Reise des Königs Christian VII (1768)

Briefe eines jungen Hofmanns, die ausländische

Reise des Königs Christian VII. (1768) betreffend.

 

(Aus der dänischen Zeitschrift „Statsvennen“ 1822 Nr. 40-42).

 

Erster Brief

 

London, den 21. August 1768.

 

 

Über meine gegenwärtige Lage und über meine Hoffnungen soll ich Dit etwas sagen. Ach bester N***! Gern und offenherzig will ich Dir Alles sagen. Ich gehe nun vermutlich der Erfüllung meiner Wünsche und Hoffnungen entgegen. Ich, bereits halb K***, bahne mir und meinen Geschwistern vielleicht einen Weg zu einem Glücke, das unsern rechtschaffenen Eltern so ganz verschlossen war und eben so für und verschlossen zu sein schien. Ich besteige aber nicht ohne Beben Youngs prächtiges Schiff auf dem unsichern Meere, wie er den Hof nennt. Man sieht es, sagt er, mit Vergnügen und besteigt es mit Gefahr. O! wie ich froh sein werde, wenn einmal dieses brausende Meer durchschifft ist, worüber der liebe Young sich gleichfalls so schön ausdrückt.

 

Seit dem Haag verlasse ich de König, wenn er in seinen Zimmern ist, weder Nacht noch Tag. Mein Bett wird überall dicht neben dem seinigen gestellt, und da er fast gar nicht schläft, worüber ich ganz erstaunt bin, so muß ich die ganze Nacht mit ihm reden oder ihm etwas vorlesen. Nun lese ich Voltaires Geschichte Carls VII.

Weil ich immer in des Königs Zimmer schlafe, so hat dies vermocht, dass man schon in Holland sagte und vornehmlich hier sagt und glaubt, ich sei ein verkleidetes Frauenzimmer und des Königs Mätresse. Wenn ich des Morgens oder Abends im Park spazieren gehe, zeigen mich die Leute, besonders die Damen beinah mit Fingern. Jemand hat mir gesagt, dass darüber Streit gewesen wäre und alle Damen finden mich hässlich; in den Augen der Herren bin ich dagegen eine nordische Schönheit. Dem sei wie ihm wolle, ich liebe den König, wäre er auch nicht König und könnte er auch nicht mein Glück machen. Ich kann Dir, lieber N*** nicht sagen, welche angenehme und vergnügte Stunden ich bei ihm zubringe. So außerordentlich große Einbildungskraft und so viel Witz sind wenigen Menschen gegeben. Er bemerkt alles in der Gesellschaft und hängt allem, was ihm nicht gefällt, nachher in der Erzählung die wunderlichste Lächerlichkeit an. So fließt es bei ihm oft ganze Nächte hindurch ohne Aufhör aus reicher Quelle, und mir bricht oft der Angstschweiß aus, um meine Schläfrichkeit und Stummheit hinter triviale Antworten zu verbergen. Oft kommen da auch Dinge vor, aus denen ich auf keine Weise herausfinden kann. Gott weiß wie ich mit meiner Schüchtenheit und meiner geringen Menschenkenntnis es anfangen werde. Wenn solche unruhige Stunden und Besorgnisse mich oft quälen, o! liebster N***, wie dann die Erinnerungen an unsere vergangenen freien Kinderjahre mich erquicken, da wir auf Fredensburg umher liefen, Insekten sammelten, oder nach Steenholds Mühle ruderten, oder des Morgens vor Aufgang der Sonne im Thau nach unsern Dam im Walde liefen, einen Wall um die alte Buche warfen, uns Tee kochten, fischten, das Wild scheuchten usw. O! diese Stunden werden uns in unserm ganzen Leben unvergesslich sein, so wie die Freundschaft, die uns alle, uns beide vorzüglich, dort miteinander verband.

 

Quelle: Kopenhagener Börsenhalle. Mittheilungen aus Norden, Nr. 9-12, 20.Februar 1830, S. 42, 43.

Redigiert und verlegt vom Etatsrath Friedrich Thaarup.

 

Hauptbeitrag zur Reise Christian VII. Ausländische Reise 1768