Kiel maritim: K.Möbius: Traditionelle Miesmuschelzucht in Kiel

Kiel maritim :

Möbius, Karl (1862). Ein Muschelpfahl in der Kieler Bucht.

In: Zeitung Neues Hamburg.

 

Der Zoologe und Meeresforscher Karl Möbius berichtete in Zeitungen allgemeinverständlich und interessant  über seine Wissenschaft.

 

Ein Muschelpfahl in der Kieler Bucht

( In Kiel wird die Miesmuschelzucht auch heute noch an der Seebadeanstalt Holtenauer Reede betrieben. S.a. CRM Tiessenkai)

 

Die Kieler Pfahlmuscheln, schlechtweg Muscheln genannt, sind in Hamburg wohlbekannte Tiere, wenn auch weniger nach ihren zoologischen Eigenschaften, so doch nach ihrem Geschmack in Saucen und Pasteten. Es sind Muscheln, die im wahren Sinne des Wortes von Bäumen gepflückt werden. Die Gärtner, welche diese Bäume setzen und abernten, sind die Fischer von Ellerbek, einem Dorfe am Fuße der Hügel, die Kiel gegenüber die schöne Bucht begrenzen. Dort hat jedes Fischererbe auch seinen Platz in der See, wo der Besitzer seine Muschelbäume pflanzt. So ziehen sich an beiden Seiten der Bucht längs Düsternbrook und Ellerbek unterseeische Gärten hin, deren Baumspitzen nur selten, wenn starke Winde das Wasser in die offene Ostsee treiben, etwas frei werden und in die Luft ragen; doch das erfahrne Auge erkennt sie bei ruhigem Wetter auch unter der Oberfläche als eigenthümliche braune Massen.

 (Bild: Karl August Möbius)

 

Der Leser versetze sich an einem Dezembermorgen nach Kiel und besteige im Hafen ein Boot, das ihn nach den Muschelpfählen bringt. Dort trifft er mit den Ellerbekern zusammen, ruhigen und kräftigen Männern, die ihren uralten Kahn, dessen flacher Kiel und steile Wände fast ganz aus einem Eichenstamm gehauen sind, mittelst Schaufeln heranrudern. Sie fixieren ihre Merkzeichen an beiden Ufern, treiben dann eine lange Fichtenstange in den Grund, woran sie den Kahn festbinden, und senken dann eine Leine mittelst eines Hakens in die Tiefe und führen sie um den Stamm herum , der in die Höhe gezogen werden soll; dann schlingen sie eine Schleife und winden den schweren Baum aus dem Schlammgrunde empor. Endlich geht das Winden leichter; denn der Baum ist frei und sein schwerer Gipfel sinkt nach der Seite. Die Fischer werfen die Winde aus der Hand und greifen nach demselben, damit er nicht untersinke; denn er ist so schwer, daß er den Kahn stark nach seiner Seite zieht. Sie haben einen guten Baum getroffen, an dem kein leerer Zweig zu sehen ist; von oben bis unten hängen die schwarzen Muscheln, manche so groß wie ein Kinderschuh, in dicken Büscheln beisammen und eine auf der andern, so daß man mit jedem Zweigstück Dutzende ablösen kann.

 

Zu Muschelbäumen werden meistens Ellern benutzt, weil sie billiger als Eichen und Buchen sind, die jedoch auch Anwendung finden. Diesen Bäumen nimmt der Fischer die dünnsten Zweige, spitzt sie unten zu und schneidet die Jahreszahl in den Stamm ein, ehe er sie mit einer Gabel fest in den Schlammgrund senkt. Sie werden zu jeder Jahreszeit gesetzt, aber nur im Winter bei kaltem Wetter, am häufigsten bei Eis, gezogen, da dann die Muscheln am besten schmecken und ungefährlich sind. Jährlich werden durchschnittlich in der Kieler Bucht tausend Pfähle gesetzt und eben so viel gezogen, die 3 bis 5 Jahr gestanden haben; denn so viel Zeit braucht die Muschel, um auszuwachsen. In Kiel kommen im Jahr ungefähr 800 Tonnen Muscheln zum Verkauf, wovon jede durchschnittlich 4200 Stück enthält; also werden zusammen 3,360,000 Stück geerntet. Es gibt jedoch gute und schlechte Jahrgänge, und zwar nicht bloß in Rücksicht der Menge, sondern auch der Qualität der Muscheln. Ihr Genuß verursacht nämlich zuweilen Kopfschmerz, Erbrechen und Durchfälle, trotzdem ihr Ansehen und Geschmack nicht anders war, als bei unschädlichen Muscheln, wie mir mein Bootsführer erzählte, der selbst, wie viele  seiner Landsleute, ein Liebhaber von Muschelspeisen ist.

 (Bild: Miesmuschel, mytilus edulis)

Die Pfahlmuscheln gehören zu den häufigsten Tieren der Ost- und Nordsee. Man kann keinen Tangbüschel, keinen Stein, kein Holzstück vom Grunde in die Höhe ziehen, ohne solche Muscheln darauf zu finden. Alles Holzwerk, das ruhig im Wasser liegt, überziehen sie in wenigen Monaten mit dicken Krusten, indem sie sich mit hornigen Fasern fest kleben, die ihre Fußspitze, wie ein beweglicher, dehnbarer Finger als zähe Flüssigkeit aus einer Drüse entnimmt, durch das Wasser zieht und an die Fläche, woran sie sitzen, anpreßt. Damit haben sie sich jedoch nicht bis zu ihrem Tode angekettet, sondern es steht ihnen, wie den Perlmuscheln von Ceylon, frei, sich von den Byssusfasern loszulösen, sie zurückzulassen und höher oder tiefer zu wandern, je nachdem sie auf- oder abwärts neue spinnen, was sich alles in Seeaquarien leicht beobachten läßt. Die reingewaschene Schale einer großen Pfahlmuschel hat außen den herrlichsten Seidenglanz und innen ein zartes Blau, das auch die Perlen annehmen, welche sie zuweilen bildet. Wenn sie dicker wäre, so würde sie sicherlich wie die Perlmutter, zu Schmucksachen Verwendung finden. Und das Tier in dieser Schale ist so schön orangegelb, daß man glauben sollte, die cimbrischen Weichtieresser der Urzeit hätten mit dieser Muschel ihre Malakozoophagie beginnen müssen.

 

Der Muschelpfahl ist aber viel mehr, als ein Baum mit Tausenden von Miesmuscheln (Mytilus edulis) behängt; er ist unter See viel reicher belebt, als einst, da er noch grüne Blätter trug, Insekten nährte und Vögel beherbergte. Auf den stärkeren Ästen kriechen langsame Seesterne mit Hunderten von Saugfüßen einher und speisen die Muscheln frisch vom Baume. Sie legen ihre Mundöffnung, welche die Mitte ihrer Scheibe einnimmt, auf die auserkorene Muschel, stülpen den ganzen Magen heraus, legen ihn über jene weg und ziehen sie mit ihm ins Innere, um den weichen Inhalt aufzulösen und dann die leere Schale auf demselben Wege wieder auszustoßen. Zwischen den Muscheln kriechen lange Würmer herum, die sich wie Schlangen durch die engsten Zwischenräume winden. Das sind Nereiden mit mehr als hundert stumpfen, borstigen Füßen, deren Haut wie Perlmutter spielt. Andere Würmer (Polynoe) liegen ruhig auf den Schalen der großen Muscheln. Ihr Rücken ist mit zwei Reihen von braunen Schuppen bedeckt , unter welchen die Füße an den Seiten hervortreten. Sobald sie diese im Dunkeln in Bewegung setzen, erscheinen über ihnen zwei Linien leuchtender Punkte vom schönsten Hellblau. Aus kleinen Schlammröhren auf den Zweigen schieben sich langsam feine Fäden vor, dehnen sich aus, greifen nach leichten Stoffen rund umher und ziehen sie in die Röhre hinein. Dies sind die Tätigkeiten eines dritten Wurmes, der bei den Muscheln wohnt. Eine vierte Art nimmt alle Höhlungen im Holze ein. Es ist ein kleiner weißer Fadenwurm, wovon sich Dutzende zu Knäueln um einander schlingen. Während die Miesmuscheln draußen auf dem Holze ihren Byssus spinnen, bohrt inwendig der weiße Schiffsbohrer durch unermüdliche Drehungen seiner feilenrippigen Schalen lange Röhren und kleidet sie mit dünner Kalkmasse aus. Er setzt sich als kugelrundes, dem bloßen Auge unsichtbares Tierchen an, und wo er eingedrungen ist, da sieht man weiter nichts, als einen feinen Stich. Drinnen wächst er und geht stets der Holzfaser nach; es sei denn, daß ihn ein Ast oder ein nachbarlicher Bohrer auszuweichen nötigt. Nahrung zieht er mit dem Wasserstrome in seine Röhre, den er durch unzählige, stets schwingende Wimpern seiner Atemorgane unterhält.

 

Wenig Schalen der Pfahlmuscheln sind unbesetzt und rein; fast alle sind der Boden von Polypenstücken und zarten Algen. Die Polypen sind besonders Campanularien, feine biegsame Bäumchen, auf deren Zweigen sich durchsichtige Tierchen, Blumen ähnlich entfalten. Berührt man einen ihrer Fühlfäden, so ziehen sie sich plötzlich zusammen und versenken den ganzen Körper in einen Kelch, der durchsichtig wie Krystall ist. So klein diese Tiere auch sind, so tragen sie doch noch kleinere Wesen. Auf ihren Stämmen stehen zahlreiche Glockentierchen, Infusorien mit einem Stiel, der sich korkzieherförmig zusammenziehen und strecken kann; neben ihnen schwimmen und kriechen andere Infussionsthiere auf und nieder und finden ihre Speise in den verwesenden Pflanzen- uns Thierstoffen. Die Polypen selbst und mit ihnen ihre Parasiten sind die Speise einiger Arten nackter Schnecken, die zwischen ihnen herumkriechen etwa wie Kaninchen im Gras der Wiesen. Das sind die schönen Aeoliden und Dendronoten. Jene tragen auf dem Rücken hochrote Fäden in Büscheln, die sie sträuben oder niederlegen, wenn man sie berührt; und diese sind auf der ganzen obern Seite mit reichverzweigten durchscheinenden Bäumchen von zartesten Fleischrot besetzt.

 

Mit diesem flüchtigen Blick durch den grünen Schleier des Meeres muss ich es hier bewenden lassen; denn Worte ohne Bilder und ohne Anschauungen des Lebens selbst sind zu schwach, um das Anziehende dieser bunten Welt vollkommen zu schildern.

 

                                                 

( bearbeitet und hrsg. Friedemann Prose, Juni 2011)

Das Bild Möbius nach der inhaltlich entsprechenden web-Seite der Universität Kiel und Wikipedia.

Andere Bilder aus

Meyer/Möbius (1865). Die Fauna der Kieler Bucht.Leipzig

Fotografie: Kai Becker.