Kopenhagens Sehenswürdigkeiten

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Kopenhagens Sehenswürdigkeiten 

 

Donnerstag, 23. Juni

Um 10 Uhr bin ich an Land gegangen. Der Kammerherr Warsoe, ein sehr gelehrter ehemaliger Minister für öffentliche Bildung, hieß uns im Museum Rosenborg willkommen. Es ist bewundernswert. Die Suite der Antiquitäten des Nordens: 80 000 Perlen auf einer Festrobe Christians V. Aquamarine, Opale, Geschirr aus Sèvres etc. Die Zimmer sind im Stil ihrer Zeit bewahrt. Die königlichen Kronen.

Danach habe ich ein Bad genommen. Um 4 Uhr bin ich an Bord zurückgekehrt. Ich habe an Honorine und an Michelgeschrieben. Diner. Am Abend habe ich H. im Tivoli getroffen. Um 9 Uhr 1/2 Rückkehr.

 

 


3. Brief:

Ein Brief Jules Vernes, den er von Kopenhagen aus an Michel, seinen Sohn, geschrieben hat:

 

Kopenhagen, 23. Juni 1881

Ich habe hier, Michel, den Brief empfangen, den du an deine Mutter geschickt hast. Wir bereiten uns darauf vor, zurückzukommen. Über Dein Drama habe ich dir nichts mehr zu sagen. Weder wegen des Themas, das es behandelt noch wegen des Fehlens jeder Bühnenanweisung kannst du hoffen, dass es gespielt wird. Ich habe dir schon gesagt, warum. Du mußt dich deshalb nicht darüber sorgen, deine Rechte gegenüber deinem Mitarbeiter zu sichern. Ich glaube übrigens nicht, dass du als Minderjähriger einen gültigen Vertrag unterschreiben könntest.

Laß die Dinge daher laufen, wie sie wollen. Und beschäftige dich mit nichts anderem als deinem Examen. Du weißt, wessen du dich aussetzt, wenn du scheiterst.

Ich habe lediglich die Zeit, diese kurzen Worte in die Post zu geben.

Ich nehme an, dass du dein Kostgeld zur beabsichtigten Zeit erhalten hast. Ich habe all meine Vorkehrungen dafür getroffen.

 

Dein Vater Jules Verne

 

 

Die Saint-Michel blieb acht Tage lang an diesem Platz[46] liegen und empfing zahlreiche Besucher. Sicher sah man zum ersten Mal die Flagge einer französischen Yacht auf diesem Meeresarm der Ostsee, der die Stadt in zwei Teile trennt, flattern. Mehrere Journalisten kamen an Bord und gaben uns völlig interessante Auskünfte über das Land, seine Sitten und Gebräuche, über seine bürgerliche und politische Freiheit, die uneingeschränkt ist. Übrigens wäre es in den Stunden, in denen wir nicht an Land gingen, schwierig gewesen, auch nur einen einzigen Augenblick der Langeweile zu empfinden, so lebhaft war der Hafenbetrieb: Dampfschiffe für die Beförderung von Passagieren nach allen Anlegestellen an den dänischen, schwedischen oder norwegischen Küsten; Handelsschiffe die unter voller Besegelung hereinkommen oder sich von kleinen aber äußerst starken Bugsierdampfern ans Schlepptau nehmen lassen; Postboote, deren Abfahrt die Schiffsglocke Tag und Nacht zu jeder Stunde ankündigt. Es herrscht dort eine Geschäftigkeit, die gut geeignet ist, faszinierte Blicke auf sich zu ziehen.

 

Ich werde es nicht unternehmen, die Museen von Kopenhagen zu beschreiben, so wie ich auch nicht die von Rotterdam[47], Amsterdam und den Haag beschreiben habe. Das haben schon Andere getan, die mehr Befähigung dazu haben als ich. Es bedarf einer gelehrteren Feder als der meinen, um dem Leser all die Wunderwerke zu enthüllen, die im ethnographischen Museum, einer in der Welt einzigartigen Sammlung von chinesischen, japanischen, amerikanischen, indischen und grönländischen Kuriositäten, im Museum der nordischen Altertümer und in dem von Rosenborg[48], das die Geschichte des Schmucks, der Waffen, der Möbel, der Tapisserie dort wieder aufnimmt, wo das erstere damit aufhört, ausgestellt sind. Das gilt auch für das Thorwaldsen Museum, ein umfängliches Grabmal im etruskischen Baustil, in dem alle Werke des großen dänischen Bildhauers, dessen Namen es trägt, vereint sind.

 

In diesem flüchtigen Reisebericht wollte ich nur die wenig bekannten Orte herausstellen, vor allem Wilhelmshaven, den Eiderkanal und die Kieler Bucht. (Ich habe mein Mögliches getan, um den Leuten, denen wir begegnet sind, ihr besonderes eigenes Gepräge und den Ländern, die wir besucht haben, ihr Lokalkolorit zu bewahren. Sollte ich darin keinen Erfolg gehabt haben, möge der Leser das meiner Unerfahrenheit zuschreiben.)

Ich beschränke mich also darauf hinzuzufügen, dass wir während unseres Besuches im Museumder nordischen Altertümer und im Museum von Rosenborg durch den Kammerherrn Warsoe begleitet wurden, ehemaliger Minister für öffentliche Bildung in Kopenhagen und der tatsächliche Organisator dieser wunderbaren Sammlungen. Dieser liebenswürdige Gelehrte hatte sich uns zur Verfügung gestellt, um uns die Kunstschätze vorzuführen, die er mit dem eifrigen Bemühen eines Mannes, der sich leidenschaftlich der Wissenschaft widmet, gesammelt und geordnet hat. Überdies wurde unserem Besuch in den Sälen, von denen ein jeder das Gepräge seines Zeitalters, von der Renaissance bis zur Restauration, bewahrt hat, durch die so einprägsamen Erläuterungen, die er uns gab, ein absolut einzigartiges Vergnügen verliehen.

 

Die Kopenhagener Zeitung Illustreret Tidende bringt erst in ihrer Ausgabe Nr. 1135 vom 26. Juni 1881 einen Artikel zu Vernes Aufenthalt in der Hauptstadt Dänemarks:

 Jules Vernes Lustyacht

Direkt vor der Schiffsbrücke an der Kvaesthusgade[49] liegt ein gertenschlankes, elegantes kleines Dampfschiff mit zwei Masten, einem hellgelben Schornstein und dekorativen Beschlägen auf Reling und Achtersteven, die aus blankem Kupfer sind, das in der Sonne glänzt. Darüber weht die Trikolore. Kommt man an das Fallreep herangerudert, steht daran ein Herr mittleren Alters mit ergrauendem Haar und Bart, blauen Augen und einem nordischen Seemannszug in seinem Gesicht. Er ist wie ein Schiffer gekleidet, und wäre da nicht das rote Band in seinem Knopfloch, könnte man ihn auch für einen solchen halten. Er ist ein Bretone und sein Name ist Jules Verne, der Erschaffer der neuesten Form des Abenteuers, die sowohl großen als auch kleinen Kindern so viel Vergnügen bereitet und seinem Meister so viel Geld verschafft hat, denn jeder Splitter an diesem kleinen Abenteuerboot ist Zeile um Zeile mit den ausgedehnten Reisen zusammengeschrieben worden, die wir mit ihm von den äußersten Grenzen des Universums bis zum Innersten des Erdballs unternommen haben.   Ist man das Fallreep hinaufgekommen, so wird man freundlich und herzlich willkommen geheißen, in dieser kleinen Welt herumgeführt und über ihre Zusammensetzung unterrichtet. Das Boot wurde in Nantes aus Teakholz und Eisen gebaut. Es hat eine Ladekapazität von 38 Registertonnen, was 60 Yacht- (ausgesprochen: Yot) Tonnen entspricht und hat eine kräftige Maschine. Außer Verne, seinem Bruder, dessen Sohn und einem Freund, Monsieur Godefroy, der das Schiff bald verlassen wird um sich auf eine Tour zum Nordkap zu begeben, birgt das Seegefährt noch den Kapitän, Monsieur Ollivier, einen englischen Lotsen (ein köstlicher Typ), vier Matrosen, drei Maschinisten, den Koch und den Schiffsjungen in sich. Es ist mit praktischem französischen Geschmack und Komfort ausgestattet. Das Teakholz hat durch Bohnern und Scheuern zwei Farben bekommen, sowohl braun als auch weißlich, je nach seiner Bestimmung als Schmuck- oder Nutzholz. Achteraus befinden sich zwei kleine Salons, jeder mit 

 

 


zwei Kojen, verschiedene Bequemlichkeiten, lavoirs[50], das Schreibpult und Monsieur Vernes eigene Kajüte. Jede Ecke wird genutzt, um einen kleinen Schrank aufzunehmen, jedes kleine Geviert birgt eine Schublade in sich. Nach vorne zu ist der Speisesalon, von dem es eng nach oben in die Kombüse geht. Der Platz ist knapp, aber gut ausgenutzt. Den ganzen Tag ist die Besatzung in ihrer weißen Leinentracht, der blauen Mütze mit dem roten Troddel und dem Band mit dem Namen Saint-Michel in Golddruck, damit beschäftigt, zu malen, putzen oder polieren, denn eine Yacht ist eine Kokette, die langwierig Toilette macht.

 

Die Reisegesellschaft hat die wenigen Tage, die ihr Aufenthalt hier währte, dazu genutzt, um mit Eifer und Interesse unsere

 

Sammlungen zu besichtigen, unter denen besonders das ethnografische Museum, das mit der Art von Vernes literarischer Tätigkeit verwandt ist, ihn angesprochen haben dürfte. Der Museumsdirektor hat hier mit gewohnter Liebenswürdigkeit geführt und er hat auch von anderer Seite soviel Interesse und Freundlichkeit erfahren, so dass sein Besuch hier in den nordischen Landen, die er so liebt, sicherlich in seiner Erinnerung bleiben wird. Womöglich auch in seinen Werken.

 

 

Dem Artikel beigefügt ist eine Abbildung der St. Michel von Fr. Winther.

 

 


[46] Nyhavn/ Kvaesthusgade

[47] Auch in Rotterdam dürfte demnach ein Museumsbesuch erfolgt sein.

[48] Schloß in Kopenhagen

[49] Straße, die am Nyhavn endet.

[50] Waschbecken