Die Kieler Förde

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012)

 

Die Kieler Förde

 

Freitag, 17. Juni (Fortsetzung):

Wir sind in der Kieler Bucht angekommen und übernehmen einen anderen Lotsen. Die Bucht ist herrlich. Um 5 Uhr gehen wir vor Anker.

Wir machen einen Stadtspaziergang. Die Gartenanlage und die Musik. Um 10 Uhr gehe ich schlafen.

 

 

(Die Abbildung aus dem Baedeker 1889 gibt die Situation wieder, wie sie 1861 bestand. In Holtenau ist noch die Mündung des Eiderkanals zu sehen, aber in der Innenstadt von Kiel sind bereits  die Marineanlagen zu sehen, die Paul Verne genau betrachtet).

Die Bucht von Kiel, auf deren Grund unsere Yacht, der Klüverbaum saß wieder an seiner Stelle, gegen sechs Uhr am Abend den Anker warf, ist unstreitig eine der schönsten und eine der sichersten, die es in Europa gibt. In diesem geräumigen Hafenbecken könnten alle Flotten der Erde vor Anker gehen und bequem manövrieren. Kiel liegt am äußersten Ende der Reede, von dort gesehen ein wenig nach rechts, mit einem Hintergrund von grünenden Gehölzen.

 

Unmittelbar nach beendigter Kanaldurchfahrt schrieb die Kieler Zeitung in ihrer Abendausgabe vom 18. Juni 1881:

Kiel, 18. Juni. (Jules Verne) ist hier gestern Nachmittag an Bord der kleinen französischen Dampflustyacht "St. Michael" eingetroffen. Das Schiff kommt aus der Heimat des bekannten Schriftstellers, aus der Departementshauptstadt Nantes an der unteren Loire, und war zuletzt Wilhelmshaven und Tönning angelaufen. Es führt nur einige Vergnügungsreisende mit sich. Herr Jules Verne gibt als Zweck seiner Reise eine Vergnügungstour nach Dänemark, Schweden und Norwegen an. Die Yacht hat die Tour von Tönning nach Kiel durch den Eiderkanal gemacht, was nur mit knapper Noth gelang, da das Schiff eine Länge von ca. 35 Metern hat, während Schiffskörper, welche den Eiderkanal passiren können, höchstens einen Tiefgang von 9 Fuß

engl., eine Länge von 95 Fuß engl. und eine Breite von 24 Fuß engl. haben dürfen. Die Besatzung des Fahrzeugs besteht aus 21 Mann.

Das scharfgebaute Schiff, mit zwei Masten und hohem Schornstein, liegt auf dem Gaardener Ufer rechts von "Wilhelminenhöhe"[27], wird aber wahrscheinlich heute Abend wieder unseren Hafen verlassen.

Von hier begibt "St. Michael" sich über Kopenhagen nach Stockholm. Jules Verne hätte den Kieler Hafen übrigens kaum jemals schöner sehen können, als an diesen letzten Sonnentagen, und in dem nächsten naturwissenschaftlichen Roman des geistvollen französischen Schriftstellers dürfen wir sicher eine glänzende Schilderung dieser Perle aller deutschen Häfen erwarten.

 

 

Sonnabend, 18. (Juni)

Ein erneuter Besuch Kiels. Die Straßen. Der große Park. Paul und Gaston haben sich auf das andere Ufer begeben. Robert (Godefroy) und ich streifen in der Stadt umher.

 

 

 

 


2. Brief:

Ein Brief Jules Vernes, den er von Kiel aus an Louis-Jules Hetzel, den Sohn seines Verlegers, geschrieben hat:

Kiel, Sonnabend 18. (Juni 1881)

Mein lieber Jules,

die Unbestimmtheit unserer Reise ist derart, dass noch niemand von uns einen einzigen Brief aus Frankreich erhalten hat. Niemals wissen wir, wohin wir fahren, und wir können es auch nicht wissen. Ich habe an Bord einen englischen Lotsen, der uns seit der englischen Küste nicht verlassen hat, und nach seiner Meinung wie der seiner Kollegen war es nicht möglich, mit dem Schiff eine Fahrt von dreihundert Meilen entlang der Westküste Dänemarks ohne einen Zufluchtshafen zu riskieren. Aber mit dem nötigen Eigensinn ist es uns gelungen, Holstein auf dem Kanal zu durchqueren, nachdem wir den Klüverbaum demontiert hatten, um kürzer zu sein. Zwei Zoll länger, und wir hätten nicht passieren können! Wir werden also morgen nach Kopenhagen abfahren, wo wir Montag ankommen werden. Dort wird die Reise enden. Wir verzichten auf Stockholm und Kristiania[28]; wir werden über Kiel und Hamburg zurückkehren. Was wollen Sie machen. Ich hatte das Schiff zu gut eingeschätzt. Die Fahrt hat es überfordert.

 

Schreiben Sie mir doch ein paar Zeilen, oder schicken Sie mir eine Depesche postlagernd nach Kopenhagen, wo wir nicht mehr als 3 bis 4 Tage zu bleiben gedenken, weil mein Bruder zum Ende des Monats zurück sein muss.

 

Wir haben darum gebeten, dass die Briefe, die uns nach Hamburg geschickt worden sind, an uns nach Kopenhagen weitergeschickt werden. Ich denke doch, dass mich dort wieder einer von Ihnen erreichen wird.

Und wie geht es dem Vater? Ich werde ihm von Kopenhagen aus schreiben. Ich hoffe, dass es ihm bei diesem schönen Wetter besser geht und dass Sie mir gute Nachrichten von ihm geben werden. Ich habe Ihnen von Rotterdam aus die Druckfahnen zu Michel Strogoff (Theaterstück) geschickt. Ich denke, dass Sie sie erhalten haben.

 

Nun, mein lieber Jules, bei Reisen wie dieser, wo das Unvorhergesehene dominiert, muss man zusammen abreisen, oder man riskiert, sich nicht zu treffen. Aber im Ganzen genommen werden wir nur Kopenhagen erreicht haben, nachdem wir von St. Petersburg, Stockholm (und) Kristiania geträumt hatten. Aber die Reise durch die Kanäle von Holland und Holstein war herrlich.

Nochmals viele Grüße an ihren Vater. Erzählen Sie mir von ihm.

Sehr herzlich Ihr

Jules Verne

 

In der Handschriftenabteilung der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen befindet sich ein zweiter Brief, den Jules Verne am Sonnabend, den 18. Juni 1881 in Kiel geschrieben hat. Der Adressat ist nicht bekannt. Der Brief ist mit der Anrede "Mein alter Freund" versehen. Auch hier stellt Jules Verne mit Bedauern fest, dass die Reise nur bis Kopenhagen führen könne, aber er konstatiert ebenfalls, dass die Reise durch die Kanäle von Holland und Holstein wunderbar gewesen sei. Sie seien quer durch Holstein von der Nord- bis zur Ostsee gefahren. "Morgen werden wir nach Kopenhagen abreisen, wo wir 4 oder 5 Tage bleiben werden, um dann zurückzukehren". Jules Verne bittet den Unbekannten, ihm postlagernd in Kopenhagen eine Notiz zukommen zu lassen, ob er seine Ehefrau (Honorine) auf deren Reise nach Paris getroffen habe. Verne schließt den Brief mit "Dein alter lupus maritimus (Seewolf, F.P.) Jules Verne".

 

 

 

Links[29] befindet sich, vollständig getrennt von der Stadt, das Arsenal, das von einer sehr hohen Mauer umgeben ist.

Da wir uns nicht wieder, wie in Wilhelmshaven, in die Lage bringen wollten, das Angebot des Gouverneurs, das er nicht versäumen würde uns zu machen, nach Berlin zu telegraphieren, abzulehnen, hatten wir beschlossen, vom Kieler Arsenal nur das zu besichtigen, was jedermann davon von außen wahrnehmen darf. Aber wenn man die Anhöhen hinaufsteigt, die es in nächster Nähe überragen[30], dann kann man bequem einen völlig ausreichenden Gesamtüberblick erhalten. Außer ziemlich vielen Werksanlagen konnte man vier gepanzerte Küstenwachtschiffe mit vier Schornsteinen zählen, von denen eines in der Folge des Unfalles, den ich bereits erwähnt habe, in Reparatur war. Diese Panzerschiffe schienen mir mit vier schweren Kanonen mit Geschützbank auf einer Plattform mittschiffs bewaffnet zu sein. Darüber hinaus waren dort mehrere Kanonenboote, die auf dem Bug ein Vierundzwanzigzentimeter-Geschütz trugen.

Wir hatten sehr gehofft bei Ankunft in Kiel auf der Reede die gepanzerte deutsche Flotte anzutreffen; aber diese Hoffnung wurde unglücklicherweise enttäuscht. Es befand sich dort nur eine hölzerne Dampffregatte, die Arcona, die[31] die Flagge eines Vize-Admirals[32] trug. Wenn ich mich recht erinnere war es die Fregatte Arcona, die 1870 den Kampf verweigerte, den die französische Fregatte la Surveillante, darauf etwas später die Korvette la Belliqueuse ihr nacheinander auf der Reede von Funchal (Madeira) anboten, wo sie dann bis zum Ende des Krieges liegen bleiben musste.

 

Kiel, eine alte dänische Stadt, früher recht blühend, hat seit der Annektion, die sie zu einer deutschen Stadt machte, viel von seiner Bedeutung als Handelsort verloren.[33]

Eine ziemlich seltsamer besonderer Umstand: das französische Konsulat in Kiel ist nach dem Krieg (durch die deutsche Regierung) abgeschafft worden. Man vermutet, dies geschah, um die Berichte zu verhindern, die dieser Vertreter über die Fortschritte der Marine des deutschen Reiches hätte machen können. Zum Ausgleich hat die französische Regierung die deutschen Konsulate in Cherbourg und Toulon geschlossen.

Die Bucht von Kiel ist in einen Rahmen prächtiger Bäume eingefasst. Die Ulmen, die Buchen, die Kastanienbäume, die Eichen erreichen hier eine wahrhaft erstaunliche (Stärke und) Höhe, und die See kommt zu ihren Füssen zur Ruhe.

Zahlreiche Landhäuser erheben sich auf den Hügeln, die diese wunderbare Bucht umsäumen, deren verschiedene Orte durch einen wohlverstandenen Dienst kleiner Dampfschiffe in Verbindung gesetzt sind. Nichts ist fröhlicher, nichts frischer als diese Wohnsitze mit einer einfallsreichen Architektur, die sich unter den großen Bäumen verstecken, selbst unten am Meeressaum. In naher Zukunft wird, ohne Zweifel, dieser begünstigte Landstrich zum Treffpunkt der vornehmen deutschen Gesellschaft werden. Es wird das Brighton Norddeutschlands sein, aber ein Brighton, das unendlich grüner, schattiger, bewaldeter ist als jenes an der englischen Küste, welches sich, vom Meer aus gesehen, vor allem durch eine bedauernswerte Dürre unterscheidet.

Es ist überflüssig zu fragen ob die Bucht von Kiel sorgfältig gesichert worden ist. Die sehr schmale Einfahrt[34] wird von ungeheuren Batterien beherrscht, die ihr Feuer in geringer Entfernung kreuzen. Die berühmte Kanone, die Preußen 1867 zur Weltausstellung in Paris geschickt hatte - eine Kanone, die eine Kugel von fünfhundert Kilogramm abschießt[35], - ist, so sah es aus, auf einem der Bollwerke der engen Hafeneinfahrt plaziert. Ein feindliches Seefahrzeug, das die Durchfahrt erzwingen wollte, würde mit Sicherheit innerhalb weniger Minuten versenkt worden sein.

Die Stadt ist frei zugänglich, aber es wird überlegt, sie mit einzelstehenden Forts zu umgürten. Ich glaube sogar, dass die Planungen auf dem Gelände bereits begonnen haben, und die Arbeiten sehr schnell durchgeführt werden.

 

 

Sonnabend, 18. Juni (Fortsetzung):

Gegen 2 Uhr sind wir wieder an Bord. Die Abfahrt erfolgt ohne einen Lotsen um 4 Uhr. Wir sehen die Befestigungsanlagen, die Kasernen. Der Ausgang der Bucht ist erreicht. Die drei Leuchtfeuer sind in Sicht. Um Mitternacht gehe ich schlafen.

 

 

Die Kieler Zeitung veröffentlicht unter dem Datum 18. Juni 1881 die "Kieler Hafenliste", in der Ollive, d.h. der Kapitän, als Schiffer der St. Michel unter den Rubriken (eingelaufen) von und (ausgelaufen) nach benannt wird:

 

Schiffsname

Schiffer

von

Ladung

St. Michel

Antonie

Skirner

Holsatia

Enighed

...

Ollive

Adam

Carroc

Neumann

Hansen

...

Wilhelmshafen

Königsberg

Korsör

Korsör

Korsör

...

-

-

-

-

-

...

 

nach

 

Perita

Antonie

St. Michel

...

Jensen

Adam

Ollive

...

Reval

Libau

Kopenhagen

...

-

-

-

...

 

 


[27] Eine damals sehr beliebte Gastwirtschaft.

[28] Heute: Oslo

[29] D.h. auf dem Ostufer gegenüber der Stadt

[30] In der Hartleben-Ausgabe heißt es zusätzlich "dem sogenannten Dockberge". Der Dockberg liegt hinter dem heutigen Arsenal im ehemaligen Fischerdorf Ellerbeck auf der Ostseite der Kieler Förde. Von dort wäre tatsächlich ein guter Überblick über das Marinearsenal und den Kieler Hafen möglich gewesen. Jedoch gab es 1881 nach alten Karten hier noch kein Arsenal. Wahrscheinlicher ist, dass die Marienhöhe unmittelbar hinter dem Liegeplatz der St. Michel im Ortsteil Gaarden gemeint ist, von der ein guter Blick auf den Kriegshafen möglich war.

[31] mit der Hafenwache beordert

[32] am Vortopp

[33] Der Absatz lautet in der Hartleben-Übersetzung wie folgt: "Kiel, schon unter der früheren dänischen Oberhoheit ein blühender Handelsplatz, ist seit dem Anschlusse an das deutsche Reich in raschem Aufschwunge begriffen und zählte 1871 gegen 32.000, 1875 über 37.000 und 1880 über 43.000 Einwohner."

[34] bei der Festung Friedrichsort.

[35] die „Dicke Bertha“?