Landgang in Kopenhagen

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

 Landgang in Kopenhagen

 

Sonntag, 19. Juni (Fortsetzung):

Um 2 Uhr bin ich von Bord gegangen. Ich habe einen Spaziergang gemacht und bin auf der Post gewesen. Die grünen Bäume. Die schönen breiten Straßen. Der Anblick der großen Stadt. Um 5 Uhr bin ich zum Diner zurückgekehrt. Um 7 Uhr sind wir erneut an Land gegangen. Den Abend haben wir im Tivoli verbracht. Frida und Guy. Um 11 Uhr habe ich mich schlafen gelegt.

 

Montag, 20. Juni

Um 7 Uhr bin ich aufgestanden. Das Wetter hat sich geändert. Es regnet ein wenig. Beträchtlicher Wind aus West.     Besuch des Journalisten Dubuc. Er ist lästig. Frühstück. Ich gehe zur Post. Es sind keine Briefe angekommen. Ich mache einen Besuch beim Botschafter Frankreichs, dem Comte de Croix, dann eine Visite in der Kanzlei, beim Kanzler de Serre. Werde dem Elsässischen Club vorgestellt. Dann besichtige ich die Kathedrale mit der Statue der zwölf Apostel von Thorwaldsen und dem Engel der Taufe. Um 4 Uhr kehre ich zurück. Es kommen 2 weitere Journalisten zu Besuch. Der Abend wird im Tivoli verbracht. Der Direktor ist liebenswürdig. Das Labyrinth. Drei oder vier Journalisten sprechen französisch. Um 10 Uhr zurück.

 

 

 

Dienstag, 21. Juni

Gutes Wetter, Wind aus Südost. Ich war auf der Post. Eine halbe Stunde nach Mittag bin ich zurückgewesen. Ich habe an Hetzel und darauf an Honorine geschrieben. Es waren Kanonenschüsse zu hören, die wegen der Ankunft der englischen Flotte abgefeuert wurden. Verschiedene Besuche gemacht. Ich habe einen norwegischen Kapitän getroffen, der in Spitzbergen gewesen ist. Am Abend waren wir erneut im Tivoli, Godefroy und ich. Um 8 Uhr 1/2 sind wir wieder fort, ohne irgendjemand getroffen zu haben.

 

 

In der Ausgabe Nr. 919 von Dienstag, d. 21. Juni 1881 druckt die Zeitung Dags-Avisen einen mit "Flaneur" gezeichneten Artikel des Journalisten N.J. Berendsen. Der Artikel wird auf der Titelseite des Blattes unter "Jules Verne in Kopenhagen", "Jules Verne interviewt" sowie "Jules Verne und Dags-Avisen" dreifach angekündigt:

Der Verfasser von "In 80 Tagen um die Erde" in Kopenhagen.

"Rüber zum Franzosen" rufen wir, als wir in das Fährboot nach Nyhavns Hoved steigen. Der dicke, gemütliche Fährmann schaut uns vergnügt an und schon fliegen wir in dem herrlichen Wetter hinaus, um den seltenen Gast zu begrüßen, der gerade aus Frankreich zu uns gekommen ist. Diesmal ist es nicht so ein Mann wie Coquelin, dem wir erst später zu Dank verpflichtet sein werden, nein, Alte und Junge schulden bereits dem Verfasser von "In 80 Tagen um die Erde", "Kapitän Grants Kinder", "Reise zum Mond" usw. Dank für so manche vergnügliche Stunde.

 

Schnell nähern wir uns dem kleinen Fahrzeug, das so schick daliegt und zwischen den Pfählen von Nyhavn schaukelt; an Deck steht zusammen mit seinem Bruder der Eigner des Schiffes, der berühmte Schriftsteller, und begrüßt uns, die wir im Vorweg unsere Karte zugeschickt hatten, freundlich.

 

Jules Verne ist eine hochgewachsene, kräftige, wohlgeformte Erscheinung. Er trägt einen Vollbart, der ergraut ist. Seine 53 Jahre trägt er vorerst hervorragend. Er hat eine lange Seemannsjacke sowie eine flache schwarze Mütze mit Schirm angezogen und er raucht eine schmukke kleine Meerschaumpfeife.

 

Im Knopfloch der Joppe sitzt das kleine, kokette rote Band der Ehrenlegion. Ein Paar prächtige, lebhafte Augen, die forschen und beobachten, schauen unter einem Paar buschiger, grauer Augenbrauen hervor. Die Nase ist ziemlich groß und kräftig. Die Stirn ist hoch und schön gewölbt.

 

Jules Verne ist nicht zum ersten Mal in Kopenhagen. Bereits vor zwanzig Jahren hat er die Stadt besucht und das brillante Gedächtnis, das in seinen Romanen zu Tage tritt, zeigt sich auch hier, indem er uns erzählt, dass er sich ausgezeichnet orientieren kann, und dass er schon bei der Einfahrt den Frelsers Turm als einen guten alten Bekannten begrüßte. Er hatte übrigens gedacht, diesmal eine größere Tour nach Schweden und Norwegen zu machen, aber er mußte das aufgeben, weil er am ersten Juli zurück in Frankreich sein muß; als wir ihn fragen, ob ein Vertrag mit einem Verleger oder einer Zeitschrift ihn zwinge, die Reise abzubrechen, schüttelt er lächelnd den Kopf. In der Tat ist in nächster Zukunft ein neues Buch zu erwarten, aber das ist längst geschrieben. Wenn ich auf dem Meer bin, will ich meine Freizeit genießen.



 

Wenn Verne diesmal nicht so hoch in den Norden kommen wird, so wird es aber einer seiner Reisebegleiter, ein junger, liebenswürdiger Einwohner der guten Stadt Amiens und dort Mitglied des Stadtrats, der die Gelegenheit nutzen wird, um einen kleinen Abstecher zum Nordkap zu machen. Verne blinzelt verschmitzt, als der andere dies erzählt, er hat offensichtlich große Lust, die Tour mitzumachen aber diesmal kann er sich nicht beteiligen.

 

Es macht ihm Vergnügen zu hören, wie populär er in Dänemark ist, und er schmunzelt behaglich, als er hört, dass der Fährmann, der uns herübergefahren hatte, ihn als Verfasser der "Reise um die Erde" und von "Grants Kinder" aus dem Kasino kannte. Verne fragte deshalb, ob wir nicht auch den "Michael Strogoff" in den Regalen hätten. Wir antworteten natürlich bejahend.

 

Von unseren Museen hat er häufig erzählen hören, besonders freute er sich darauf, das Altnordische zu sehen und die Bekanntschaft mit Thorwaldsens zu erneuern. Bereits vorgestern, gleich nach der Ankunft, war er im Tivoli gewesen
  und freute sich über das muntere Treiben in dieser "Institution" und er hat gestern Abend nach einem Besuch im Rosenborg Park wieder eine kleine Spritztour dorthinein gemacht.

 

Verne wohnt in Amiens. Er hat seinerzeit cirka dreissig Jahre in Paris gewohnt und bemerkt lächelnd, als wir fragen, dass Amiens nur zwei Stunden mit der Eisenbahn von der grande ville entfernt sei. Es ist ja ganz amüsant, dass Jules Vernes Bruder Hr. Paul Verne, der seinerzeit Marineoffizier war, nun Börsianer ist, wohingegen Verne, der als Börsenmakler angefangen hat- und, bevor er seinen großen Erfolg mit seinen Romanen erzielte, Advokat, Librettoschreiber und Sekretär am Par Theater war- jetzt ganz und gar zum Seemann geworden ist, der das größte Vergnügen darin findet, mit seinem Dampfer Kreuzfahrten zu unternehmen. Von allen Gewässern findet er den Nordatlantik am Besten, das Mittelmeer hingegen kommt ihm langweilig vor. "Wenn ich in Marseille niese", sagt er, "so scheint es mir, dass ich sie drüben in Afrika rufen höre `Gott segne Sie´.

 


Verne erzählt uns, dass er gestern Besuch vom Korrespondenten des Pariser Blattes Temps gehabt habe, und ganz natürlich gleitet das Gespräch zu den französischen Verhältnissen über. Verne hält viel von der Temps, zu deren Redaktion mehrere seiner Freunde gehören und er hat mehrere seiner Bücher in dieser großen Zeitung veröffentlicht, die ebenfalls die Ehre hatte, Alphonse Daudets "Nabob" und seine "Landflüchtigen Monarchen" zu publizieren samt verschiedener der besten Erzählungen von Mme. Gréville.

 

Mit großer Zuvorkommenheit werden wir auf dem schmucken kleinen Fahrzeug, das eine Ladekapazität von ca. 60 Tonnen hat, herumgeführt. Es gibt eine komfortable Schlafkajüte für 4 Personen und einen hübschen kleinen Speisesaal, in dem alles aus Eichenholz und selbstverständlich gemütlich und bequem ist. Das Schiff, das von Kapitän Oliwe geführt wird, hat 12 Mann an Bord und außerdem einen englischen Lotsen, der sie von Deal an begleitet.

 

Als wir die Maschine besichtigen, lächelt Verne gutmütig und sagt: Ja, das ist ein leider sehr großer Platz, den der Knechtskerl einnimmt, wenn man den einschränken könnte, dann könnte man sich bequemer einrichten. Aber er ist allerdings das Wichtigste, und wenn er nicht wäre, kämen wir nicht besonders weit.

 

Alle Mitglieder der Mannschaft seien Bretonen, erzählt uns Verne, und wenn er das nicht gesagt hätte, hätten wir die schmucken dunklen sonnenverbrannten Burschen sicher für Italiener gehalten.

 

Es liegt etwas so gemütliches und heimisches über dem Ganzen und wir verstehen daher die Freude sehr gut, mit der Verne, als er uns verabschiedet, sagt: da ich im Vergleich zu den meisten anderen Reisenden das Vergnügen habe, mein Haus mit mir zu führen, bin ich keinen Hotelwirten und Bedienungen preisgegeben, sondern kann auf meinem eigenen Grund ein freier Mann in freier Luft sein.

 

Flaneur