Kulturtouristen in Rotterdam, Den Haag und Amsterdam

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Kulturtouristen in Rotterdam, Den Haag und Amsterdam

Sonntag, 5. Juni (Fortsetzung):

Wir ließen uns an Land setzen. Kanäle, Seeschiffe, Galioten, verfallende Mühlen.

Das Museum. Zwei großartige Hobbemas, zwei Ary Scheffer ("Der Weinende" und "Der Tuchschneider"), zwei Julins[1],? Orley, ein Rubens.

Anschließend habe ich einen Spaziergang gemacht. Schöne Stadtteile. Viele Kinder. Die Flußhäfen. Die zwei Brücken. Der prächtige zoologische Garten. Zum Diner bin ich an Bord zurückgekehrt. Es gibt im Hafen viele Schiffsbewegungen. Jede Minute fahren Boote vorbei.

 

Wir lagen also in Rotterdam fest und warteten auf einen Wetterumschwung, um uns auf den direkten Kurs nach Hamburg zu begeben. Preis: elf Pfund anstatt der siebzehn, die Thomas Atkins verlangt hatte, um uns bis zur Elbeinfahrt zu lotsen. Die Saint-Michel war in der Maas vor Anker gegangen, vor dem schönen Park, der auf jener Seite den grünen Gürtel abschließt, von dem diese hübsche Stadt eingefasst ist.

 

Erst am Montag, d. 13. Juni 1881 erschien das Rotterdamsch Nieuwsblad Nr. 983 mit einem, zu diesem Zeitpunkt allerdings schon überholten, Bericht über die Anwesenheit von Jules Verne in Rotterdam:
Ein schnittiges Dampfboot, das auf der Maas in Höhe von het Park hiesigenorts Anker geworfen hat, beherbergt- ohne dass jemand davon eine Vermutung hat- den hochgefeierten französischen Literaten Jules Verne, der unser Land und anschließend Dänemark, Schweden und   Norwegen besuchen wird. Den Haag und Amsterdam werden ebenfalls die Ehre des Besuchs des berühmten Schriftstellers und Physikers genießen. Jules Verne reist freilich inkognito und wünscht keinen offiziellen Empfang.

 

 

Montag, 6. Juni

Bin etwas kränklich. Die Freunde sind nach Den Haag gefahren. Ich bin an Bord geblieben. Ihre Rückkehr erfolgte um 5 Uhr am Abend.


 

Wir machten uns die Muße zunutze, die uns der Nordwest-Wind auferlegte, um Den Haag und Amsterdam mit ihren wunderbaren Museen zu besuchen, und wir sind noch von ihrer Pracht geblendet.

Man muss in der Tat nach Holland reisen, um Rembrandt kennenzulernen. Wer die Nachtwache und die Anatomische Vorlesung nicht gesehen hat, kann das Genie dieses grossen Malers nicht vollständig zu würdigen wissen. Dasselbe gilt für das berühmte Bild von Paulus Potter, das einen aufrechtstehenden Stier vor einer liegenden Kuh darstellt. (Man kann sich vor diesem unschätzbaren Gemälde nur verneigen. Welch Können hat es dem Künstler abverlangt, ein Werk zu schaffen, das so wahrhaftig und überdies ergreifend ist! Welche Kühnheit in der Verkürzung, welche Tiefe der Landschaft!)[9]

 

Der Eindruck, den man angesichts dieser meisterlichen Kunstwerke empfindet, ist um so erstaunlicher, als er sich in einem Umfeld bildet, zu dem eine bedeutende Anzahl von Rubens´, Van der-Helsts´, Van Dycks´, Murillos´, Hobbemas´, Ruysdaels´, Teniers´, Breughel de Velours´, etc. rechnen, deren Zusammenführung aus diesen Museen ein unvergleichliches Ensemble von Meisterwerken macht. Unglücklicherweise lassen die Räumlichkeiten viel zu wünschen übrig und sind der Gäste, die sie beherbergen, wenig würdig. Wieso errichten Städte, die so reich und so künstlerisch sind wie Amsterdam und Den Haag, nicht Museen, die in größerem Einklang mit ihrem Sinn für Kunst stehen?

 

Was wir durch die Fensterscheiben eines Eisenbahnwaggons von Holland gesehen haben, war nur ein schlichter Ausblick auf seine so grünen Weiden, auf seine wie mit der Reissfeder gezogenen Kanäle, auf seine Hintergründe mit Windmühlen, die den Horizont beleben; aber das reichte aus, um das launige Wort des Dichters Cavalier Butler zu bestätigen:

"Holland hat einen Tiefgang von fünfzig Fuß Wasser, das Land, aus dem es besteht, liegt vor Anker, man ist dort an Bord." [10]

 

 

Dienstag, 7. Juni

Widrige Winde, noch immer N.O. Habe um 9 Uhr gefrühstückt. Um 10 Uhr 20 bin ich nach Amsterdam abgefahren. Grünes Land. Wiesen und Bäume. Kanäle und Mühlen. Gabaren[1] steuern querfeldein. Der Zug fährt durch Den Haag, Leiden, Haarlem und kommt um 12 Uhr 5 in Amsterdam an. Ich besichtige das erste Museum und schaue mir "Die Nachtwache" von Rembrandt an. Das Portrait der alten Frau. Ein Bild, genannt unleserlich "Die Bürgerwehren", von Van der Helst. Außerdem Gemälde von van Ruysdael, Hobbema, Potter, Wouverman, etc.

Dann habe ich noch ein zweites Museum besucht. "Die Mühle" von van Ruysdael, die Porträts von Rubens, die Abbildung "Der gekreuzigte Christus" von Van Dyck.

Danach habe ich eine Spazierfahrt mit einem Wagen gemacht. Der zoologische Garten und seine prächtigen Tiere. Die Musik. Ich habe ein Zimmer im Hotel Rondeel genommen. Dort Diner an der Tafel im Speiseraum. Danach ein Spaziergang und im Hotel die Nacht verbracht.

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 8. Juni

Ich habe einen Morgenspaziergang gemacht und bin bis an das Ende der Amstel marschiert. Das Frühstück habe ich um 10 Uhr im Café Des Mille Colonnes eingenommen. Um 11 Uhr 50 reiste ich ab. Ankunft in Den Haag.

Ein weiterer Museumsbesuch dort. Ich habe "Die Anatomiestunde" von Rembrandt gesehen, "Der Stier" von Paul Potter, Hobbema, Ruysdael, "Das irdische Paradies" von Breughel und Rubens, einen herrlichen Nicolas Berghem, etc., von Murillo "Die Jungfrau mit Jesus".

Danach wurde Den Haag besichtigt. Der königliche Palast. Ein herrliches Stadtviertel. Die Straßenbahnen. Die Parks, die Plätze, die Bäume. Die Stadtteile sind zwischen die Bäume gebaut.

 

 

Um 4 Uhr bin ich zurückgefahren. Eine flache Landschaft, nicht einmal Hügel, außer den Dünen bei Haarlem. Um 5 Uhr bin ich angekommen und habe mich im Hafen an Bord begeben. Diner. Am Abend habe ich im Park an einer Musikveranstaltung teilgenommen. Ich habe den "Obéron" gehört und auch den "Danse macabre" von Saint Saens. Es waren kleine Mädchen dort, die maßvoll gespeist haben. Um 10 Uhr war ich an Bord zurück.

Das Wetter ist immer noch schlecht. Schauer aus N.O.

 

 

 

 Donnerstag, 9. (Juni)

Das Wetter ist das gleiche. Ich mache eine Visite beim Konsul und einen Spaziergang in den Stadtvierteln. Im Grand Café habe ich Zeitungen gelesen. Dann bin ich auf den großen Turm gestiegen, 120 Stufen. Besuch von Monsieur E. Hosemann, dem Kanzler, an Bord. Anschließend ein Abendspaziergang.

 

 

 

 1. Brief:

Von der Maasstadt Rotterdam aus schickt Jules Verne einen Brief an Louis-Jules Hetzel, den Sohn seines Verlegers. Der Brief wurde am Donnerstag, den 9. Juni 1881 geschrieben:

Mon cher Jules,

...Es sind jetzt vier Tage, die wir in Rotterdam durch das schlechte Wetter aufgehalten werden.- Das hat uns erlaubt, Amsterdam und Den Haag zu besuchen, was der schönste Teil unserer Reise sein wird. Ich mußte von Boulogne bis nach Rotterdam einen Lotsen nehmen[11]. Und der selbe soll uns nach Frederickshafen[12], danach nach Hamburg, da es die Zeit erlauben wird, leiten. Aber ich fürchte sehr, dass Hamburg der Endpunkt unserer Schiffahrt sein wird. Von Hamburg nach Kopenhagen sind es 400 Meilen, ohne einen Zufluchthafen. Aber dass die Saint Micheldem Meer gegen eine der Windböen, die in diesen Küstenstrichen so häufig sind, standhalten könnte, glaubt der Lotse kaum. Es ist daher wahrscheinlich, dass, sollten wir nach Kopenhagen fahren, dies mit der railway geschehen wird und ich bezweifle, dass wir es bis Stockholm schaffen können. Sicherlich würde eine solche Kreuzfahrt die Kräfte der St. Michel übersteigen. Übrigens, wollen Sie sich uns nicht in Hamburg anschließen? Wir hätten diesen Morgen abreisen sollen, aber das Wetter stand dem entgegen. Also, schreiben Sie mir weiterhin postlagernd nach Hamburg, obwohl ich nicht weiß, wann wir dort ankommen werden, und teilen Sie mir Ihre Pläne mit. Die unsrigen sind zum Teil durchkreuzt...

 

 

 

 

 Freitag, 10. (Juni)

Das schlechte Wetter hält an, sagt der Lotse Atkins[1] (Nelson). Frühstück an Bord. Danach habe ich im Café Zeitungen gelesen. Spaziergang über die Maas hinüber und Besichtigung des anderen Ufers. Rückkehr und Diner an Bord. Besuch von Monsieur X., dem Leiter der wichtigsten Zeitung Hollands.

Den Abend habe ich beim französischen Konsul verbracht. Seine Frau und seine Töchter waren anwesend. Es gab Musik durch den Violonisten Buziam. Um 11 Uhr kam ich zurück.

 

 

Ein Journalist vom Nieuwe Rotterdamse Courant N.R.C. hatte sich auf die in der Maas vor Anker liegende Yacht bringen lassen. Sein Artikel erschien am Sonnabend, d. 11. Juni 1881 sowohl im N.R.C. als auch im Handelsblad:
Einer der berühmtesten französischen Schrift-steller der letzten Zeit befindet sich in unserer Mitte. Vor ein paar Tagen ist, ohne dass jemand davon etwas ahnen konnte, Jules Verne aus Nantes mit einer Dampfyacht in Rotterdam aufgekommen, die auf dem Fluß in der Höhe von Het Park die Anker geworfen hat. Es war uns vergönnt, geraume Zeit mit dem auch hierzulande von Jung und Alt gefeierten Schriftsteller an Bord seines Schiffes zu verbringen, und wir glauben, all den Freunden von Verne einen Dienst zu erweisen, wenn wir über diese Zusammenkunft einen kleinen Bericht erstatten.
Die "St.-Michel" ist eine Dampfyacht von 38 Tonnen, die das Eigentum von Verne ist und mit der er schon früher verschiedene
 

Reisen, z.B. nach Marokko, unternommen hat.

Die Absicht ist diesmal, sich in Holland mit einem Besuch von Rotterdam, Den Haag und Amsterdam umzusehen und danach eine Tour nach Norden zu machen, nach Hamburg, Stockholm, Kopenhagen, Christiania. Aber das Wetter ist rauh geworden und man will mit dem zwar völlig seetüchtigen aber schlanken Schiff keinem Sturm trotzen, ohne einen Schutzhafen in der Nähe zu haben. Daher befindet sich die Yacht noch immer hier, aber bei besserem Wetter soll sie unverzüglich nach Norden auslaufen. Bleibt das Wetter ungünstig, dann können sich die Antwerpener auf einen Besuch von Verne vorbereiten, und danach kommt London an die Reihe.

Herr Paul Verne (der Bruder von Jules), dessen ältester Sohn sowie ein Freund, Rechtsanwalt in Amiens, leisten dem

 


berühmten Schriftsteller Gesellschaft. Die Besatzung ist zehnköpfig.

Jules Verne ist jetzt 53 Jahre alt und von mittlerem Wuchs, aber kräftigem Körperbau. Jugendliche Lebhaftigkeit, Güte und Heiterkeit sprechen aus dem vollen, durch einen ergrauten Bart umrahmten Gesicht. Weder Anschein noch Schimmer einer Eingenommenheit von sich selbst. Schlicht in allem seinen Tun und Lassen weist er mit einem gutmütigen Lächeln jedes Wort über seine Popularität von sich. Ebensowenig scheint er großen Wert darauf zu legen, über seine zahlreichen Werke zu sprechen. Er gestattete uns, seine Yacht neugierig zu besichtigen, auch um uns die Gewißheit zu geben, dass sich auf ihr nichts Außergewöhnliches befindet es spricht, und es zeigt sich auch nichts was den Schiffen gleicht, die seine Phantasie einst schuf. Alles ist äußerst gepflegt und zweckmäßig eingerichtet, aber keine Spur von zusammengepresster Luft, Elektrizität und dergleichen. Jules Verne erklärte uns, dass er allerdings glaube, dass die Elektrizität bestimmt sei, den Dampf als Antriebskraft abzulösen und dass vieles von dem, was seine Phantasie in seinen Werken hervorbrachte, in nicht

 

allzu langer Zeit tatsächlich umgesetzt werde. Der Zweck dieser neuen Reise ist es, neue Eindrücke zu suchen. Herr Verne versicherte uns, dass er im Augenblick an keinem neuen Werk schreibe, aber falls ihm diese Vergnügungsreise Material verschaffe, werde er sich sofort an den Webstuhl setzen.

Auf die Frage, ob die Niederlande einen Platz in seinem neuen Werk einnehmen würden, gab Verne zu erkennen, dass sicher mehr als eines der Kapitel der neuen Arbeit den Leser nach Holland versetzen werde, denn er und seine Reisegesellschaft erklärten, äußerst eingenommen zu sein von allem, was sie während der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes gesehen und aufgenommen hätten. Das war keine gekünstelte Höflichkeit, sondern ein aufrichtig abgelegtes Bekenntnis.

Jules Verne fing jedesmal Feuer, wenn er über die Museen in Den Haag und Amsterdam sprach. Rotterdam und Amsterdam gefielen ihm besser als Den Haag weil die Residenz das große geschäftige Treiben der Handelsbewegungen vermissen läßt, das ihn in den beiden Kaufmannsstädten in Verzückung versetzte. Amsterdam gefiel ihm im Übrigen noch besser als Rotterdam, weil Amsterdam mit

 


seinen zahlreichen Kanälen eine eigenartige Wirkung habe und auch mehr das Aussehen einer Weltstadt annehme. Was ihm an Rotterdam besonders erschien, waren die Maas mit ihren imposanten Schiffsbewegungen, die Kanäle und die Seeschiffe, das Panorama, das man vom großen Turm aus zu sehen bekomme - er ist auf dem großen Turm gewesen! - und nicht zuletzt Het Park. Er ist hier stundenlang gewesen und kann schier keine Worte finden, um den anmutigen Eindruck zu beschreiben, den dieser Spazierort mit seinen Wasserpartien, dem frischen Grün und den schönen Bäumen auf ihn gemacht hat.

Dass wir weniger begeistert waren, schrieb er mit einiger Bitterkeit der Gewohnheit zu. Zwei Dinge haben ihn angesprochen und wohlwollend gestimmt: die Freiheit

 

und die Reinlichkeit, die in Holland herrschen. Er bedauerte es, dass die anderswo vorhandene große Werft fehle. Er gab nicht vor, in der Kürze der Zeit einen tiefen und wohltuenden Eindruck empfangen zu haben, und man mag daraus schließen, dass wir ihn später wohl noch einmal wiedersehen werden, um mehr aus der Nähe zu betrachten, was nach seiner eigenen Überzeugung diesmal nur oberflächlich wahrgenom- men werden konnte.

Wenn Holland zum zweiten Mal durch einen Besuch von Verne beehrt werden sollte, dann möge dies weniger inkognito geschehen, damit er dann mit der Auszeichnung empfangen werden kann, die man ihm so gerne erweisen wird.

Die Reisegesellschaft verbrachte den gestrigen Abend im Hause des hiesigen Konsuls von Frankreich.

 

 

Der Artikel wurde mit Ausnahme des letzten Satzes auch im Zierikzeesche Courant von Mittwoch, d. 15. Juni 1881 nachgedruckt (s.u.).
     
 

 


[9] Das Bild  „Der junge Stier“ von Paulus Potter (1625-1654) aus dem Jahre 1647 ist im Mauritshuis in Den Haag ausgestellt.

[10]  Es dürfte Samuel Butler (1613-1680) gemeint sein, ein satirischer englischer Dichter, der Frankreich und Holland bereist hat. Das Zitat lehnt sich an dessen "Description of Holland" an.

[11] Hier liegt ein Widerspruch zu den Tagebuchnotizen vor, nach denen erst in Deal ein Lotse angeheuert wurde.

[12] Es muß wohl Wilhelmshaven heißen und könnte eine Verwechslung mit Frederikshavn im Norden Jütlands sein.