Vergnügen im Tivoli

 Aus: Jules Verne´s Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881

(v. Friedemann Prose, Kiel 2012, Ed.)

 

Vergnügen im Tivoli

 

Kopenhagen, einst ein einfaches kleines Fischerdorf, in dem eine Burg zum Schutz gegen die Seeräuber des Baltischen Meeres errichtet wurde, hat sich seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts zur Hauptstadt des dänischen Königreiches entwickelt. Die Stadt zählt heute fast vierhunderttausend Einwohner[51]. Seit ihre Befestigungen geschleift worden sind, hat die Stadt eine sehr große Entwicklung genommen und wird bald, wenn sie weiterhin so schnell anwächst, die gesamte Bevölkerung Dänemarks in sich aufnehmen.

 

Es ist heute eine moderne Stadt, die aus den Feuersbrünsten der Jahre 1728 und 1736 und dem Bombardement des Jahres 1807[52] zum Vorschein getreten ist. Die neuen Stadtviertel mit ihren breiten Boulevards und den riesigen Grünanlagen, in denen es Quellwasser fast im Überfluss gibt, sind prächtig.

 

Der Tivoli-Garten, der genau auf dem historischen Platz der früheren Festungswerke angelegt wurde, ist eine Einrichtung, die auf der ganzen Welt ohne Konkurrenz ist. Er ist der Treffpunkt all derer, die einen angenehmen Abend verbringen wollen, und sein sehr künstlerischer Direktor, M. Bernard Olsen, hat mit Recht den Erfolg verdient, der seine Anstrengungen gekrönt hat.

 

In der Tat ist nichts so bezaubernd wie eine Abendgesellschaft im Tivoli, vor allem an den Tagen der großen Kirmes[53]. Der Garten ist dann auf eine hinreißende Art und Weise beleuchtet; das durch verschiedenfarbige Glasglocken bunte Licht funkelt unter den großen Bäumen; mit venetianischen Lampions geschmückte Barken gleiten auf dem kleinen Binnensee[54] umher; kein Café, kein Theater, das zu diesem Fest der Augen nicht seine eigene Note beiträgt; der Türkische Palast scheint von den Ufern des Bosporus an diesen verzauberten Ort versetzt worden zu sein, und ein Labyrinth, das nach den Plänen des französischen Architekten Le Nôtre errichtet wurde, aber durch die lichterfüllten Ausblicke beträchtlich ausgedehnter wirkt, hält einen gegen seinen Willen gefangen, wenn man nicht im Besitz des Ariadnefadens ist. Zwei vortreffliche Orchester bringen eins nach dem andern ernste und leichte Musik zu Gehör. Bühnen mit gut einstudierten Ballets, mehr oder weniger erstaunliche Akrobaten, bieten ein abwechslungsreiches Schauspiel, das für jeden Geschmack etwas Passendes bereit hält: man hat lediglich die Qual der Wahl.

 

Schließlich gibt es noch etwas für diejenigen, die den Nervenkitzel einer rasenden Abfahrt lieben: die Berg- und Talbahn mit drei Steilhängen hintereinander,- und was für steilen Hängen, besonders der dritte! - die Berg- und Talbahn[55] verschafft einem für sechzig Centimes[56] eine halbe Minute Herzensangst. Wenn man es zum Beispiel erstmals versucht, ist man kaum abgefahren, da bedauert man es schon. Vor dem ersten Steilhang möchte man gerne herausspringen; beim zweiten denkt man an seine Familie; aber beim dritten ist der Stoss derart grob, die Lore die einen wegträgt scheint in Folge der erreichten schrecklichen Geschwindigkeit so gewiss aus den Schienen zu springen, dass man gern sein Testament machte wenn nicht im nächsten Augenblick ein letzter Stoss das Ende der Marter anzeigte, indem er einen in die Arme der Angestellten schleudert, die dort aufgestellt sind, um einen aufzufangen. Man ist heil angekommen!

Sei glauben vielleicht, dass man nach dieser entsetzlichen Fahrt davon genug hat? Überhaupt nicht: man beginnt sie von vorn an.

 

 


[51] Der Hartleben-Übersetzer verbesserte zu: "zweimalhundertdreißigtausend Einwohner".

[52] Das Bombardement von Kopenhagen durch die Engländer fand in Wirklichkeit im September 1807 statt. In der Hetzel-Ausgabe, aber auch im Ursprungstext von Paul Verne wird fälschlich das Jahr 1808 genannt.

[53] In der Hartleben-Übersetzung wird hier der Ausdruck „Storfest“ benutzt, also großes Fest. Wahrscheinlich ist das Johannisfest zur Sommersonnenwende gemeint.

[54] ein "launisch gewundenes Gewässer"

[55] „Les montagnes russes“ im Französischen.

[56] für zehn Öre (11 1/2 Pfennige)