Jules Verne: Das Tagebuch der Skandinavienreise 1861

Erläuterungen zum Tagebuch und eine Interpretation der ersten Seite (Deckblatt). Die Textstellen aus dem Tagebuch sind in eine vollständige Aussage transformiert und in der Darstellung blau gefärbt.

Zu Quellen und Inhaltsverzeichnis Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861

Das Tagebuch der Skandinavienreise 1861

von Friedemann Prose (August 2011)

 

Im Romanfragment (s.o.) schreibt Jules Verne:„Ich besaß ein Notizbuch englischer Herkunft "Henry Penny´s patent."In der Collection Jules Verne in Amiens wird ein Tagebuch des Schriftstellers aufbewahrt. Die Handschrift hat dort die Bezeichnung V5 Jules Verne. Carnet du Voyage en Scandinavie de 1861 (autographe).

Jules Verne, Tagebuch der Reise nach Skandinavien 1861
Quelle: Bibliothèques d'Amiens Métropole, Collection Jules Verne, Ms 12.

Das in Leder gebundene Tagebuch hat als Hersteller-Bezeichnung “Henry Pennys Patent Improved Metallic Books”. Es hat an der Seite die Halterung für einen Schreibstift und kann mit einer Messingklammer verschlossen werden. Im Inneren befindet sich ein Text in der Handschrift von Jules Verne mit der Angabe von Tagen, Orten und z.T. Uhrzeiten, die einer Reise zugeordnet werden können. Im Romanfragment wird angegeben, dass die Abreise am Dienstag, d. 2. Juli um fünf Uhr zehn vom Gare du Nord stattfand. Tatsächlich beginnt das Tagebuch mit der Notiz: Endlich müssen wir abreisen. Dienstagabend, der 2. Juli. Abreise um 5 Uhr 10 mit der Eisenbahn nach Norden (TB S.2). Wir haben es hier also mit der Fortsetzung der im Romanfragment begonnenen Reisebeschreibung zu tun.

 

Auf dem Deckblatt des Tagebuches steht groß und unterstrichen die Jahreszahl 1861 (TB S.1). Das Deckblatt ist die erste Seite von insgesamt achtzig, die von mir als TB fortlaufend durchnummeriert wurden. Die letzte Seite schließt mit Ende der Skandinavienreise (TB S.80). Eine Überprüfung zeigt, dass die auf den Seiten mit Datum angegebenen Wochentage mit denen des Jahres 1861 übereinstimmen.

 

Noch können wir nicht ausschliessen, dass es sich im Tagebuch um eine fiktive Reise handelt, die Jules Verne auf der Basis beeindruckend sorgfältiger Recherchen beschreibt. Das Romanfragment enthält aber Angaben, die so präzise sind, dass sie sich für eine Überprüfung eignen. So wollten die Freunde am Abend des Freitag, d. 5. Juli in Lübeck sein, um dort auf der Svea einzuschiffen. Für einen Zwischenaufenthalt in Hamburg waren 24 Stunden eingeplant.

 

Den Angaben im Tagebuch ist zu entnehmen, dass die Abreise von Hamburg nach Lübeck am Donnerstag, den 4. Juli erfolgte (TB S.8). Lübeck wurde demnach gegen Abend des gleichen Tages erreicht (TB S.9). Zu den Aufzeichnungen über diesen Donnerstag gehört eine Zeichnung von Jules Verne, die unverkennbar das Lübecker Holstentor abbildet (TB S.10).

 

Meine eigenen Recherchen in den Archiven meiner Nachbarstadt Lübeck führten zu dem Ergebnis, dass Jules Verne tatsächlich zu dem im Romanfragment und im Tagebuch angegebenen Zeitpunkt in der Hansestadt war. In der Beilage zur Nr. 158 der Lübeckischen Anzeigen vom 8. Juli 1861 findet sich unter der Rubrik "Angekommene Fremde" in Bezug auf das Hôtel de l´Europe der Eintrag "Hr. A. Hignard, Componist, u. die Herren J. Verne und E. Lorois, Advocaten, von Paris". Am 8. Juli waren die französischen Reisenden nach den Tagebuchaufzeichnungen allerdings bereits abgereist und in Skandinavien angekommen. Der Zeitungseintrag in der Beilage erfolgte wohl wegen des Wochenendes nicht mehr in der Woche der Ankunft selbst, sondern erst am darauf folgenden Montag.

Wir erfahren die Namen der Reisebegleiter von Jules Verne, von denen wir aus dem Romenfragment bisher nur die Vornamen kannten: A. Hignard und E. Lorois. Die Berufsbezeichnungen Componist für Aristide Hignard sowie Advokat für Èmile Lorois stimmen mit denen im Romanfragment überein. Auch Jules Verne war 1861 noch nicht der berühmte Schriftsteller, sondern verdiente sein Brot als Anwalt.

 

Darüber hinaus wissen wir jetzt, dass die Reisenden im Hôtel de l´Europe abgestiegen waren. Als Mitbringsel von hier hat Jules Verne die Speisekarte mit dem Menü von Freitag, d. 5. Juli 1861, dem Tag der Abreise nach Schweden also, zurück nach Frankreich gebracht. TABLE D´HÔTEL Hôtel de l´Europe. MENU. Freitag d. 5. Juli 1861. In der Collection Verne in Amiens wird dieses Dokument unter V6 Souvenirs rapportés par Jules Verne de son voyage en Scandinavie de 1861 aufbewahrt. Es trägt die Bezeichnung V6.a. Menu de l´Hôtel de l´Europe (Lübeck) du 5. Juillet 1861.

 

Auch die Angaben über die Svea, mit der die Freunde von Lübeck nach Schweden reisen wollen, werden durch Nachforschungen vor Ort bestätigt. In der schwedischen Zeitung Ystads Tidning von Freitag, den 14. Juni 1861 findet sich eine Anzeige der Reederei E. Wedberg & Co.. Danach fahren ihre Dampf-Schoner Svea, mit dem Kapitän P.G. Nylén, sowie Bore regelmäßig die Strecke zwischen Lübeck und Stockholm und umgekehrt. Auf der Route von Lübeck wird nach den Angaben der Reederei ein Zwischenstopp sowohl in Ystad als auch in Kalmar eingelegt. Am 5., 10., 15., 20., 25. und 30. jeden Monats fährt je eines dieser Schiffe von Lübeck und von Stockholm ab. Aus meiner Sicht kann somit als Tatsache gelten, dass die Freunde Hignard, Lorois und Verne am 5. Juni 1861 von Lübeck aus auf der Svea mit dem Kapitän Nylén über die schwedischen Häfen Ystad und Kalmar nach Stockholm gereist sind.

 

Die entsprechenden Angaben im Tagebuch über weitere Stationen und Zeitpunkte der Reise werden später auch durch Mitteilungen der Fremdenpolizei für Stockholm, Oslo und Kopenhagen bestätigt. Das Tagebuch von Jules Verne ist ohne Zweifel die korrekte Wiedergabe der Daten über eine tatsächlich erfolgte Skandinavienreise im Jahre 1861.

 

Aus dem Deckblatt des Tagebuches (TB S.1) haben wir bereits die Information über das Jahr der Skandinavienreise abgeleitet. Darüber hinaus sind auf der Seite zwischen Textelementen einfache Additionen enthalten, wie z.B. die Zahlen 1080 plus 70 und die zugehörige Summe 1150.(TB S.1). Es könnte sich hier um Teilkalkulationen der Reisekosten handeln.

 

Weiter finden wir einige Namen in zusammenhängenden Blöcken aufgelistet. Vandenbroke (?), G. Laureau, L. Montigny stehen dort mit einer Klammer und dem Zusatz de Paris verbunden (TB S.1).

In einem anderen Block, der wiederum durch eine Klammer verbunden ist, finden wir die Namen Eugene Vicaire, Octave Keller und Edmond Fuchs (TB S.1.). Neben der Klammer steht ein Ausdruck, den ich als Mineningenieure Frankreich lese. Nachforschungen in den Annales des mines ergaben, dass alle drei Namen mit der École de Mines de Paris zu tun haben. Sowohl Eugène Vicaire als auch Octave Keller promovierten dort 1858. Edmond Fuchs, 1837-1889, war Geologe und Mineningenieur. Er lehrte an der Ècole des Mines in Paris Topographie und Geologie. Die französische Regierung hatte ihn mit zahlreichen Bergwerks- bzw. mineralogischen Untersuchungen in den Kolonien betraut.

Über die École des Mines gibt uns Murrays Handbuch für Besucher von Paris genauere Auskunft: „Die Ècole des Mines war in Paris am südlichen Boulevard St. Michel gelegen. Sie wurde 1783 gegründet. In der Winterzeit gab es dort Vorlesungen über Bergbau (mining), Mechanik, Chemie, Mineralogie, Geologie und Paläontologie. Die Sammlungen zur Mineralogie, Geologie und fossilen Organismen sind sehr ausführlich und bewundernswert arrangiert. Das Hauptziel der Einrichtung ist die Ausbildung von Mineningenieuren. Eine bestimmte Anzahl von Schülern der École Polytechnique werden jedes Jahr aufgenommen und werden nach dreijährigem Studium Bergbauingenieure im Regierungsdienst. Die Vorlesungen über Mineralogie, Geologie und Paläontologie sind öffentlich. Zur Ècole des Mines gehört eine gute Bibliothek, die täglich von 11 bis 3 mit Zutrittskarten vom Direktor benutzt werden kann, sowie ein gut ausgebautes chemisches Laboratorium.“ (Mu S.114 f.). (n. Murray, John (1876). Murray´s Hand-Book Paris. Eights edition. London: John Murray).

Dies weist darauf hin, dass Jules Verne sich wohl vor seiner Skandinavienreise mit Mineralogie und Bergwerken beschäftigt haben dürfte. Ein Vorgriff auf das Tagebuch: am 25. Juli gelangt er auf seiner Reise nach Kongsberg (Norwegen) und besichtigt die dortigen Silberminen (TB S.53). Die Annahme, dass ein Zusammenhang mit dem zeitnahen Roman Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864) besteht, liegt nahe.

Haben die oben genannten Personen auch das Profil des Professor Lidenbrock sowie seines Neffen Axel in Reise zum Mittelpunkt der Erde beeinflusst ? Professor Lidenbrock hält Vorlesungen und Demonstraionen zur Mineralogie. Über Lidenbrock schreibt Jules Verne: „er vereinte sein Genie als Geologe mit dem Blick des Mineralogen.“(ME, S.4 f.) Er arbeitete mit dem Geologenhammer, Stahlmeissel, Magnetnadel, Lötgerät und Salpetersäure im Labor. Sind hier im Roman Gegebenheiten und Personen an der Pariser Ècole des Mines geschickt mit entsprechenden in der Hansestadt Hamburg verbunden worden ?

 

Auf dem Deckblatt sind auch Datumsangaben zu erkennen. Genannt werden der 13.,14. Juli 1861. (TB S.1). An diesen beiden Tagen hielt sich, wie später näher beschrieben wird, die kleine Reisegruppe noch in Stockholm auf . Am 14. Juli war aber auch die Abreise aus der schwedischen Hauptstadt zum Götakanal (TB S.34).

Die nächsten Datumsangaben auf dem Deckblatt sind der 17.,18.,19. Juli 1861 (TB S.1). Am 17. Juli war die Schiffsreise auf dem Götakanal beendet und die Freunde gingen in Göteborg an Land (TB S.39). Am 18. und 19. Juli befanden sie sich an Bord der Viken, von der sie noch am 19.Juli in Christiania, dem heutigen Oslo, von Bord gingen (TB S.42).

 

Weitere Eintragungen deuten auf einen Zusammenhang mit Norwegen hin. So z.B. das Wort Sandvigen. Hier könnte es sich um Sandviken, die Bucht von Sandvik handeln.Jules Verne besuchte den Ort von Christiania aus am Dienstag, d. 23. Juli (TB S.49).

 

Last but not least finden wir auf dem Deckblatt des Tagebuches einen Eintrag in einer skandinavischen Sprache, wohl dänisch oder norwegisch, der ein bedeutsames Reiseziel benennt und als ein Schlüssel für das Verständnis wichtiger Teile der Reisebeschreibung gelten kann (TB S.1):

Herre Boeck sende os her til herre Ole Dahle

 

Übersetzt heisst das: Herr Boeck schickte uns hierher zu Herrn Ole Dahle. Der Textausschnitt unten zeigt diese Passage aus TB S.1:

Textausschnitt von TB S.1

Weiter vorgreifen will ich hier nicht. Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, die Reise Abschnitt für Abschnitt zu rekonstruieren. Dabei greife ich in erster Linie auf meine Kopie des Tagebuches zurück. Der Text ist schwer zu entziffern und die vorgeschlagene Interpretation der Einträge ist vorläufig sowie unvollständig. Um einen Eindruck zu vermitteln ist unten die TB S.1 ungekürzt wiedergegeben:

 

Jules Verne: TB S.1 des Tagebuches der Skandinavienreise 1861. Quelle s.o.

 

Hilfreich sind auch die Abbildungen von Gebäuden und anderen Landmarken, die Jules Verne gezeichnet hat. Dem Ortskundigen sagen sie, wo Verne sich konkret befand. Schließlich ist da noch der bereits erwähnte Murray´s, der Reiseführer dessen Auskünfte über Skandinavien die drei Freunde schon vor der Reise so eifrig studiert haben.

 

zu Quellen und Inhaltsverzeichnis Kiel maritim: Jules Verne´s Sommer 1861

und

Verne, Jules (1864). Voyage au centre de la terre.Paris: Hetzel