Über die Nordsee zur Eidermündung

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012)

 

Über die Nordsee zur Eidermündung

Jetzt tauchte Thomas Atkins mit seiner Rechenkunst wieder auf.

"Wenn Sie mir“, sagte er, "zwei Pfund mehr geben wollen, dann erspare ich Ihnen die Lotsengebühr für den Jadebusen, die sonst an die fünf kosten würde, und führe Sie selbst aus dem Strom hinaus!"

"Aber Atkins", erwiderte ich, "das Fahrwasser ist nicht einfach. Wir sind es nachts hinaufgefahren. Sie haben also keine ausreichenden Beobachtungen machen und die Position der Baken erkennen können."

"Seien Sie beruhigt, meine Herren, ich habe alles gesehen, was man gesehen haben muss, und ich übernehme für alles die Verantwortung."

Das Angebot wurde akzeptiert. Thomas Atkins lotste uns wirklich tadellos und verdiente sich seine zwei Pfund, wobei wir drei einsparten.

 

 

Mittwoch, 15. Juni (Fortsetzung):

Um 1 1/4 Uhr läuft unsere Yacht ohne Lotsen aus. Wir fahren die Jade abwärts. Um 9 Uhr am Abend übernehmen wir einen Lotsen. Wir ankern bei herrlichem Wetter auf dem Meer und erleben einen großartigen Sonnenuntergang.

 

Donnerstag, 16. Juni

Bin um 2 Uhr morgens aufgestanden. Es herrschte Nebel. Dann ein prächtiger Sonnenaufgang. In der Eider angekommen fahren wir den Fluß bis nach Tönning hinauf. Dort treffen wir den französischen Konsul. Wir müssen Kohle bunkern. Die Leute sagen, die St. Michel sei zu groß, um die Schleusen des Kanals zu passieren. Unsicherheit stellt sich bei uns ein. Das Boot wird neu vermessen. Die Kohle ist geladen. Der Preis ist 6 Tonnen à 20 Mark = 25 Francs.

 

 

Am Abend des 15. Juni[21] kamen wir im kleinen Hafen von Tönning an, der sich malerisch vom rechten Ufer der Eider abhebt, und am nächsten Morgen, nachdem wir Kohle gefasst hatten, forderten wir einen Lotsen nach Rendsburg an, dem Ort, wo der Kanal eigentlich erst beginnt.

 

Aber jetzt gab es eine schwere Enttäuschung. Ein Brief des Kanaldirektors, die Antwort auf unser Telegramm aus Wilhelmshaven, besagte, dass wir die Schleusen nicht passieren könnten. Die Yacht war um drei Meter zu lang Was tun?

 

 

Einige Zeit später schildert der Tönninger Vertreter der Botschaft Frankreichs in Hamburg die Ereignisse am 15. Juni 1881:

 

AGENCE CONSULAIRE

DE FRANCE

À TONNING

 

 

Monsieur

Le Comte de Pina

Generalkonsul von Frankreich

Hamburg

Tönning, d. 24. Juni 1881

Monsieur,

In Antwort auf Ihr Geschätztes vom 20. d.M. habe ich die Ehre Ihnen anzuzeigen, dass ich seit meiner Ernennung zum Vertreter des Konsulats von Frankreich nie versäumt habe, mein Haus aus Anlass der Nationalfeiern von Frankreich zu beflaggen. Ich habe ebenfalls nicht versäumt, dies am 14. Juli zu tun.

Bei dieser Gelegenheit habe ich das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, dass ich vor einigen Tagen die Ehre hatte, dem Herrn Jules Verne mit seiner Dampfyacht "St Michel" aus Nantes weiterzuhelfen. Dieses Schiff hat eine Länge von 35 Metern und Herr Verne hatte zuvor an das Gouvernement geschrieben, um die Genehmigung zum Passieren der Schleusen des Kanals zu bekommen.

Das Gouvernement teilte ihm mit, dass das Schiff zu lang sei um die Schleusen passieren zu können und dass es daher nicht möglich sei, es durchfahren zu lassen.

Trotzdem entschloss sich Herr Verne auf meinen Rat hin seinen Weg bis Rendsburg fortzusetzen und Dank meiner Bekanntschaft mit den Autoritäten konnte er den Kanal ohne große Kosten oder Verzögerungen durchfahren.

Herr Verne hat mir einige Tage später einige Zeilen aus Kopenhagen- wo die St Michel sich derzeit befindet- zugeschickt, in denen er zum Ausdruck bringt, dass er mir den Dank für die liebenswerte Aufnahme, die er bei uns gefunden habe, übermittle.

Ich bin glücklich. Einem so großen Mann einen kleinen Dienst erwiesen zu haben.

Nehmen Sie, Monsieur, die Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung entgegen.

 

Peter Becker

 

 

 

"Dann los“, rief mein Bruder, "Es soll nicht gesagt werden können, dass Bretonen gegenüber einem Hindernis keinen Dickkopf haben! Die Saint-Michel ist zu lang? Dann trennen wir doch einfach die Nase der Saint-Michel, das heißt ihren Klüverbaum, ab und wenn es sein muss, entfernen wir auch noch das Namensschild von ihrem Bug!"

"Einverstanden", antwortete ich, "aber lasst uns damit warten, bis die Yacht bei der ersten Schleuse ankommt."

 

Sobald man wusste, dass wir den Eiderkanal passieren wollten, begannen die Diskussionen unter den Landleuten, Händlern oder Zulieferern, die die Ankunft einer französischen Yacht angezogen hatte. Die Mehrheit behauptete, dass die Durchfahrt unmöglich sei. Wir ließen sie reden und reisten nach Rendsburg ab, wo wir gegen sechs Uhr abends anlangten.

 

 

(FP Anmerkung zum Kartenausschnitt aus Murray´s 1875: Die Route der Saint Michel III geht von Tönning im Westen am Mündungstrichter der Eider bis zur Kiel Bay an der Baltic Sea (Ostsee) im Osten. Diese orangene Strecke markiert genau die Grenze zwischen dem Herzogtum Schleswig im Norden und dem Herzogtum Holstein im Süden. Im Westen fährt das Dampfboot zunächst auf der Tide-Eider, um dann ab der Schleuse in Rendsburg im Osten auf dem Eiderkanal bis Holtenau mit der Ostsee-Schleuse zu gelangen. Im Nordosten ist die Insel Fehmarn zu erkennen. Nördlich dieser Insel verläuft die Route von Kiel nach Kopenhagen. Etwa in der Mitte zwischen Tönning und Rendsburg ist am südlichsten Punkt der Eider der Ort Wittenbergen eingetragen.)


[21] Ein Irrtum: es war der Morgen des 16. Juni (s.o.)