavien liefern auch die Präferenzen der beiden Reisegefährten. Aristide H.... Der „talentierte Musiker“ .träumt davon, in Dänemark Elsinore (Helsingör) zu sehen u.a. weil er beabsichtigt, den Hamlet zu vertonen. Emile L..., den Advokaten, interessieren in Skandinavien die Verfassungen und die repräsentativen Regierungen, die Beteiligung der Bauern, das fortschrittliche Rechtssystem. Er möchte die Universitäten von Lund und Uppsala besuchen.

Aristide und Emile hatten Einführungsschreiben für die französischen Konsule in Schweden sowie für einen Doktor in Christiania (Oslo) besorgt. Es gibt den Beschluss, die Reise solle mit Schweden beginnen und ein Scheck für eine Bank in Stockholm wird besorgt.

Von Paris sollte es auf der Eisenbahnstrecke Köln-Hannover-Hamburg mit der Bahn nach Lübeck gehen und von dort mit dem Schiff nach Stockholm. Nach der Bezahlung der Tickets erhielten die Reisenden ein rotes Büchlein, dessen Blätter eins nach dem anderen im Verlauf der Reise abgerissen würde. Hier scheint es sich um das Coupon-System zu handeln, das der damals erfolgreiche Reiseuntenehmer Benett, ein Engländer in Christiania/Oslo). Zusätzlich gab es einen Bordschein für die Svea, heißt es. Die Svea ist also das Schiff, das die Reisenden nach Stockholm bringen soll.

Abfahrtstermintermin ist der zweite Juli.. Um viereinhalb Uhr sind die drei Freunde am Gare du nord. Um zehn Minuten nach fünf setzt sich der Zug in Bewegung.

„In Lübeck mussten wir am Abend des Freitag, d. 5. Juli sein, um einzuschiffen. Für einen Zwischenaufenthalt in Hamburg waren 24 Stunden eingeplant“ , heisst es oben.

 

In welchem Jahr ?

 

Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861