Kiel maritim: Erforschung der deutschen Meere 1871 (von Klaus Groth)

Die wissenschaftliche Kommission zur Erforschung der deutschen Meere 1871.

Der Kieler Schriftsteller Klaus Groth (Quickborn) berichtet als Wissenschaftsjournalist über die Reise des Forschungsschiffes SMS Pommerania.

Der folgende Brief wurde am 16. Juli 1871 in Stockholm verfasst und nach Berlin geschickt.

 An  Herrn Theodor Fontane   Redaktion der ,,Kreuzzeitung"       

Geehrter Herr Doktor!

In aller Eile sende ich Ihnen das Beifolgende mit der Bitte um Einrückung.

Sollte die ,,Kreuzzeitung" gelegentlich einige Notizen über die Expedition mehr brauchen können, so würde ich Ihnen welche senden. Doch wünsche ich meinen Namen nicht zu nennen.

Hochachtend

(Vorsteher des "Quickborn", sonst in Kiel) 

Klaus Groth

 

Der vorliegende Brief an Theodor Fontane ist nur in Abschrift erhalten, s. Brief 154 in  "Nachweis der Klaus-Groth-Autographa" .

 

"Die Hauptstadt des Nordens ist voll von Fremden, Reisenden aus der Ferne, mehr noch heimischen Vergnügungssuchern. Am Tage fährt es zu Dampfschiff oder Wagen in die grüne Umgegend, am Abend sitzt es dicht gedrängt an den beliebten Vergnügungsplätzen vor der Norrebroe (Norder-brücke) oder Blanch's Cafe' und horcht der Musik oder dem Plätschern des vorübereilenden Mälarstromes. Nacht wird es noch nicht, und so kann man es den Leuten nicht verdenken, daß sie noch nach Mitternacht ihre Plätze einnehmen, und ich weiß nicht, ob tags oder winters schlafen.

Die Stadt liegt sehr schön, ist der Lage nach ohnegleichen. Sie macht den herrlichsten Eindruck, wenn man zu Schiffe vom Süden herauf sich ihr durch die un[teren] Häfen in solchen nähert, die der Norden mit dem Namen Schären belegt.

Diesen Weg nahm die ,,Pommerania", das Dampfschiff, welches das Landwirtschaftliche Ministerium für die Untersuchung der Nord- und Ostsee ausgerüstet hat. Die Herren Gelehrten dieser Expedition scheinen mit Resultaten derselben sehr zufrieden, ebenso mit der Aufnahme bei ihren nordischen Kollegen in Stockholm und Uppsala.

Wie sehr die Expedition übrigens die Aufmerksamkeit der Schweden auf sich gezogen hat, davon mögen beifolgende Zeitungsausschnitte zeugen, die ich Ihnen für die Leser Ihres Blattes zusende, da sie selbst unsern Kanzler mit in ihre Betrachtungen ziehen, der beste Beweis übrigens, welchen Wert diese Untersuchungen der Meere für ihre Küstenbewohner haben muß."

Klaus Groth, bekannt als niederdeutscher Schriftsteller und Dichter des Quickborn schreibt hier als Teilnehmer einer Meeresforschungs-Expedition an Bord des Aviso Pommerania. Einen ausführlicheren Artikel, der offenkundig von ihm stammt, finden wir in der Lokalzeitung seines Wohnortes Kiel. 

Die "Kieler Zeitung" berichtete am 11.6.1871 über die Einschiffung der Kommission des Handelsministeriums unter dem Präsidium von Dr.h.c. Ad. Meyer an Bord des Aviso "Pommerania" zwecks Untersuchung der Ostsee. Führer des Schiffes war Kapitänleutnant Hoffmann. Die Fahrt dauerte acht Wochen, währenddessen Kiel aber einige Male angelaufen wurde. Groth wird darin zwar nicht erwähnt, aber ein langer Beitrag in mehreren Teilen erschien von ihm in der Zeitung, und zwar am 23. Juni, 4., 5., und 6. Juli 1871.

Kieler Zeitung, 11. Juni 1871:

Kiel, 10. Juni. In den nächsten Tagen wird die Einschiffung der Commission des Handelsministeriums unter Präsidium des Herrn Dr. Meyer an Bord des Aviso "Pommerania" behufs Untersuchung der Ostsee in Bezug auf die Seefischerei etc. erfolgen. Die Commission wird unter anderen schwedische Häfen anlaufen und auch Danzig besuchen. Die Expedition wird von dem Capitänlieutenant Hoffmann, Commandanten der "Pommerania", geführt, etwa 8 Wochen dauern.

 

Die Erforschung der deutschen Meere

 

I.

 

Seit vielen Jahren haben es die seefahrenden Nationen für ihre Pflicht gehalten, das Meer, welches eine wichtige Quelle ihres Wohlstandes ist, genauen Untersuchungen zu unterziehen. Zum Theil waren es bestimmte praktische Ziele, deren Verfolgung großartige Expeditionen oder regelmäßig sich wiederholende Untersuchungsfahrten veranlaßten; aber auch nicht selten wurden Fahrten ausgerüstet, welche die ideellen Zwecke der Wissenschaft verfolgen sollten in der richtigen Erkenntniß, daß jede neue der Wissenschaft zugeführte Erfahrung schließlich doch dem practischen Leben zu Gute kommt. Lange Zeit hat die engliche Marine fast allein diese Aufgabe auf sich genommen. Die Holländer und Amerikaner folgten ihnen, jene besonders in der genauen Erforschung der atmosphärischen Verhältnisse, welche der Schiffahrt dienstbar gemacht werden sollten, diese, zu gleichem Zwecke in der Untersuchung der Meeresströmungen, der Tiefen des Meeres und der Beschaffenheit des Meeresgrundes. Die volkswirthschaftliche Bedeutung der Fischerei lenkte die Aufmerksamkeit auf die physikalischen Zustände des Meeres und auf die organische Welt der Pflanzen und niederen Thiere, deren Existenz mit denen der Fische auf das Innigste zusammenhängt. England rüstete jahre lang, und thut es noch jetzt, große und kostspielige Expeditionen aus, um in diesen Beziehungen alle Erfahrungen zu sammeln, welche zur Erkennung der Lebensbedingungen für die Thierwelt des Meeres führen sollten. Schweden, Dänemark schlossen sich wetteifernd diesen Bestrebungen an, und auch in Oesterreich begann man vor einigen Jahren die Untersuchung des adriatischen Meeres mit großer Energie in Angriff zu nehmen.

Deutschland hatte solchen Arbeiten bisher fern gestanden. So rühmenswerth die Leistungen sind, welche von einigen Privatpersonen vollführt wurden, so wenig konnten dieselben mit denen anderer Nationen wetteifern, weil die Kostbarkeit der Unternehmungen Mittel voraussetzt, über welche Private selten zu verfügen haben und bei uns noch seltener in solcher Weise verfügen mögen. Es war nothwendig, daß die deutschen Regierungen wie die der anderen Länder die Ueberzeugung gewannen, daß das allgemeine Interesse des Landes auch die Verwendung öffentlicher Mittel sowohl rechtfertigte wie nothwendig mache, daß der Marine auch im Frieden eine ehrenvolle Aufgabe gestellt werden könne, eine Aufgabe, die zugleich der allgemeinen Wohlfahrt förderlich und der maritimen Wohlfahrt nützlich sei.

Wir dürfen annehmen, daß diese Ansicht der Sache jetzt zur Geltung gekommen ist. Die ersten Zeugnisse davon, daß auch von deutscher Seite ernsthaft darauf ausgegangen wird, zunächst die Meere gründlich zu studiren, welche die deutschen Küsten bespülen, sehen wir eben vor uns. Eine erste Expedition zur Untersuchung der Ostsee ist auf einem Fahrzeuge der deutschen Marine von Kiel aus in See gegangen. Gleichzeitig werden feste Beobachtungsstationen an der deutschen Ostseeküste ausgerüstet. Eine vom landwirthschaftlichen Ministerium eingesetzte Commission leitet von Kiel aus das Unternehmen. Wir müssen es daher als unsre Pflicht betrachten, gleich beim ersten Beginn der Arbeiten dieselben aufmerksam zu verfolgen, um, soviel in unsren Kräften steht, für Jedermann die Ziele klar zu machen, welche, wenn auch vielleicht erst nach jahrelanger Arbeit, erreicht werden sollen. Wir werden versuchen, den Plan auseinander zu setzen, welcher zunächst in den Arbeiten dieses Jahres zur Ausführung gebracht werden und als die Grundlage zur Lösung mannigfacher practischer wie wissenschaftlicher Aufgaben dienen soll.

 

II.

Seit Jahren war darüber geklagt worden, daß die deutsche Fischerei nicht allein in der Entwicklung zurückgeblieben, sondern sogar zurückgekommen sei. Die in andern Ländern mit Erfolg betriebene künstliche Fischzucht wurde in Norddeutschland wenig, an der Seeküste fast gar nicht ausgeübt. Die Seefischerei wurde in alter Weise, mit den seit Alters gebrauchten Geräthen und Fahrzeugen und wie man meinte mit stets geringerem Erfolge betrieben, neue Fischgründe waren nicht aufgesucht worden, kurz, das wichtige Gewerbe der Seefischerei sollte im Rückgange sein. Wenn wir nur auch glauben,daß diese Vorstellungen nicht völlig zutreffend sind, daß namentlich der dem Meere abgewonnene Produktenreichtum viel bedeutender ist, als man bei dem gänzlichen Mangel brauchbaren statistischen Materiales geglaubt hat, so ist doch nicht zu leugnen, daß in vielen Punkten namentlich die Seefischerei in Deutschland eines kräftigen Anstoßes bedurfte. Es ist wahr, daß man die befischten nur sehr unvollkommen kannte, daß die Fischerei, namentlich in der Ostsee, sich im Wesentlichen auf die Küsten beschränkte und daher mit vereinzelten Ausnahmen nur mit offenen Fahrzeugen betrieben wurde.

Der deutsche Fischereiverein hat das Verdienst, indem er auf solche und andere Mängel hinwies, dazu angeregt zu haben, die Untersuchung der deutschen Meere auf streng wissenschaftlicher Grundlage und mit Hülfe von Staatsmitteln zu veranlassen. Da das Fischereiwesen in Preußen unter Aufsicht des landwirthschaftlichen Ministeriums steht, so war dieses, an welches sich der deutsche Fischerei-Verein wendete und welches sofort zur Ausführung des angeregten Gedankens schritt, indem es in Kiel ein wissenschaftliches Gutachten darüber erforderte, in welcher Weise Beobachtungen und Untersuchungen anzustellen sein würden, um das vom Fischerei-Verein angedeutete praktische Ziel der Hebung der deutschen Seefischerei zu erreichen. *

* cfr. Nr. 2132 der Kiel. Ztg.

 

Auf diesem Gutachten, dem das landwirthschaftliche Ministerium demnächst seine Zustimmung ertheilte, beruhen die Arbeiten, welche schon im vorigen Jahre beginnen sollten, welche damals des Krieges wegen nur theilweise zur Ausführung gelangten, nunmehr aber in vollem Gange sind.

Jenes Gutachten ist im Circular Nr. 3, vom 19.April 1871, dem Organe des deutschen Fischerei-Vereins abgedruckt und entwickelt folgenden Gedankenzwang.

Um der Seefischerei eine sichere Grundlage zu gewähren, ist es nicht allein nothwendig Fischerei-Gründe aufzusuchen, sondern es müssen die Lebensbedingungen der verschiedenen Fische untersucht werden, damit ein Urtheil darüber gewonnen werden könne, ob und warum die Fischgründe in den verschiedenen Jahren in ihrem Werthe oder gar in ihrer Lage wechseln, um zu ermitteln, ob in verschiedenen Jahren verschiedene Zeiten für den Fischereibetrieb zu wählen sind, wie die Schonzeiten nach der Gattung der Fische, nach der geographischen Lage und etwa nach den verschiedenen Jahren verschieden sind.

Die Lebensbedingungen der Fische sind aber erstens ihre Nahrung, pflanzliche oder thierische, zweitens die physikalischen Verhältnisse des Meeres, Temperatur, Salzgehalt, Gasgehalt, Bewegung, Bodenbeschaffenheit. Nun hängt aber ebenso die Entwicklung der Pflanzen und der niederen Thierwelt, welche die Nahrung der Fische bilden, von den physikalischen Bedingungen ab. Die Feststellung der letzteren ist also die erste wesentliche Kenntniß, ohne welche, so zu sagen, eine Einsicht über die wirthschaftliche Production des Meeres nicht erlangt werden kann.

Es steht bereits aus früheren Untersuchungen fest, daß alle die genannten physikalischen Verhältnisse in verschiedenen Jahren sehr wechselnd sind. Für den westlichen Theil der Ostsee haben sehr verdienstliche Beobachtungen des Vorssitzenden der Commission für die Untersuchung der deutschen Meere es schlagend nachgewiesen, daß wohl kaum ein Jahr dem andern im Meere gleich ist. Wir dürfen sagen, das Meer hat nicht nur sein der geographischen Lage zukommendes Klima, sondern die einzelnen Jahrgänge unterscheiden sich in der Ostsee nicht minder nach Wärme, Strömung, Salzgehalt, wie etwa die einzelnen Jahre der Atmosphäre nach Wärme, Windrichtung und Feuchtigkeit verschieden sind. Dies ist natürlich von durchgreifender Bedeutung für die Pflanzen und niederen Thiere, also auch für die Fische der Ostsee.

Sind vielleicht diese Aenderungen nicht ganz so bedeutend für die Nordsee, worüber es noch gänzlich an Erfahrungen fehlt, so tritt dafür dort ein anderer Umstand ein, der wiederum in der Ostsee von geringerem Belange ist: der Wechsel der Bodenbeschaffenheit durch die Einwirkung von Fluth und Ebbe. Gerade auf den geringern Tiefen, in denen die Fischerei am besten zu betreiben ist, wird diese Bodenbeschaffenheit, eine Hauptbedingung für Pflanzen- und Thierleben, am meisten veränderlich sein.

Man sieht also, daß man es mit recht verwickelten Verhältnissen zu thun hat und daß man nicht hoffen darf, mit ein paar Expeditionen zur Aufsuchung etwa noch unbekannter Fischgründe zu einem Resultate zu gelangen, sondern daß es sich um andauernde Arbeiten handelt, die ebenso wie in der Meteorologie erst nach Jahren dazu führen können, eine klare Vorstellung davon zu gewinnen, innerhalb welcher Gegensätze sich die unendlich mannigfaltige Natur bewegt.

Wenn diese Aussicht bei unsrer Zeitstimmung, die so gerne sofortige Erfolge erwartet, nicht sehr erfreulich erscheint, so ist zum Troste zu sagen, daß erstlich die Untersuchungsfahrten allerdings directe practische Resultate bringen können, daß zweitens schon während des Fortganges der Arbeiten Erfolge eintreten werden und daß endlich eine gründliche Durchführung der Arbeiten, die wir doch einmal als deutsche Art an uns haben, wenn sie auch längere Zeit währt, dafür auch sichere Erkenntnis gewährt.

 

III.

Der Arbeitsplan, mit dessen Ausführung die vom landwirthschaftlichen Ministerium hier in Kiel eingesetzte Commission beauftragt ist, beruht also auf dem im Vordergehenden entwickelten genauen Zusammenhange zwischen dem Thier- und Pflanzenleben des Meeres und dessen physikalisch variierenden Eigenschaften.

Hiernach werden sich folgende verschiedene wissenschaftliche Aufgaben unterscheiden lassen:

1)      Untersuchungen der physikalischen Verhältnisse. Wie ist der Salzgehalt, die Wärme, die Strömung, der Gasgehalt, die Bodenbeschaffenheit des Meeres an den verschiedenen Punkten desselben beschaffen ? Wie ändern sich diese Größen innerhalb des Jahres und in verschiedenen Jahren ? Von welchen Ursachen sind diese Aenderungen abhängig und ist es möglich die bestimmenden Ursachen so festzustellen, daß die aus ihnen folgenden Aenderungen sich im Voraus angeben lassen ? - Diese Aufgabe ist also offenbar ein Gegenbild der Meteorologie, der Physik der Atmosphäre, also eine Physik unserer Meere und setzt regelmäßige periodische Beobachtungen aller der erwähnten Größen d.h. die Einrichtung fester Beobachtungsstationen an passend gewählten Punkten voraus. Die erzielten Beobachtungen werden dann einer systematischen Bearbeitung unterzogen werden müssen, wie dies für die Meteorologie schon längst der Fall ist.

2)      Untersuchungen der Thier- und Pflanzenwelt. Welches ist die ständige Flora und Fauna des Meeres ? wann und in welcher Entwicklung findet sich dieselbe an den verschiedenen Orten ? Welchen Zusammenhang hat sie mit den physikalischen Verhältnissen ? Wie ändert sich Flora und Fauna zeitweilig durch Auftreten neuer Thiere und Pflanzen und hängt dies mit bestimmten Aenderungen in der physikalischen Meeresbeschaffenheit zusammen ? Welchen Einfluß hat für den Fischreichthum, für reiche Entwicklung bestimmter Arten, oder umgekehrt für das Ausbleiben von Fischen die größere oder geringere Ausbildung der Pflanzen und niederen Thiere ?

Zur Beantwortung dieser schwierigen Fragen werden erstlich ebenfalls an solchen Punkten, an denen physikalische Beobachtungen gemacht werden, auch möglichst Untersuchungen über Thiere und Pflanzen anzustellen sein. Zweitens aber, um die wissenschaftlichen Ergebnisse mit den praktischen Resultaten vergleichen zu können, wird eine möglichst umfassende Statistik des Fischfanges einzurichten sein, denn nur hierdurch wird es möglich werden zu erfahren, welchen Einfluß die Entwicklung der übrigen Organismen des Meeres auf die Menge, den Ernährungszustand, den Artenreichtum der Fische hat und daraus ferner die Regeln abzuleiten, welche die Praxis zur Erreichung sicherer Erfolge innehalten muß.

Diese beiden Reihen der Untersuchungen an festen Stationen. Die physikalische und die zoologisch-botanische und physiologische sind durch Untersuchungsfahrten auf dem Meere zu vervollständigen. Die Untersuchungsfahrten gehen theils direkt auf ein praktisches Ziel los. Es wird die Aufgabe sein, auf der Fahrt die Sande und Gründe zu untersuchen, welche von unsern Fischern noch nicht befischt wurden, damit im Falle günstiger Erfahrungen ein neues Arbeitsfeld bezeichnet werden könne. Theils aber werden die Untersuchungsfahrten auch wesentlich das wissenschaftliche Material zu ergänzen haben. Denn an den festen Stationen, die ja naturgewiß nur an den Küsten zu errichten sind, ist es unmöglich über einige wichtige Punkte Aufschluß zu erhalten. Temperatur, Strömung, Salzgehalt und Gasgehalt des Wassers der größeren Tiefen des offenen Meeres wirkt bestimmend auf dieselben Größen an den Küsten ein und der Schlüssel für das Rätsel ist nur in der Verbindung der Beobachtungen auf der Tiefe und an der Küste zu finden.

Deshalb sind regelmäßige Untersuchungsfahrten ebenso nothwendig, wie die festen Stationen und werden solch Fahrten nebenher noch Vortheile gewähren, welche außerhalb der unmittelbar auf ihnen zu lösenden Aufgabe liegen. Wir meinen die Vortheile, welche in erster Linie die deutsche Marine sodann überhaupt der Schiffahrt in Aussicht stehen.

Wir erlauben uns, dies mit einigen Worten anzudeuten. Die vorhandenen Seekarten der Nordsee und Ostsee sind keineswegs weder vollkommen richtig noch vollständig. Zum Theil liegt dies in den fortwährenden Aenderungen des Meeresbodens zum Theil aber auch in ungenügenden Aufnahmen, sei es wegen unzweckmäßiger Meßmethode, sei es wegen mangelhafter Instrumente. Vergleicht man die dänischen, schwedischen, englichen Karten der Ostsee, die aus verschiedenen Jahren vorliegen (eine deutsche Seekarte der ganzen Ostsee existirt unseres Wissens nicht) so finden sich sehr erhebliche Differenzen und natürlich gerade an den seichteren Stellen, z.B. in der Reihe der Sande in der Linie NO.-SW. Östlich Gotland, noch auffälliger an den Küsten und Buchten. Die Untersuchungsfahrten werden nun zwar nicht zu vollständigen Peilungen benutzt werden können, wohl aber erstlich zu gelegentlichen Prüfungen einzelner Punkte, besonders aber um wissenschaftlich zuverlässige Instrumente und deren handhabung in der Marine einheimisch zu machen. Nicht bloß das Loth ist es, worauf es hier ankommt, sondern alle physikalischen Apparate, deren zweckmäßige Construktion und sichere Benutzung gewünscht werden muß. Das Thermometer ist z.B. in den Strömungen des atlantischen Meeres ein so sicheres Kennzeichen für dieselben, daß man von einer thermometrical navigation spricht. Die Untersuchungsfahrten, auf denen von der Commission soweit irgend möglich alle in Anwendung gebrachten Instrumente geprüft werden, bietet der Marine eine treffliche Gelegenheit zur wissenschaftlichen Ausbildung jüngerer Officiere. Die englische, die amerikanische Marine sind mit Recht stolz auf ihre ausgezeichneten Offiziere, denen wir die Kenntniß des Ozean´s im Wesentlichen verdanken. Die junge deutsche Marine sollte es sich und wird es sich hoffentlich angelegen sein lassen, ebenso tüchtige wissenschaftliche Kräfte heranzubilden.

Nach dieser Abschweifung kehren wir zu den diesjährigen Arbeiten der Commission zurück.

 

IV.

Bei dem weiten Umfange der geschilderten Aufgabe müßte es von vornherein unthunlich erscheinen dieselbe sogleich in allen ihren Theilen in Angriff zu nehmen.

Vor allen Dingen müßten Vorarbeiten erst lehren, welche Instrumente auf dem zu untersuchenden Gebiete am angemessensten seien. Denn fehlt es auch nicht an Angaben über Thermometer, Sonden usw., welche von andern Nationen für die Meeresuntersuchungen verwendet worden sind, so war einerseits eine kritische Prüfung der verschiedenen zu gleichem Zwecke empfohlenen Apparate nothwendig, andererseits die Frage zu erörtern, ob man nicht bei der verhältnismäßig geringen Tiefe der zu erforschenden Gewässer mit einfacheren Hülfsmitteln auskommen könne, als bei oceanischen Untersuchungen Verwendung finden müßten. Solche Vorarbeiten haben bereits im vorigen Jahr die Commission beschäftigt und ist von derselben ein Apparat zusammengestellt worden, welcher jedenfalls für die geringeren Tiefen der Ostsee, also namentlich für die Stationen, genügt.

Mit diesen Apparaten und den zur Handhabung deselben erforderlichen Anweisungen sind oder werden zunächst die Stationen an der preußischen Ostseeküste ausgerüstet. Die in Aussicht genommenen Stationen, an denen zum Theil jetzt wohl bereits beobachtet wird, sind Kiel (Friedrichsort), Sonderburg, Fehmarn, Greifswald, Neufahrwasser, Memel.

Auf den Untersuchungsfahrten werden Apparate in Anwendung kommen müssen, mit denen sich in größeren Tiefen sichere Beobachtungen anstellen lassen. Den Seekarten zufolge ist die größte Tiefe der Ostsee nördlich Gothland gegen 180 Faden. Diese Tiefe ist, verglichen mit den Tiefen in anderen Meeren, sehr unerheblich; dennoch war es zweifelhaft, ob die einfacheren Apparate der Stationen hier genügen würden.

Dies konnte im vorigen Jahre des Krieges wegen von der Commission nicht ermittelt werden und sind deshalb vor Beginn der diesjährigen eigentlichen Expedition in der Ostsee zwei Probefahrten gemacht worden. Die erste ging in die dänischen Gewässer zur Prüfung dahin ob und bis zu welcher mäßigen Tiefe, wie solche etwa für die Fischereigründe der Ostsee maßgebend sein würde (30 bis 40 Faden), die einfacheren Apparate sicher arbeiten. Die zweite jetzt beendete Probefahrt erstreckte sich bis an die norwegische Küste, weil hier die nächsten Punkte gefunden werden konnten, in denen die Apparate bis erheblich über die in der Ostsee vorkommenden Tiefen, nämlich bis zu 350-400 Faden, zu prüfen waren. Die Expedition selbst geht nun durch Calmarsund nordwärts bis Stockholm, dann zurück durch die größten Tiefen der Ostsee nach Gothland, wird dann die Reihe der Gründe und Sande östlich und südlich dieser Insel untersuchen und Neufahrwasser anlaufen. Von hier aus soll eine genaue Prüfung der ganzen Küste bis zurück zum Kieler Hafen vorgenommen werden. Da gleichzeitig die Stationen in Thätigkeit, so ist zu hoffen, daß die Commission uns demnächst ein sehr getreues Bild des diesjährigen Klima´s der Ostsee wird geben können.

So beschränkt sich die Untersuchung in diesem Jahre auf die Ostsee, mit der alleinigen Ausnahme, daß zur vorläufigen Prüfung der Instrumente und unter Umständen zur Anstellung von Beobachtungen eine Stationsausrüstung an der ostfriesischen Küste verwendet wird.

Es ist aber wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß ein nach so wohl erwogenem Plane eingeleitetes Unternehmen nun nicht wieder in Stocken kommt, sondern durch Ausdehnung desselben im nächsten Jahre auf die Nordsee durch Anknüpfung von Verbindungen mit andern deutschen Küstenstaaten und durch Vereinbarung eines gleichmäßigen Beobachtungssystemes mit den außerdeutschen Staaten, deren Grenzen Ost- und Nordsee bespülen, ein dauernde Institution geschaffen wird, welche in gleicher Weise den Interessen des Gemeinwohls wie der Wissenschaft dient.

Die dankenswerte Energie, mit welcher das landwirthschaftliche Ministerium die Aufgabe erfaßte, und die nicht minder anzuerkennende Bereitwilligkeit, mit welcher das Marineministerium seine Unterstützung gewährt, sind für solche Ueberzeugung eine Bürgschaft. 

K.

Das Kürzel K für den Verfasser des Artikels steht für Klaus (Groth). Groth war ein enger Freund der Meeresforscher Heinrich Adolph Meyer und Karl August Möbius, die beide eine zentrale Bedeutung für wissenschftliche Erforschung der deutschen Meere haben. Ein wichtiger Ort für die Begnung der drei war die von Meyer errichtete Villa Forsteck in Kiel im heutigen Diederichsen Park.Hier hat Groth auch die Bekanntschaft mit Fontane gemacht.

Dieser Beitrag wurde im Dezember 2011 bearbeitet und herausgegeben von Friedemann Prose.

siehe auch Kiel maritim: Heinrich Adolph Meyer, Meeresforscher.