Christian VII. von Dänemark

Christian VII.

Naturell und Erziehung desselben – Sein Benehmen als König – Karoline Mathilde – Graf Holck und Frau von Plessen – Zunehmende Entartung des Königs – Entlassung der Frau von Plessen – Grosse Reise des Königs

 

Aus:

Wittich, Karl (1879): STRUENSEE, Leipzig, Verlag von Veit & Comp.

S. 18-31

 

Bearbeitet und herausgegeben von Friedemann Prose (2013)

 

 

Als Friedrich V. nach langem Siechtum am 14. Januar 1766 starb, da jauchzte dasselbe Volk seinem Sohn und Nachfolger, dem siebzehnjährigen Christian VII. zu. Es war, wie es immer in despotischen Reichen gewesen ist: vom neuen König erwarteten die guten armen Untertanen ihre Hilfe und Rettung. (1)

 

 

Und freilich wäre, wenn wir den diplomatischen Berichten der Zeit Glauben schenken dürften, dieser siebente Christian, mit glänzenden Fähigkeiten von der Natur verschwenderisch ausgestattet als ein in hohem Grade hoffnungsvoller Fürst erschienen. Durch ein lebhaftes Temperament, durch einen klaren Geist, durch Phantasie und Witz hätte er sich frühzeitig aufs Vorteilhafteste hervorgetan. Die Gesandten am Hofe seines Vaters wissen nicht genug zu erzählen von der trefflichen Erziehung und den wunderbaren Fortschritten des Prinzen, deren Zeugen sie bei öffentlichen Prüfungen desselben gewesen. Tatsächlich aber waren diese Prüfungen nichts als leere Schaustellungen, welche lange im Voraus aufs peinlichste einstudiert waren und durch welche Detlew von Reventlow, der Gouverneur des Prinzen, sich ein ungebührliches Ansehen zu verschaffen gedachte (2).

 

(1)   Reverdil, S. 24: „..l´aveuglement du peuple, qui se réjouissait sans savoir s´il en avait sujet, et dans le moment où il perdait un bon prince, m´affecta beaucoup. » Vgl. Charles, prince de Hesse, S.25 und Biehl in Hist.Tidsskr. III, Bd.IV, S. 345.

(2)   S. zu dem englischen Gesandschaftsbericht bei Raumer S. 115 den Kommentar, welchen Reverdil S.15 gibt; vgl. S.10 – „Allons montrer ma poupée“ – und S. 16,17.

 

Naturell und Erziehung desselben

 

Noch in zartem Kindesalter hatte Christian seine Mutter verloren; und der Vater, getäuscht durch Reventlows bestechende Art, hatte diesem ebenso starr orthodoxen wie maßlos ehrgierigen, ebenso pedantischen wie jähzornigem und brutalen Manne die Sorge für den Knaben gänzlich überlassen. Jeden Sonntag zwei Mal wurde Christian in die Kirche geführt; wehe ihm, wenn er nachher den Inhalt der Predigt nicht genau wiederholen konnte. Der Gouverneur entblödete sich nicht, ihn für diesen wie für jeden anderen Mangel vor den Augen der Dienerschaft mit Faustschlägen zu züchtigen.(1)

 

Kaum weniger streng und noch unpraktischer, obwohl gebildeter und auch von freisinnigerm Geiste war der Schleswiger Nielsen, der eigentliche Informator, der dem Prinzengegeben worden war, nachdem- gewiss zu seinem größten Schaden- unser Dichter Gellert für das Amt gedankt hatte. Der Knabe zählte erst elf Jahre, als Nielsen ihn bereits in die Geheimnisse der Wolfschen Philosophie einzuführen versuchte.(2)

Mit wahrem Gram, indes nicht in der Lage mit Erfolg zu widersprechen, bemerkte ein dritter Lehrer des Prinzen, der edle geistvolle Waadtländer Reverdil, diese nutzlos Torheit abstrakter und forcierter Studien, die verkehrt abstoßende Methode, die seinen religiösen Sinn und sein Ehrgefühl, anstatt sie zu wecken, erstickte, die ihm das Lernen verleidete und die Feiertage zu Tagen der Qual machte, die ihn einschüchterte und mit Hass gegen seine Erzieher erfüllte.

 

Aber zugleich entdeckte Reverdil, indem er den natürlichen Anlagen des jungen Prinzen seine Anerkennung nicht versagte, mit um so grösserm Bedauern verschiedene unglückliche Marotten desselben, die ihn alsbald auf einen Fehler seiner geistigen Organisation schließen ließen. Aufs Sonderbarste äußerte sich die bange Furcht Christians vor dem Amte des Regierens, zu welchem er geboren war. Er beneidete die Schäfer auf dem Felde, die Gassenjungen in der Stadt um ihr Los und hielt sich selber für ein untergeschobenes Kind. Von dem „noblesse oblige“ hat er auch nachher niemals Ahnung gehabt.(3)

 

Zu all dem kam der verderbliche Umgang schlechter Gesellschafter. Sein Kammerpage Sperling, der ausschweifende und scheinheilige Neffe jenes gestrengen Oberhofmeisters, missleitete seine Phantasie und vergiftete sein Herz in früher Jugend. Er gab ihm zugleich einen vollständigen Kursus in der Kunst, seine Lehrer zu täuschen, in den Lastern der Verschlagenheit und Bosheit. In engen Fesseln gehalten, musste Christian die tollen Streiche, zu denen er mit überraschender Gelehrigkeit sich verleiten ließ, vor der Welt noch verbergen. Als sein Vater immer kränker wurde, zeigte er sich wohl traurig, nicht aber, wie er mit naiver Dreistigkeit bekannte, wegen des ihm bevorstehenden Verlustes, sondern nur aus neuer vermehrter Scheu vor der Last der Regierung und der Repräsentation. Eines indes tröstete ihn: die Aussicht auf das Ende seiner elenden Unmündigkeit. Seine nahe Thronbesteigung bedeutete ihm den Beginn einer herrlichen Zeit, wo er nach Abstreifung aller Fesseln mit freier Lust, mit souveräner Willkür sich werde austoben können.(4)

(1)   Reverdil S.8 ff. – Über die unmenschliche Art Reventlows sind mit Reverdil alle zeitgenössischen Zeugen, vornehmlich C.D. Biehl, die wiederholt – Hist. Tidsskr. III, Bd. IV, S. 322,343,394,467,470 – auf die verhängnisvolle traurige Erziehung Christians VII. zurückkommt, völlig einig. Vgl. Höst I, S.49.

(2)   Höst I, S. 49 ff., Reverdil S.6, vgl. Molbech in Nyt historisk Tidskrift Bd. IV, S. 543 Anm. 49

(3)   S. den Exkurs I: Zur Charakteristik Christians VII. in seinen früheren Jahren.

(4)   Reverdil S. 13,21,34,74; C:D: Biehl S.344 ff., 471,474. – Näheres über Sperling s. bei Molbech in Nyt hist. Tidsskr. III, Bd. IV, S. 471.

 

Sein Benehmen als König

 

Das also war der neue Monarch, welchem das Volk- blind, möchte man sagen, wie er selbst- entgegenjubelte, der absolute Souverän, der, je weniger er gesetzlich verantwortlich war, es um so mehr moralisch sein musste. Das war die Majestät, deren außerordentliche Gewalt auch außerordentliche Pflichten bedingte, die nach der ethischen Auffassung des Königsgesetzes dem Staate das lebendige Recht und ein Muster von Gerechtigkeit und Treue sein sollte. (1)

Christian hatte wenig Gutes und Nützliches gelernt. Von seinem Gouverneur selbst war er in totaler Unkenntnis gerade in bezug auf alle Angelegenheiten des Rechtes, der Politik, der Administration gelassen worden. Nicht einmal einen Begriff vom Werte des Geldes hatte er empfangen. Vor seiner Thronbesteigung hatte er noch nicht einen Dukaten aus eigener Hand ausgeben dürfen. Es schien wirklich, als habe Detlew Reventlow, der zugleich Finanzminister und Mitglied jenes Geheimconseils, jener neuen Oligarchie war, ihn absichtlich in würdeloser Unselbständigkeit erhalten wollen.(2)

 

Wie vorauszusehen überließ der junge König die Geschäfte der Regierung diesem und den übrigen Ministern seines Vaters noch ausschließlicher, als es bisher geschehen war, mit einer vollständigen Indolenz. Er unterschrieb ungelesen, was sie ihm vorlegten, und bedurfte es irgendwo der Ausfertigung eines königlichen Handschreibens, so ließ er unbekümmert um den Inhalt sich Wort für Wort in die Feder diktieren.

 

Hinter ihrem Rücken verspottete er mit Witz und Satire die man beißend nennen mochte, die aber alsbald verrieten, dass ihm nichts heilig war, womöglich öffentlich und in ostensibler Weise die nämlichen Minister, denen er so blindlings folgte. Er hasste sie, weil er sie fürchtete, war er zur Furcht doch erzogen worden. Sie bildete mit Misstrauen gepaart in der Tat nun einen Grundzug seines Charakters. Er konnte sich auch vor den Schildwachen fürchten, die vor seinen Palastgemächern auf- und abwandelten. In schlaflosen Nächten zumal scheint er heimgesucht worden zu sein von der Furcht vor dem Teufel – wohl der einzigen positiven Frucht seines bigotten Religionsunterrichtes. Aber je größer diese Furcht, desto leidenschaftlicher stürzte er sich, um ihr zu entfliehen, in das uferlose Meer der sinnlichen Genüsse. (3)

 

Der Übergang aus dem harten Zwange seiner freudelosen Jugend zur Freiheit hätte an und für sich nicht greller sein können. In der üblen Gesellschaft, mit der er bald sich öffentlich umgab, verlor er die letzte Spur seiner Würde, so eingebildet und eitel er bei alledem nicht bloß in Bezug auf seine Autorität, seine unumgeschränkte Hoheit, sondern selbst in bezug auf seine vermeintlichen Einsichten erscheinen und so sehr er „wie ein Sperling sich spreizen „ konnte. Einer seiner Vorfahren hatte bei fröhlichen Gelagen gesagt: „jetzt ist der König nicht zu Hause!“ und nachher, wenn der freie Ton ein Ende haben sollte: „jetzt ist der König wieder daheim!“. Von Christian VII. aber musste man sagen, dass er fast niemals zu Hause war.

 

Seine ruchlosen Kumpane sollten ihn ganz wie ihres Gleichen behandeln; täglich raufte er sich mit ihnen, indem er fest, hieb- und schussfest werden wollte. Noch übertroffen wurde diese Rauflust durch eine fast dämonische Freude am Umstürzen, am Zerstören, durch eine immermehr zur Grausamkeit sich ausbildende Schadenfreude. Weit entfernt, von dem schönen Rechte der Begnadigung Gebrauch zu machen, verschärfte er vielmehr die Pein der zum Tode Verurteilten, um dann als geheimer Augenzeuge zu studieren, bis zu welchem Grade der Schmerz ertragen werden könne. Niebuhr in seinen Vorträgen über Römische Geschichte vergleicht den Kaiser Caligula mit diesem Dänenkönig. (4)

 

Nachträge und Berichtigungen zu S. 23. Reverdil erzählt S.130 einen eklatanten Fall, in welchem nach einer allerdings schon vorhandenen königlichen Ordonnanz ein Meuchelmörder zu qualvollem Tode verurteilt wurde. Die für derartige Missetäter vom Gesetz bestimmte Strafe wurde durch diese Ordonnanz furchtbar gesteigert. Reverdil wünschte nun dringend, der junge König Christian werde zur Milderung des Urteils bestimmt werden, damit die „unnütze Barbarei“ der ausgesuchten Marter unterbliebe, „Le roi signa“ – bemerkte er statt dessen – „sans difficulté une sentence dont la lecture faisait frémir; mais son imagination resta frappée de l`horreur du supplice. Il désira d´en être témoin, et de voir jusqu´où l´on pouvait soutenir la douleur avec constance. «  Vergeblich bemühte sich Reverdil, den König hiervon abzubringen. Dieser ließ sich von Sperling, der damals noch in hoher Gunst bei ihm stand, zur Richtstätte begleiten „dans un mauvais fiacre, où ils ne furent pas reconnus“ usw.

 

Mit Entsetzen aber beobachteten seine Räte und Minister die zunehmende Depravation. Dennoch hielten sie ihn für heilbar, wenn ein edles Wesen ihm an die Seite gestellt würde.

 

(1)   Vgl. Falckenskiold S. 134.

(2)   Reverdil S.16,499; C.D. Biehl S. 321, 344, 473.  Ein auswärtiger aber über Dänemark vorzüglich orientierter Staatsmann äußerte damals in bezug auf Reventlow: „ Il est propre à l´office de gouverneur ou aux finances, comme un âne à jouer de l´orgue; s. Reverdil S.122. Der Schwede Joh.H. Lidén schrieb in sein Tagebuch während seines Aufenthaltes in Kopenhagen 1768: „(Christian VII.) kom fr°an scholstuen och färlan till thron och scepter“. Danske Samlinger for Historie, Topographi, Personal- og Literaturhistorie Bd. II, S. 351.

(3)   Auch der Landgraf Karl von Hessen bezeichnet hier mit größerer Offenheit treffend den wundesten, gefährlichsten Punkt in Christians Gemüts- und Geistesrichtung: „ Er hatte eine maßlose Leidenschaft für die Weiber, ohne jemals einen Gegenstand gefunden zu haben, der seine Neigungen hätte fesseln können“. Nach einem Referat des Landgrafen äußerte der Graf St. Germain: der König habe eine seltsame Krankheit; er sei, wie man sich in Frankreich ausdrücke, „fou de coeur“. S. Mémoires de mon temps, S. 38 und 47. – Für das übrige s. unter vielem Anderen Reverdil S. 74, 4, 85, 120, 127, 164, 535, C.D. Biehl 363, 398, 410, 473, 488, auch Raumer 144 153 usw.

(4)   Niebuhr, Bd. III, S. 178. Vgl. Reverdil S. 132.

 

Karoline Mathilde

 

Noch bei Lebzeiten seines Vaters war er verlobt, das heißt durch die Minister im ausschließlichen Interesse der hohen Politik verlobt worden. Jetzt beschleunigten sie seine Heirat, um größerer Gefahr zuvorzukommen und ihm einen festeren moralischen Halt zu geben. (1)

Er zählte noch nicht achtzehn Jahre und die Prinzessin, die das Unglück hatte, diesem Elenden die Hand reichen zu müssen, zwei Jahre weniger als er. Es war seine Cousine, die englische Prinzessin Karoline Mathilde, König Georgs III. jüngste Schwester- eine reizende Erscheinung, wenn auch keine regelmäßige Schönheit, voller Grazie und Holdseligkeit, voller Naivität und natürlicher Heiterkeit, die allerdings bis zur Ausgelassenheit sich steigern konnte, dabei voll Esprit und Wissbegier. Mit einem festen Willen, einem freimütigen Urteil begabt, schien sie trotz ihrer Jugend einen schon fertigen Charakter mitzubringen. Hochsinnig und gemütvoll, aufmerksam, liebenswürdig und gütig gegen Jedermann, schien sie alles Talent zu besitzen, ihren Gemahl wie ihr Volk glücklich zu machen. Und sie selbst wäre glücklich geworden, wenn das Los ihr einen guten und ehrenwerten Fürsten beschieden hätte. Sie wollte lieben und geliebt werden.(2)

 

Ahnte sie, was ihr bevorstand ? Sie weinte, so oft sie an die nahe Hochzeit dachte. Mit banger Besorgnis sahen doch auch die englischen Minister, die ihre Hand an einen Wüstling verkauft hatten, sie ihre alte Heimat mit der neuen vertauschen; in einem so jugendlichen Alter wurde sie fast einsam in einen fremden weiten Ozean hinausgestoßen. (3)

 

Im Spätherbst 1766 ward die Heirat vollzogen. Die dänische Nation, optimistischer gesinnt, weil ihr einziger Trost in der Hoffnung lag, begrüßte die Königin Mathilde wie eine glückverheißende gute Fee. Ihre Erscheinung, ihr erstes Auftreten gewann ihr im Fluge alle Herzen.

 

Am Hofe wurde es lustig, lustiger vielleicht, als je zuvor. Assembléen, Konzerte, Parforcejagden, Maskeraden und Schlittenfahrten folgten einander den ganzen Winter hindurch in atemlosen Wechsel. Das freilich sah das Volk nicht gern. In einem von Schulden überbürdeten und von Steuern niedergedrückten Reiche hätte der Hof sich einschränken sollen. Auch die junge Königin liebte ohne Frage das Vergnügen, aber an diesem Übermaß hatte sie keine Schuld; noch immer wollte jener flatterhafte Sperling dadurch den König und sich selbst zerstreuen. Ihr war es unangenehm, da sie fürchtete, hierfür vom Volke, dem sie von Herzen gern Erleichterung gebracht haben würde, verantwortlich gemacht zu werden. Ihr war es zuwider, als sie die hohle Etiquette und das nichtige Wesen dieses Hofes durchschaute. Ihr war es unerträglich, sobald sie die zunehmende Interesselosigkeit ihres Gemahls gegen sie selber wahrnahm. So erhob sich hinter all der Pracht und dem Glanz ihr früher Kummer- und Perlen bedeuteten auch hier Tränen.(4)

 

Man muss zugeben, dass sie dem König imponierte und einen gewissen Respekt einflösste. Jedoch ihrer unwürdig, war er auch nicht fähig, sie zu lieben. Er wollte ein Ehemann sein nach der Mode. Die Mode, der gute Ton – meinte er – verbiete, seine Frau zu lieben. Auch war sie ihm zu blond, wie er sagte.(5)

 

(1)   Über die gegenseitigen politischen Absichten bei dieser Verlobung s. Moltke in Hist.Tidsskr. IV, Bd. II, S. 229, Raumer, S.121. 143 und „Annual Register“ bei C.F. Lascelles Wraxall,Life and times of H.M. Caroline Matilda I, S. 40 ff; über die persönlichen Absichten s. Reverdil S. 73, prince de Hesse S. 40.

(2)   Von Zeitgenossen wie von Späteren ist über die reizvolle Persönlichkeit Karoline Mathildens, über ihr Äußeres, ihre Charakterbildung, ihr Gemüt und ihre Fähigkeiten außerordentlich viel geschrieben worden. Ich weise hier besonders auf die treffenden, indes noch wenig bekannten Schilderungen bei Reverdil S.73, C.D: Biehl in Hist. Tidsskr. III, Bd. IV, S. 353 ff. und S. 388, Charles, prince de Hesse S. 41, vgl. auch John Brown, The northern courts I, S.26. Ferner s. die Authentischen Aufklärungen S. 12, 35, Falckenskiold S. 111, Höst I, 107 und, tiefer auf den Charakter eingehend, Uldall bei Molbech S. 597 Anm. 90; von englicher Seite s. namentlich N.W: Wraxall, Posthumous Memoirs of his own time I, S. 372, 373, 413, III, S. 375 ff. und desselben „Private Journal“ bei C.F. Lascelles Wraxall III S. 147,  S. 222, das „Universal Magazine“ ebenda, S. 255 ff..

(3)   S. den Bericht in Historisk Tidsskrift IV, Bd. II, S. 815, Memoirs and Correspondence of Sir R.M. Keith I, S. 259, C.F. Lascelles Wraxall, Life and times of Carolina Matilda I, S. 41; Raumer S. 147, ähnlich Reverdil S. 73.

(4)   Vgl. Memoirs of Keith I, S. 162, 166. Authentische Aufklärungen S. 12, 17, Molbech S. 597 Anm. 89, Holm in Hist. Tidsskrift IV, Bd. III, S.94, ferner Höst I, S. 110, C.F: Lascelles Wraxall I, S.128, Raumer S. 148 und Reverdil S. 74.

(5)   Reverdil S.75, 77, Raumer S. 138 Anm. 1, Horace Walpole´s Journal of the reign of King George the third I, S. 90, C.D. Biehl, S. 476.

 

Graf Holck und Frau von Plessen

 

Ein neuer Günstling, der junge Graf Holck, der noch insolenter als die bisherigen war, stachelte seine Frivolität, schmeichelte seinen tollen Launen und erfinderisch in stets neuen, lockenden und aufreibenden Extravaganzen brachte er dieselben in ein förmliches System, wodurch er den König beherrschen und sich ihm unentbehrlich machen wollte. Die Königin hasste und verachtete Holck mit Recht als den bösen Dämon, der sich zwischen sie und ihren Gemahl gedrängt hatte; (1) sie wurde in dieser Empfindung noch bedeutend bestärkt durch die Oberhofmeisterin, die Gräfin von Plessen, die den von ihr behaupteten Einfluss auf Mathilde tatsächlich zwar in nicht weniger verhängnisvoller Weise, als Holck den seinigen auf den König benutzte. Durch scharfe Reden und harte Urteile tat diese sittenstrenge und feingebildete, aber hochmütige, intrigante und überaus herrschsüchtige Dame von Anfang an alles, um Mathilde immer mehr wider Christian einzunehmen. Sehr zur Unzeit schrieb sie ihr ein schroffes Benehmen gegen ihn vor, wodurch denn auch er gereizt und erbittert wurde. Gewissenlose Zwischenträger waren zum Überfluss auf beiden Seiten geschäftig; die Entfremdung der Gatten wuchs täglich. (2) Machtlos in bezug auf sein Gemüt und seine Entschließungen zog sich Mathilde, von einsamem Gram verzehrt, mehr und mehr in sich selbst zurück.

 

(1)   Über Holck und seinen unheilbar verderblichen Einfluss auf den König s. neben den Personalangaben in der „Zuverläss. Nachricht von der in Dännemark den 17. Jenner 1772 vorgefallenen grossen Staatsveränderung“ (1772)  S.67 vor Allem C.D. Biehl in Hist. Tidsskr. III, Bd. IV, S. 364, 373, 374, Reverdil S. 75, 76, 78, 103, The lettres of Horace Walpole V, S. 219, Höst I, S. 152, Molbech S. &36 Anm. 125.

(2)   S. C.D. Biehl, die u.A. einer kompetenten Erzählung Nielsens folgt, S. 351 ff., Reverdil S. 73, Höst I, S. 123, vgl. auch Charles, prince de Hesse S. 40 ff. und den Bericht des Etatsrats Schou bei Giessing, Struensee og Guldberg, S. 10 ff.

 

Zunehmende Entartung des Königs

 

Auch die Geburt eines Thronerben, die im Januar 1768 erfolgte, ließ keine Besserung erwarten. Noch während der schweren Zeit, da die Königin ihrer Entbindung entgegensah, trieb sich der König die Nächte hindurch in Verkleidung mit seinem Freund Holck und ähnlichen Leuten, ja mit einer verrufenen Mätresse in den Gassen Kopenhagens umher. Da beging er, von hitzigen Getränken berauscht, tausend Sottisen, zertrümmerte Laternen und Fenster, rannte die Nachtwächter an, erbeutete einen ihrer Morgensterne, um ihn als Trophäe ins Schloss zu bringen, und bekam selber gelegentlich arge Schläge.

 

Gleichgültig war ihm seine Königin, gleichgültig auch sein Volk. Er wollte nach eigenen Worten nicht geliebt werden.

 

Dann wieder trieb er, mit überreizter Phantasie, auch zu Hause die wahnsinnigsten Spiele. Er träumte von Hinrichtungen; auf der Erde ausgestreckt, stellte er einen Delinquenten auf dem Rade dar; sein Günstling musste den Henker spielen und mit einer Rolle von Papier die Exekution an ihm vornehmen. (1). So erfüllte sich sein Hirn mit düsteren Ideen, die seinen Hang zur Grausamkeit und zur Melancholie vermehrten. In der Angst vor dem Teufel mochte er an neue berauschende Abenteuer denken, jedoch verarmt im Herzen, verkümmert an Geist, wie er war, empfand er bald nichts als die trostloseste Leere, die tödlichste Langeweile.

 

Noch ein Mittel wurde versucht, um ihm eine andere Richtung zu geben. Er sollte auf Reisen geschickt werden und er selber ergriff diesen Gedanken mit seltsamer Emphase. Mindestens zwei Jahre wollte er reisen, England und namentlich Frankreich sehen, sich zerstreuen, vor Allem aber fern seiner Gemahlin eine zügellose Freiheit genießen. Sie weinte bitterlich, als er an der Spitze eines glänzenden Gefolges, seinen Busenfreund Holck zur Seite, sie im Mai 1768 verließ. (2)

 

(1)   Über des Königs nächtliche Orgien und Straßenabenteuer sowie seine Gefährten dabei s.u.A. Reverdil S. 128, 129, C.D: Biehl in Hist.Tidsskr. III, Bd. IV, S. 306, 307, 365 ff., Charles, prince de Hesse S.48, Lidéns Tagebuch in den Danske Samlinger, Bd. II, S.352, Molbech S. 603, Höst I, S. 123, 135. Über des Königs Mätresse, genannt die Stiefeletten Katharine oder Mylady, die nach dem Zeugnis des Landgrafen Karl von Hessen zuvor schon “die berüchtigste Person in Kopenhagen gewesen war, s. Reverdil a.a.O., C.D: Biehl S. 369 ff., Molbech S.610, 611 usw.- Über Christians häusliche Exzesse s. Reverdil S.129, 132.

(2)   Hinsichtlich des oder der Urheber dieser Reise geben die vorliegenden Akten noch keinen genügenden Aufschluss. Von den gleichzeitigen Memoirenschreibern ist bald  jenem, stets nur auf neue „Amüsements und Abenteuer sinnenden Grafen Holck, bald dem großfürstlich russischen Gesandten Kaspar von Saldern, der dabei eine tiefer liegende politische Tendenz gehabt hätte, die erste bezügliche Idee zugeschrieben worden. Noch unklarer ist aber das Verhältnis der dänischen Minister. Wenn z.B. nach Karl von Hessen S. 49 Herr von Saldern mit dem Grafen Bernstorff und den anderen Ministern einen Plan, um den König von seiner Lebensweise zurückzubringen, beriet und man eben deshalb übereinkam, ihm eine Reise nach Deutschland, Holland, Frankreich und England vorzuschlagen: so hätten sich dagegen nach den Authentischen Aufklärungen S. 259, nach Reverdil S. 133 u.A. die Minister dieser Reise entschieden widersetzt. Es darf jedenfalls von Bernstorff angenommen werden, dass er aus Besorgnis, der König werde sich und sein Reich im Auslande kompromittieren, dem Plan ursprünglich durchaus abgeneigt gewesen war, dass er dann freilich nachgab, aber als unmittelbarer Begleiter Christians ihn nicht bloß zu überwachen, sondern diese Reise nunmehr politisch zu verwerten gedachte. Vgl. Bernstorffs Briefe in den Denkwürdigkeiten des Frhrn. Von der Asseburg S. 400 und in Hist. Tidsskrift IV, Bd. III, S. 125 Anm. 4, ferner Reverdil S. 133, Charles, prince de Hesse S. 50, Lascelles Wraxall I, S. 139, 157, 158. S. auch Bernstorff bei Reverdil S. 470.

 

Entlassung der Frau von Plessen

 

Einige Wochen zuvor erst hatte dieser elende Günstling über sie triumphiert. Ihre Oberhofmeisterin, die dem König und Holck in gleichem Masse verhasst geworden, hatte plötzlich den Befehl erhalten den Hof zu verlassen, ohne mit der Königin nur noch einmal sprechen zu dürfen. Ja noch mehr, sie war aus der Hauptstadt und unmittelbar darauf sogar aus dem Reiche verwiesen, zu ihrer Nachfolgerin aber die Schwester Holcks, eine Frau von der Lühe bestimmt worden. Diese war keineswegs im Stande, der ihren Schmerz in heftigen Szenen äußernden Königin „die Vertriebene zu ersetzen.“ Denn wie man über Frau von Plessen auch urteilen mochte, unter dem Schein der aufrichtigsten Teilnahme hatte sie sich in hohem Grade beliebt bei Mathilde zu machen gewusst und das ganze Vertrauen derselben erworben. Ihre Anwesenheit hatte ohne Zweifel sehr bedenklich auf sie gewirkt; allein ihre gewaltsame Entfernung wurde die Ursache von schlimmeren Folgen. Mathilde, die in ihrem zarten Alter eines sicheren Anhalts, einer führenden Stütze dringend bedurft hätte, fühlte sich in dem fremden Lande, wo ihr keine Person aus der Heimat zu ihren Diensten geblieben war, nun noch weiter vereinsamt und verlassen.(1)

 

(1) S. Reverdil S. 121, 405, C.D. Biehl S. 377, 379, Höst I, 151. „On a cru – bemerkt Reverdil vorgreifend – que, si la reine avait conservé Madame de Plessen, elle ne se serait livrée aux égarements qui furent la cause de ses malheurs ».

 

Grosse Reise des Königs

 

Ich übergehe hier die Einzelheiten der unvernünftigen, kostspieligen Reise, auf der inzwischen Christian VII. in London wie in Paris das Gold mit vollen Händen aus den Fenstern warf und dafür feile Schmeichler fand, die ihm in Zeitungsberichten alle möglichen Bonmots in den Mund legten. Nach sechs Monaten hatte er auch am Reisen genug und sehnte sich auf dem direktesten Wege aus Paris nach seiner nordischen Hauptstadt zurückzukehren. Sein loyales leichtgläubiges Volk empfing ihn bei seiner Ankunft im Januar 1769 noch einmal  mit ungeheuchelter festlicher Freude. Es vergaß den Unwillen, den es bei Beginn seiner Reise über die schweren Unkosten derselben und über die dadurch verursachten, unter der offiziellen Formel „zum allgemeinen Wohle“ ausgeschriebenen Extrasteuern empfunden hatte. Das Volk hoffte ja wieder. Es erwartete in der Tat die günstigsten Wirkungen von dieser Reise;(1) und noch konnte der König im ersten Moment sogar Einsichtigere täuschen, als habe er sich gebessert und völlig geändert, als habe er eine neue Würde, einen neuen Ernst und selbst eine neue Teilname an den Geschäften gewonnen. Doch man sah sehr bald dass es nur Schein war. Freilich war er ernster oder mindestens ruhiger geworden. Schweigsam, wie in Gedanken vertieft, überdrüssig aller der betäubenden Lustbarkeiten saß er da und war in sich zusammengesunken. In Wirklichkeit war er geistig wie körperlich nur allzu früh ein Greis geworden.

 

Wenn er sich dennoch Anfangs Mühe gab, um würdevoller zu erscheinen, so mochte das die Wirkung von gewissen Ermahnungen sein, die ein für die Reise angenommener und erst während derselben in sein Gefolge eingetretener Arzt ihm ohne jede Zurückhaltung zu geben wagte. Schon unterwegs hatte dieser Arzt, so weit er im Stande war, bei jeder Gelegenheit durch Lektüre und Unterredung, dem Könige sich angenehm zu machen gestrebt. Er hatte ihm zugeredet aufmerksam auf sich zu sein und nicht sklavisch den gefährlichen Verleitungen anderer zu folgen. Dieser freimütige Arzt hieß Struensee. (2)

 

(1)   S. im Allgemeinen über die Reise Höst I, S. 162 ff., Lascelles Wraxall I, S. 130 ff. (sehr ausführlich in allen Äusserlichkeiten); vgl. Hist. Tidsskr. IV, Bd. II, S. 788 Anm. 3. Eine berichtigende Kritik geben The letters of Horace Walpole V, S. 216 ff., und Reverdil S. 137, vgl. S. 470.

(2)   In Bezug auf des Königs Benehmen bei seiner Rückkehr s. – gegenüber dem wieder in hohem Grade schönfärbenden englischen Gesandschaftsbericht bei Raumer S. 154 und gegenüber der optimistischen Äusserung Bernstorffs in den Denkwürdigkeiten des Frhrn. Von der Asseburg S. 401 – besonders Reverdil S. 139, 237, 255 ff.; dazu s. auch einen späten englischen Bericht bei Raumer S. 173; Höst I. S. 179, 234, Falckenskiold S. 110.- Über Struensees Debut beim Könige s.u.A. Höst I. S. 168, 201, Falckenskiold S. 107, besonders auch C.D. Biehl in Hist. Tidsskr. III, Bd. IV, S. 385.

 

 Christian VII. Ausländische Reise 1768

Reise des Königs Christian VII (1768) (Bericht eines Mitreisenden)