Über die Nordsee zur Jademündung

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Über die Nordsee zur Jademündung

Er ist doch ein Lotse ersten Ranges, dieser Teufel von Atkins! Trotz seiner fünfzig Jahre hat er nicht nur ein gutes Auge, vielmehr einen unglaublichen Scharfblick! Bei Nacht so gut wie am Tage nimmt er die Leuchttürme, die Leuchtfeuer oder "light-boats", die Schiffe und das Land eine gute viertel Stunde vor allen anderen Leuten wahr. Und dann dieser tolle Seesack, dieser sagenhafte Sack - der Seekarten, Hafenpläne und Segelanweisungen in sich birgt und vor allem ein Fernrohr! Du lieber Gott, und was für ein Fernrohr! Es stammt, so scheint es, von einem großen norwegischen Schiff, das auf den Sandbänken von Goodwin, an der Einfahrt zur Themse, schiffbrüchig geworden ist. Alle Mann gingen verloren, doch das Fernrohr wurde gerettet und Thomas Atkins sagt, er würde es auch nicht für viele dieser Pfund Sterling, auf die er doch sonst so scharf ist, abtreten.

 

Was mich betrifft, so würde ich es umsonst hergeben, wenn es mir gehörte; vielleicht würde ich demjenigen sogar noch etwas zu bezahlen, der mir das Ding vom Hals schaffte, weil ich niemals irgendetwas, weder Land, noch Leuchtfeuer, weder Schiff, noch Boje, noch Bake durch dieses jämmerliche Strandgut hindurch erkennen konnte.

 

Als wir auf der offenen See ankamen, blies da immer noch der Nordwestwind, ein wenig abgeflaut zwar, das stimmt, aber stark genug, um uns Sorgen zu bereiten. Wir haben eine lange Fahrt zu machen, ohne einen Zwischenhafen außer dem auf Texel[15] nördlich der Zuidersee, dessen Einfahrt äußerst schwierig ist. Haben wir diesen Hafen einmal achteraus gelassen, dann müssen wir, komme was wolle, die Fahrt fortsetzen. Der Wind nahm nach und nach zu und es war zu befürchten, dass er bei Sonnenaufgang stark auffrischen würde. In diesen wenig tiefen Küstengewässern, höchstens fünfzehn bis zwanzig Faden Wasser, geht die See schnell hoch, sie wird kurz und grob und kann ein Schiff, das so flach im Wasser liegt wie die Saint-Michel in Bedrängnis bringen.

 

Wir dachten daher ernstlich daran, die Reise auf Texel zu unterbrechen. Jedoch, auf der einen Seite die Widersprüche von Thomas Atkins, der keine Sorgen damit haben wollte, dort nachts einlaufen zu müssen, auf der anderen Seite der Anstieg des Barometers, entschieden wir, die Fahrt fortzusetzen. Mit Sonnenaufgang nahm der Wind, wie es vorausgesehen worden war,

 

merklich zu; gleichzeitig drehte er aber auf Nord, was für uns günstiger war. Mit seitlichem Wind erreichte die Saint-Michel, unterstützt durch ihr Großsegel, ihr Vorgaffelsegel, durch die Stagfock und ihr Klüverfock bald eine Geschwindigkeit von zehn Knoten. Überdies verbesserte sich die Wetterlage im Laufe des Abends und gegen neun Uhr erreichten wir die Öffnung des Jadebusens. Dort heuerten wir einen Bremer Lotsen an, dessen kleine Goelette die See am Eingang der Bucht stampfte, und der es übernahm, uns nach Wilhelmshaven zu leiten, wo unsere Yacht gegen Mitternacht ankam.

 

Montag, 13. Juni

Wir haben gutes Wetter. Die Küste ist in Sichtweite. Die Feuer der Leuchttürme sind zu sehen. Feuerschiffe. Wir nehmen einen Lotsen, der sich im Meer auf einer Goelette befindet. Er fordert 5 Pfund, um uns nach Wilhelmshaven zu geleiten. Die Fahrt bietet Schwierigkeiten, die Leuchtfeuer, das enge Fahrwasser. Um Mitternacht kommen wir mit einem zweiten Lotsen (37 Francs 50), den wir an einer Station auf dem Fluß übernommen haben, vor dem Hafeneingang an.

 


[15] "Was ist denn mit Ijmuiden?" fragt der niederländische Übersetzer.