Reisende und Reiseziele

Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

Reisende und Reiseziele

So ist die Saint-Michel beschaffen. Was ihren Eigner, Jules Verne anbetrifft, so kennt ihn ein jeder. Es schickt sich nicht für seinen Bruder, eine Lobrede auf ihn zu halten. Ich will nur gesagt haben, dass sich dieser unermüdliche Arbeiter schließlich doch manchmal überanstrengt. Dann braucht er unbedingt Ruhe, und die findet er nirgendwo so vollkommen, wie auf seiner Yacht inmitten des Wogens der See.

Man glaubt im Allgemeinen, dass er an Bord arbeitet. Irrtum; er ruht sich hier während einiger Monate aus und erholt sich wieder. Übrigens ist er ein kräftig zulangender Tischgenosse, dem die Seekrankheit unbekannt ist, ein unerschütterlicher Langschläfer, welches Wetter auch immer sei, und vor allen Dingen ein sehr fröhlicher und äußerst zuvorkommender Gefährte.

Doch ich will innehalten, denn ein wenig weiter dringe ich auf ein Gebiet vor, das mir untersagt ist. Man könnte mich sonst vielleicht der Parteilichkeit bezichtigen.

Abgesehen von zahlreichen Ausflügen im Ärmelkanal und längs der Küsten der Bretagne, hat die Saint-Michel schon zweibedeutende Reisen gemacht. Im Jahre 1878 lief sie von Nantes aus und brachte Raoul Duval, Jules Hetzel jun., meinen Bruder und mich bis in die Gewässer des westlichen Mittelmeeres. Sie lief Vigo, Lissabon, Cadiz, Tanger, Gibraltar, Malaga, Tetuan, Oran, Algier an und stand die wenigen Tage stürmischen Wetters tapfer durch, von denen auch diese Seereise keine Ausnahme machte. Es ist sehr schwierig, den Zauber in Worte zu fassen, den man verspürt, wenn man unter diesen Umständen die wunderbaren Strände von Spanien, Marokko und von Algerien besucht. Das gilt nicht minder, wollte man von den Eindrücken der zweiten Reise erzählen, die Edinburgh und die Ostküste von England und Schottland zum Ziel hatte. Vielleicht veröffentlicht mein Bruder eines Tages die Memoiren der Saint-Michel, und das, so hoffe ich, könnte nur zum Aufschwung des Gefallens am Yachtsport in Frankreich beitragen.

 

Dieses Jahr ging es ursprünglich darum, auf dem Wege über Christiania[7], Kopenhagen und Stockholm nach Sankt-Petersburg zu segeln. Aber Beweggründe verschiedener Art veranlassten uns, diesen Reiseweg abzuändern. Wir hatten es sogar schon aufgegeben, die Gewässer der Ostsee zu besuchen, und wenn wir doch dahin gefahren sind, so hängt das mit völlig unvorhergesehenen Umständen zusammen, wie man ja im Verlaufe dieser Erzählung sehen wird.

 

Die Saint-Michel wird von Kapitän Ollive befehligt, der von der kleinen Insel Trentemoult stammt, einem entzückenden Erdenwinkel, der ganz und gar für sich mitten in der Loire auf den Strand gesetzt, stromabwärts von Nantes liegt und der, genauso wie der Marktflecken Batz, seine besonderen Sitten und Gebräuche bewahrt hat. Mit einem Küstenschifffahrtspatent und fünfundzwanzig Jahren Erfahrung in der Schiffsführung versehen, ist unser Kapitän ein lebenskluger Mann, ein gestandener Seemann, dem man ganzes Vertrauen schenken kann.

 

Wenn ich nun noch berichte, dass die gänzlich bretonische Besatzung aus einem Maschinisten, zwei Heizern, einem Obersteuermann, bei dem es sich um den Sohn des Kapitäns handelt, drei Matrosen, einem Schiffsjungen und einem Koch besteht; wenn ich hinzugefügt habe, dass wir zusammen vier Passagiere an Bord sind: Jules Verne, Robert Godefroy, Advokat aus Amiens, mein ältester Sohn[8] und ich, dann kennt der Leser die Yacht Saint-Michel und ihr Personal jetzt vollständig.


[7] das heutige Oslo

[8] Gaston Verne, geboren 1860, der 1886 ein Attentat gegen seinen Onkel Jules Verne verübte, dessen Umstände nicht ausreichend geklärt sind. Er soll während des ersten Weltkrieges in einer psychiatrischen Klinik in Luxemburg gestorben sein. Nach Volker Dehs ist Gaston Verne 1938 verstorben.